Autor Thema: Verschiedene 'Angstreaktionen' von Spinnen  (Gelesen 235 mal)

Clemens Dönges

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Verschiedene 'Angstreaktionen' von Spinnen
« am: 2021-07-13 12:47:08 »
Hallo allerseits;

Ich mach hier mal einen thread auf für verschiedene Angst-, Abwehr- und Drohreaktionen von Spinnen. Zum Teil gibt es ja typische Verhaltensweisen von Gattungen oder Familien, und auch sonst würden mich Beobachtungen von euch interessieren.

Zunächst mal ein typisches Verhalten, im weiteren Verlauf können gerne weitere hinzugefügt werden.

(1) Zittern
Das ist natürlich ganz klassisch in den Pholcidae, ich habe es aber auch schon bei halbwüchsigen Jungtieren der Araneidae, speziell Araneus diadematus, beobachtet.

Dazu meine Fragen:
- Ist das um a) größer zu wirken oder b) 'unsichtbar' zu werden? Ich habe beide Thesen schon gehört...
- Habt ihr das Verhalten noch bei anderen Arten/Familien beobachtet?

Alles Gute,
Clemens

Clemens Dönges

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Re: Verschiedene 'Angstreaktionen' von Spinnen
« Antwort #1 am: 2021-07-13 19:33:31 »
(2) am Faden fallenlassen

Das ist wahrscheinlich die klassische Reaktion etlicher netzbauender Arten. Viele Araneidae und Theridiidae kauern sich zusammen (ziehen die Beine an) und lassen sich fallen. Metellina (Tetragnathidae) zieht die Beine meist nicht an, sondern streckt sie nach meiner Erfahrung regelmäßig nach vorn und hinten aus (sieht frei hängend etwas komisch aus...).

Ich habe zudem den Eindruck gewonnen, das Jungtiere meist schneller wieder hochklettern. Ganz kleine kommen oft wieder hoch wie ein Yoyo...

Linyphiidae laufen bei Störung erstmal unter dem Netz hin und her. Fallenlassen und Totstellen habe ich weniger (garnicht?) beobachtet, obwohl die meisten Arten keinen Schlupfwinkel haben. Habt ihr da andere Erfahrungen?

Benjamin Fabian

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Re: Verschiedene 'Angstreaktionen' von Spinnen
« Antwort #2 am: 2021-07-19 20:21:33 »
Hallo,

von den beiden Zitter-Hypothesen erscheint mir die mit der "Unsichtbarkeit" plausibler. Für einen potentiellen Prädator (Vögel?) dürfte eine größer wirkende Pholcidae wohl bloß noch attraktiver sein. Wenn sie so stark zittern ist die Position des Körpers kaum zu erkennen. Aber vielleicht nehmen andere Tiere das auch anders wahr als wir. Außerhalb der Arareae findet man das Verhalten auch bei Weberknechten oder noch weiter entfernt bei den Tipulidae und anderen langbeinigen Zweiflüglern. 

Wie wäre es mit "3) Hechtsprünge in die Bodenstreu"? Am beeindruckendsten habe ich das bisher bei Phlegra fasciata beobachtet. Aber auch andere Springspinnenarten dürften das ähnlich machen. Ist das vielleicht auch der Grund dafür, dass man bei vielen größeren bodenbewohnenden Springspinnenarten immer mal wieder Individuen findet, die extrem abgenutzt sind (Phlegra, Yllenus, Asianellus, Pellenes, Aelurillus)?

4. Auf die Rückseite von Ästen, Blättern, Blüten laufen? Philodromidae, Thomisidae und Salticidae kommen mir da in den Sinn.

Anonsten wären wohl noch die Drohgebärden einiger Spinnen zu nennen (mit nach vor gerichteten Vorderbeinen und geöffneten Cheliceren). Das Verhalten sieht man häufig bei den Thomisidae. Ich habe es aber auch schon bei Trochosa und Winkelspinnen beobachtet.

Gruß,
Benjamin

Stephan Lauterbach

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Re: Verschiedene 'Angstreaktionen' von Spinnen
« Antwort #3 am: 2021-07-20 09:32:37 »
Hallo,

finde ich cool so eine "Sammlung".

Bei den Pholcidae ist noch zu nennen:
Psilochorus simoni: Rennt bei Störung zunächst einfach weg, bei Nachstellung werden die Beine angezogen und die Spinne bleibt reglos liegen, auch bei folgendem Körperkontakt.
Pholcus opilionoides: Machen das auch, "Totstellen" (?) mit angezogenen Beinen, bei p. phalangioides habe ich das noch nicht beobachtet.

"Agressive" Abwehrhaltung:

Dysdera sp.:
Mit erhobenen Beinen und gespreizten Cheliceren
Cheiracanthium punctorium: Mit erhobenen Beinen und gespreizten Cheliceren
Pisaura mirabilis: Während sie ihre Eikokons bewachen reagiert die Art ja auch stark auf Störungen, richtet sich in Richtung der Störung aus, erhebt die Beine. Ich wurde auch von einem Weibchen welches hier bei mir zu Hause in Hälterung ihren Kokon gebaut hat bei Störung nach Drohgebärden angesprungen (Finger), könnte aber auch missinterpretiertes Verhalten sein.


Rückzug in den Schlupfwinkel bei netzbauenden Arten wurde bisher nur am Rande erwähnt.


Ich denke oft ist die Reaktion auf von der Art oder "Intensität" der Störung abhängig. Oben erwähnte Drohgebärden von Dysdera sp. kommen glaube ich auch eher bei wirklicher Bedrängung vor, zunächst laufen die meisten Spinnen ja doch einfach erstmal weg.

Wenn da jetzt hier mehr Beobachtungen folgen, müsste man das ganze mal sinnvoll strukturieren.



Clemens Dönges

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Re: Verschiedene 'Angstreaktionen' von Spinnen
« Antwort #4 am: 2021-07-20 11:40:48 »
Zu (5) Drohgebärden

Manche Arten stellen bei Drohgebärden auch den Hinterkörper auf.
Habe ich bei Clubiona gesehen (https://forum.arages.de/index.php?topic=28610), und das gleiche gibts anscheinend auch bei Eresus. Als Zweck könnte ich mir spontan vorstellen a) größer aussehen oder b) den Hinterkörper ein Stück aus der Gefahrenzone bringen. Müsste man wohl prüfen, gegen wen das Verhalten 'gedacht' ist.


Bei den Zitter-Hypothesen ist die 'Unsichtbarkeit' auch ganz klar mein Favorit. Die relevante Frage ist auch hier - glaube ich - gegen wen das helfen soll. Flugfähige Insekten zum Beispiel sehen ja oft mit einer irren zeitlichen Auflösung (mehrere hundert Bilder/sec). Ich weiß nicht, was die bei solchem Zittern dann wahrnehmen...

Simeon Indzhov

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Re: Verschiedene 'Angstreaktionen' von Spinnen
« Antwort #5 am: 2021-07-20 12:56:58 »
Beim Zittern habe ich einen anderen Vorschlag - dass die erzeugten Vibrationen einem Angriff ähneln.
Simeon

Jutta Asamoah

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Re: Verschiedene 'Angstreaktionen' von Spinnen
« Antwort #6 am: 2021-07-20 12:59:24 »
Hallo zusammen,

spannend, wie unterschiedlich Reaktionen auf Annäherung ausfallen können.

Einige der genannten beobachte ich häufig beim Einfangen von Exemplaren, die sich in meine Wohnung verirren bzw. dort leben.

Die Drohgebärde von Dysdera sp. hatte ich schon mehrfach beobachtet, sobald sie im Glas sitzt und keinen Ausweg mehr hat.

Eratigena atrica droht nur, wenn sie keinerlei Rückzugsmöglichkeiten hat. An der Wand bzw. Zimmerdecke lässt sie sich einfach blitzschnell fallen, wenn man ihr zu nahe kommt. Erst im Glas hebt sie das vordere Beinpaar und zeigt ihre Cheliceren.

Steatoda triangulosa verziehen sich bei Möglichkeit sofort in ihr Tagesversteck, im Glas hat sich heute morgen ein junges Exemplar eingekugelt und tot gestellt, bis es sich unbeobachtet fühlte und hektisch nach Versteckmöglichkeiten suchte.

Das sind natürlich keine empirischen Studien, aber mir hilft es, das erwartete Verhalten besser einzuschätzen und das Tier unbeschadet dahin zu bringen, wo es meiner Meinung nach hingehört.

Off Topic
Clemens, du fällst durch dein systematisches Denken auf, auch die Zusammenstellungen, die du zu signifikanten Chelicerenformen- und -größen bzw. signifikante Opisthosomaformen als Erstbestimmungshilfe begonnen hast, finde ich sehr hilfreich. Beide liegen ausgedruckt auf meinem Schreibtisch (alterbedingt analog...)

Wäre toll, wenn du deine Beobachtungen sowie die beginnende Sammlung hier, in Tabellenform o.ä. bringen könntest. Für mich als Laien, sind solche Zusammenstellungen spannend und sie lenken den Blick gezielt auf Details, die ich so noch nicht wahrgenommen hatte oder die mir ebenso aufgefallen sind.

Danke!

LG Jutta
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Alexander Bach

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Re: Verschiedene 'Angstreaktionen' von Spinnen
« Antwort #7 am: 2021-07-20 13:10:46 »
Bei den Zitter-Hypothesen ist die 'Unsichtbarkeit' auch ganz klar mein Favorit. Die relevante Frage ist auch hier - glaube ich - gegen wen das helfen soll. Flugfähige Insekten zum Beispiel sehen ja oft mit einer irren zeitlichen Auflösung (mehrere hundert Bilder/sec). Ich weiß nicht, was die bei solchem Zittern dann wahrnehmen...

Bestätigt ist das Verhalten auf jeden Fall schonmal als Abwehrmaßnahme gegen Salticiden. (Heuts et al. 2001)

Simeon Indzhov

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Re: Verschiedene 'Angstreaktionen' von Spinnen
« Antwort #8 am: 2021-07-20 13:39:08 »
Bei den Zitter-Hypothesen ist die 'Unsichtbarkeit' auch ganz klar mein Favorit. Die relevante Frage ist auch hier - glaube ich - gegen wen das helfen soll. Flugfähige Insekten zum Beispiel sehen ja oft mit einer irren zeitlichen Auflösung (mehrere hundert Bilder/sec). Ich weiß nicht, was die bei solchem Zittern dann wahrnehmen...

Bestätigt ist das Verhalten auf jeden Fall schonmal als Abwehrmaßnahme gegen Salticiden. (Heuts et al. 2001)

Interressant. Das kann aber durchaus ein evolutionärer Nebeneffekt sein; Pholcus phalangioides ist eine Höhlenart, die definitiv abseits von visuell jagenden Räubern evolviert ist. Andererseits aber kann diese Bewegung ("Mixer", anders als das vertikale Zittern von Smeringopinae aka Holocnemus und Hoplopholcus) älter als die Art sein und für das gesamte Pholcus-clade typisch sein, das ja seinen Diversitätsschwerpunkt in SO-Asien hat und einige Arten dort in der Vegetation leben.