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Über die Identität von Coelotes vallei Brignoli 1977

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Simeon Indzhov:
Brignoli beschreibt die Art sehr sparsam nach einem Weibchen aus Italien, und Isaia und Pantini führen sie ab 2015 als species inquirenda. Ich frage mich aber, ist sie nicht wieder erkennbar: und zwar als Coelotes italicus Kritscher 1956: gerade die Abbildungen in der Erstbeschreibung liefern eine vergleichsweise kurze Epigyne (die bei Brignolis Exemplar extrem kurz ist) mit schmalem Hinterteil, mit anterior situierten Zähnen, gewölbten Atrialbögen. Auch die Vulva hat bei beiden Taxa ähnliche Form: gerade die verlängerten Köpfe hat keine andere Art, die "Stalks" sind sehr schräg und fast quer und die Basen sind klein, ähnlich wie bei Kritscher und De Blauwe. Ich finde keinen passenderen Kandidaten.
Simeon

Rainer Breitling:
Hallo Simeon,
Kann es sein, dass Du die Abbildungen verwechselt hast? Ich sehe da überhaupt keine Ähnlichkeit, und auch Brignoli, der 20 Vergleichsexemplare von C. italicus vorliegen hatte, darunter eines vom gleichen Fundort wie der Holotyp von C. vallei, sagt nicht nur, dass die neue Art keine Ähnlichkeit mit den ihm bekannten Arten hat, sondern stellt sie auch in eine andere Artengruppe (pastor). Warum denkst Du, dass er sich da vertan hat?
Beste Grüße,
Rainer

Simeon Indzhov:

--- Zitat von: Rainer Breitling am 2017-10-31 08:28:25 ---darunter eines vom gleichen Fundort wie der Holotyp von C. vallei

--- Ende Zitat ---
Hallo, Rainer,
nein, ich verwechsle nichts.
Die C.italicus in der Publikation hatte ich zwar irgendwie verpasst, aber spricht das nicht verdächtig genau für mögliche Konspezifität? (Nicht dass mir sympatrisches Vorkommen von Coelotinae nicht bekannt ist)?
Übrigens ist genau Brignoli dadurch bekannt, dass er eine Art unter mehreren Namen beschreibt (Dimitrov, pers. komment.). Ein Beispiel, der mir gerade einfällt, ist Tegenaria xenophontis & Tegenaria cottarellii. Und gegeben, dass Coelotinae-Weibchen verdammt variabel ist, könnten solche Fehler leicht passieren. Selbst Maurer, der mit der pastor-Gruppe bekannt war, beschrieb C.p.lessinensis nach beiden Geschlechtern! die später sich als synonym mit C.p.tirolensis erwies. Daher ist ein solcher Fehler gar nicht auszuschließen.
Zur Position von C.vallei in der pastor-Gruppe: eher nicht. Die meisten Arten haben parallel verlaufende Spermatheken, eckige Atrialspalten und runde Spermathekenköpfe. Die Zähne sind auch (mit der ausnahme von C.pabulator) median und nicht anterior situiert. Und gerade dies sollen die stabilen Merkmale bei Weibchen sein: Position und Orientierung der Zähne (aber nicht länge/Breite); Form des Atriums (aber nicht Breite); Form und häufig Orientation der Spermathekenköpfe; Spermathekenbasen. Der Rest (Abstand zwischen Spermatheken usw) ist variabel.
Und ich sehe gerade für Coelotes vallei und C.italicus Übereinstmung in der Morphologie (mehrere Merkmale, die ich oben aufgezählt habe)

Rainer Breitling:
Hallo, Simeon,

Natürlich ist das syntope Vorkommen verdächtig, aber dass die syntopen Exemplare vom Erstbeschreiber untersucht wurden, erfordert auch eine besonders gute Begründung der Synonymie. Die Tiere stammen ja aus derselben Probe, wurden also direkt verglichen, und trotzdem keine erwähnenswerte Ähnlichkeit gesehen. Brignoli diskutiert anhand seines recht umfangreichen Materials sogar die innerartliche Variation von C. italicus und erklärt die Art für unverwechselbar. Das wäre ja schon beinahe ein Vorwurf der Inkompetenz, und da zögere ich in diesem Fall doch noch. Selbst im Fall von Tegenaria xenophontis / cottarellii sieht Brignoli ja, dass diese beiden "Arten" sehr eng verwandt sein müssen, näher als mit jeder anderen Art, und diskutiert gezielt die Ähnlichkeiten/Unterschiede.

In Deinem Vergleich erwähnst Du "anterior situierte Zähne", aber in Brignolis Abbildung sehe ich gar keine Zähne, und auch der Text erwähnt sie nicht (oder übersehe ich da etwas? Sind die dunklen Strukturen über den Rezeptakula etwa Zähne?).


CoelotesValleiItalicus.jpg (144.11 KB . 800x369 - angeschaut 368 Mal)

Auch passt keines der angegebenen diagnostischen Merkmale zu C. italicus: die Epigynengrube soll extrem breit sein (so wie in der Abbildung, aber nicht bei italicus), viel breiter als lang (in der Abbildung etwa doppelt so breit wie lang), und mit einem sehr markanten Hinterrand, von dem in den Abbildungen von Kritscher und de Blauwe nichts zu sehen ist (de Blauwe schreibt sogar explizit, dass die Epigynengrube nur an den vorderen Seitenrändern deutlich gerandet ist). Auch die distalen Rezeptakularegionen sehen ganz anders aus. Wie erklärst Du das? Für innerartliche Variation sind die Unterschiede doch sehr dramatisch, und eine unterschiedliche Perspektive scheint auch nicht zugrunde zu liegen, ebensowenig wie fehlende zeichnerische Genauigkeit (der Text bestätigt ja die wichtigsten Merkmale, und Micheline Brignoli war im allgemeinen eine zuverlässige Illustratorin).

Der C. lessinensis-Fall ist übrigens ein schlechtes Beispiel: Maurer hatte ja eine sehr klare Vorstellung von der engen Verwandtschaft und grossen Ähnlichkeit der beiden Unterarten / Lokalformen. Dass Wang die Unterschiede nicht sehen kann, heisst für mich nicht, dass sie nicht existieren, sondern nur, dass er ihnen keine taxonomische Relevanz zuschreibt. Die Arbeit zeigt aber gut die subtile Variation innerhalb der Coelotes-Arten; so extrem wie im vorliegenden Fall postuliert scheint keines der Beispiele zu sein.

Noch etwas: Ich hatte übersehen, dass de Blauwe C. italicus in die enge Nachbarschaft von C. pastor stellt; auch wenn Brignoli das anscheinend nicht so sieht, ist dieses Argument für oder gegen die Synonymie also leider nicht brauchbar.

Beste Grüsse,
Rainer

Simeon Indzhov:
Hallo Rainer,
ja, genau diese Struktur sollen die Zähne sein: meinen Kenntnissen nach haben sie diese Form und Position und ich denke, man kann von der Coelotinae-Morphologie annehmen, dass es so ist.

Welchen Teil meinst Du eigentlich mit "Distalteil" der Spermatheken?

Zur Diagnose von Coelotes italicus kann ich nicht völlig zustimmen: Kritscher schreibt: "Oberrand sehr breit, gegen die Mitte etwas eingeengt, von der Mitte zum Unterrand sich noch etwas verschmalernd" und dann "Receptaculae seminis rechtwinklig abgeknickt, nach oben zu stark verschmalernd". Wenn man dies interpretiert und auf C.vallei überträgt, bekommt man 1: die breite "Fosette" (anteriorer Teil, Atrium), dann die abrupt nach innen gehenden Ränder und dann den "markanten Hinterrand" als posteriore Verschmälerung. Die verlängerten Spermathekenköpfe (verschmälernd) sowie den rechten Winkel der Rezeptakeln gibt es auch zwischen dem anterioren Teil und dem Hauptteil der Stalks gibt es auch.
Wie Du schon siehst, halte ich Coelotes vallei für extreme Aberration und nicht für Autoreninkompetenz.
Die beiden Merkmale, die Brignoli in seiner knappen Beschreibung (eigentlich in den Beobachtungen),für diagnostisch hielt, haben sich mMn entweder als variabel erwiesen (Breite),bzw können anders interpretiert werden. Und warum halte ich diese Interpretation für angemessen: die europäischen Coelotes sind eine konservative Gruppe (verglichen zB mit Inermocoelotes) und bei allen ist der Epigynenregion ungefähr gleich ausgeprägt, daher könnte man ausgehen, dass es sich auch in diesem Fall um die entsprechende Homologie handelt. Dass es sich zB um eine posteriore Sklerotisation wie bei Tegenaria handelt, halte ich für ausgeschlossen (oder irgendwelche andere Besonderheit).

PS wo diskutiert Brignoli die Variabilität von C.italicus? Habe in derselben Publikation nichts dazu gefunden

Und den C.p.lessinensis werde ich mir genauer anschauen. Ich erinnere mich dort, dass lediglich das Weibchen ein bisschen anders war (leicht verdrehte Spermathekenköpfe). Klingt aber interressant

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