Autor Thema: Tolle Symbiose mit Milben => Necrophorus vespilloides mit Poecilochirus carabi  (Gelesen 76 mal)

Sylvia Voss

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Hallo zusammen
Bin heute  - bei eher magerer Spinnen - (dafür schöner Pilz-) "Ausbeute" einem Schwarzgehörnten Totengräber (Necrophorus vespilloides) begegnet.

Das sind, wie ich immer wieder finde, sehr schöne Käfer.  Dieser war ziemlich schnell unterwegs und streifte sich immer mal die mit ihm reisenden (phorese = Wanderung) phoretischen Schmarotzermilben : Poecilochirus carabi vom Kopf. Ich konnte nur wenige Photos machen. Es ist schon wirklich interessant, wie die Tiere zusammen leben. Diese Milbenart sitzt an Kopf und Bauch der Totengräber, krabbelt ständig auf dem Käfer herum (und schmarotzt wohl eher selten mal am Käfer selbst) und wenn sie bei Aas angelangt sind, stürzen sich die Milben von ihrem "Taxi" auf das Aas, um die darauf abgelegten Fliegeneier zu vertilgen.

Da immer ganze Scharen von Milben mitreisen und die ankommenden Totengräber sofort mittels Hochrecken des Hinterleibs Pheromone zum Anlocken weiterer Totengräber abgeben und somit weitere Milbenladungen ankommen, wird das Aas von den Milben sozusagen vor dem Verzehr für die Totengräber von allen Fliegeneiern bereinigt und damit lecker hergerichtet.

Da alle Totengräber, welche im folgenden Kampf um das dort bleibende Weibchen unterlegen sind, dann das restliche Aas verlassen (falls sie nicht im Kampf sterben), nehmen sie die Milben wieder mit. Allerdings nicht alle. Auch die Milben vermehren sich dort, wo nun der enthaarte Aasrest zu einer Fleischkugel geformt vom Käferpaar fast 5cm tief in einer Art Brutkammer vergraben wird.

Das Nest der künftigen Totengräberfamilie ist in einem Gang neben eben jenem Aasballen, welcher durch die Käfer mit ihren Speichel - und Darmenzymen haltbar gemacht und zusätzlich mit einem "guten Schuß" für den Nachwuchs wichtiger Pilze (Hefen) und spezieller Darmbakterien versehen wird. Ohne Aufnahme dieser Hefen und Bakterien könnte der Totengräbernachwuchs nicht überleben. Dieser Nachwuchs wird von beiden Eltern zu Anfang alle 10-20 min mit vorverdauten Aashäppchen gefüttert. Dafür wachsen die Larven rasant. Erst nach der 3.Häutung bohren sich die Käferlarven in die Aaskugel und ernähren sich eigenständig. Nach ungefähr 1 Woche verpuppen sie sich und schlüpfen wenige Wochen später.

Damit das Männchen bei diesem Familienzusammenleben sie in dieser Zeit absolut nicht körperlich belästigt, sondert das Weibchen in dieser Zeit Pheromone ab, die dazu führen, dass das Männchen auch gar nicht erst den leisesten Versuch macht das Weibchen zu berühren. Das Weibchen selbst wird in dieser Zeit der Nachwuchsbetreuung hormonell gesteuert unfruchtbar (wie Menschenweibchen nach der Geburt durch das Hormon Prolaktin :)  )

Auch die Milben vermehren sich nun in der Brutkammer und ihre Deuteronymphen suchen gezielt entsprechend des Geruches die Käfer  (-larven) aus, an die sie sich anheften, sobald diese nach Verpuppung und Schlupf das Nest verlassen.

Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich wegen eines Photos solche "Dinge" durch die Recherche neu erfahre.   
LG
Sylvia
« Letzte Änderung: 2017-08-21 22:18:10 von Sylvia Voss »

Jürgen Guttenberger

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Re: Tolle Symbiose mit Milben
« Antwort #1 am: 2017-08-13 08:46:44 »
Ja das ist mal eine Lehrstunde der besonderen Art.

Dankeschön dafür!

Wenn ich solche Käfer sehe, tragen die IMMER diese Milben rum!

Gruß Jürgen

Sylvia Voss

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Re: Tolle Symbiose mit Milben
« Antwort #2 am: 2017-08-13 23:03:25 »
 :)
Ja und falls man meint, sie würden keine mit sich herumschleppen weil erst mal keine zu sehen sind : fangen und Käfer umdrehen, da sind immer welche!
Frei nach dem Motto "ohne meine  Milben geh ich nirgends hin"
LG
Sylvia