Autor Thema: Lausen  (Gelesen 4418 mal)

Arno Grabolle

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Lausen
« am: 2009-06-28 18:14:11 »
Hallo,

Ich war dabei in einem anderen Thread zu antworten, wobei dieser lange Text zu (m)einer Sammelmethode herauskam. Also entschied ich mich, ihn als neues Thema zu veröffenltlichen. Vielleicht schließt sich ja eine Diskussion an.

Mir ist in den letzten Monaten (Forumsexkursion Weimar und Ungarn) klar geworden, dass Handfang nicht gleich Handfang ist. Das Spektrum der als „Handfang“ zu bezeichnenden Suchmethoden geht – wie ich es einschätze – von dem, was viele Naturfotografen tun: mit offenen Augen durch ein Biotop gehen und alles „aufnehmen“, was man dabei entdeckt, bis hin zu meiner intensiveren Finger-Wühlmethode, die ich mal als „Lausen“ (im Sinne der Lieblingsbeschäftigung vieler Primaten) bezeichnen will.

Zur Naturfotografen-Methode: Es ist vorstellbar, dass dabei vor allem große, bunte oder gemusterte Arten mit exponierten Ansitzen gefunden werden, wie Kreuzspinnen, Pisauriden, oder solche, die sich durch ihre Bewegungen auffällig machen (Springspinnen, Wolfspinnen). Auch werden bevorzugt Spinnen gefunden, die sich in einem gewissen Horizont aufhalten – da man nicht den ganzen Tag gebückt gehen kann v.a. der Bereich in Augenhöhe bis etwa einem Meter darunter.

Zum Lausen: Ich habe im Laufe der Jahre fesgestellt, dass alle Lebensräume wesentlich mehr Arten zu bieten haben, als oberflächlich zu sehen sind. Das begann glaube ich mit der Entdeckung, dass unter Steinen nachtaktive Spinnen ihre Tagverstecke anlegen. Das gleiche gilt für Totholz und lose Borke. Da es in vielen Lebensräumen diese vorgefertigten Verstecke nicht gibt, begann ich dann zwischen den Pflanzen, Moos oder Fallaub nach Spinnen zu suchen und siehe da – dort waren noch mehr Arten zu finden. Interessanterweise scheinen in jenen Lebensräumen, in denen große Steine als Verstecken vorhanden sind, diese von großen nachtaktiven Arten, wie Drassodes oder Coelotes in Beschlag genommen zu werden, sodass kleinere Arten hier verdrängt werden und sich trotzdem zwischen Pflanzen usw. verstecken. Auch bieten Fallaub und Moos ganz andere klimatische Bedingungen als Steine.
Mit der Zeit verlohr ich immer mehr den Respekt vor dem „undurchdringlichen Gestrüpp“ da unten und wühlte immer intensiver und tiefer. Inzwischen hocke ich mich an geeignet erscheinenden Stellen an den Boben (suche mir dabei einen relativ bequemen Sitz, weil das oft etwas dauert) und beginne mit den Händen die Pfanzen und die zwischen ihnen befindlichen Pflanzenreste, Moos und Laub regelrecht nach Spinnen zu durchlausen. Es ist vielfach überraschend, was sich dort unten für Hohlräume und Nischen befinden, die oft in großer Dichte von Spinnen und anderm (Milben, Pseudoskorpione, Weberknechte) bewohnt werden.

Das Prinzip besteht darin, dass man „den Häusern der Spinnen ihre Dächer wegreißt“. Nüchtern betrachtet und etwas bedenklich – das muss ich zugeben – zerstöhre ich die Lebens-Nischen der Spinnen (punktuell). Ohne die schützende Umgebung der Bodenstreu sind die meisten Arten völlig hilflos und laufen orientierungslos und auffällig herum. Die Ritzen und Verstecke, in die sie sich sonst bei Störung zurückziehen, haben meine Hände eingegebnet. Nebenbei kommen diejenigen Spinnen zum Vorschein, die sich durch das Einebnen in ihren Ritzen zu beengt fühlen. Wenn man dickes Mosos so durchsucht, ist es ein wenig wie das ausdrücken eines Schwammes – die kleinen Spinnen müssen aus ihren Ritzen kommen um nicht zerdrückt zu werden. Oft sitzen sie dann wie auf einem Präsentierteller – ähnlich wie bei einem Klopfschirm oder Kescher.
(Um die Umweltschützer unter uns zu beruhigen: Ich mache das nur punktuell und versuche die Moosdecke oder das Laub nachher wieder an die Stellen zu schieben, um eine schnelle Regeneration des Schadens, den ich zweifelsohne anrichte, zu ermöglichen.)

Seitdem ich so arbeite, sind z.B. Ozyptila-Arten keine Seltenheit mehr. Auch die Zora-Arten findet man eigentlich fast ausschließlich so. Eine Unmenge von Klein-Linyphiiden verstecken sich dort unten. Hahnia-Arten und diverse Klein-Dictyniden (Altella/Bromella), die als sehr selten gelten kann man nur so finden. Und eben auch Enoplognatha thoracica ist dort regelmäßig und in sehr unterschiedlichen Lebensräumen nachzuweisen.

Andere Arten, die man zwar auch ab und zu über den Boden laufen sieht, oder unter Steinen findet, werden durch diese Methode regelrecht häufig. Das betrifft z.B. viele Liocraniden (Agroeca, Apostenus und Scotina). Arctosa figurata und A. lutetiana scheinen Steine regelrecht zu meiden. In der Zeit, in der ich mich noch auf das Umdrehen von Steinen beschränkte, fand ich alle zwei Jahre mal eine A. figurata und hielt die Spinne für eine ganz große Besonderheit. Heute finde ich sie so regelmäßig, dass ich der Meinung bin, sie müsste in jedem TK Mittelthüringens mit ein wenig Trockenrasen oder einem trockenen Waldrand nachweisbar sein.

Ein ganz günstiger Nebeneffekt dieser Suchmethode: Man stößt nebenbei auch immer wieder auf Atypus und Eresus. Fast alle der mir bekannten Fundorte habe ich genau so entdeckt und nicht durch absuchen des Bodens mit den Augen im gebeugten Stand (die Weimar-Forumsexkursoner können es bestätigen – auch dort fand ich den jeweils ersten Schlauch zweier neuen Standorte beim Lausen. Später, als wir es wussten, hatten wir auch den Mut sie per Auge zu suchen und fanden auch so den ein oder anderen.).

Der große Vorteil der Methode gegenüber Bodenfallen: Man findet auch und vor allem die sessilen Bodenspinnen (also z.B Hahnia, Enoplognatha thoracica oder Asagena phalerata), die in Bodenfallen wahrscheinlich nur selten und wenn, dann nur zu einer bestimmten Jahreszeit als Männchen auftreten. Auch Eresus und Atypus müsste man dazuzählen.

Im Vergleich zur Laub-Aussieb-Methode (Reither-Sieb?), gehe ich beim Lausen viel tiefer in die untersten Schichten hinein. Viele der kleinen bodenbewohnenden Spinnen ziehen sich bei Stöhrung in Ritzen der oberen lockeren Bodenschicht zurück, die man mit den Fingern leicht durchklauben kann. Auch lause ich auch und vor allem Lebensräume ohne Fallaub, die für den Sieb ungeeignet wären.

Nachteil der Methode (neben der og. Zerstöhrung): Man verbringt viel Zeit in der Hocke (was man in jungen Jahren noch besser wegsteckt) und es ist relativ zeitaufwändig (im Vergleich zu Kescher und Klopfschirm).

Für mich schließt diese Methode (das Umdrehen von Steinen und loser Rinde eingeschlossen) die Lücke, die am Boden oft entsteht, wenn nur geklopft und gekeschert wird. Ich glaube, mit diesen drei Methoden sollte ein Lebensraum ziemlich gründlich bearbeitet worden sein.

Arno
« Letzte Änderung: 2009-06-28 18:30:18 von Arno Grabolle »

Martin Lemke

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Re: Lausen
« Antwort #1 am: 2009-06-29 11:10:33 »
Dieses Lausen betreibe ich nur eher selten, weil mir wohl die dazu Geduld fehlt, es regelmäßig zu betreiben. Es gibt aber wirklich Arten, die man praktisch nur manuell nachweisen kann (mal abgesehen von Bodenfallen).

Nach jahrelanger Exkursionserfahrung kann ich spezifischen Biotopen inzwischen ihr Potential ansehen und gezielt nach spezifischen Arten suchen. Z. B. Trockenrasen mit offenen Sandstellen. Dort suche ich nach den schwer erkennbaren Netzen von Steatoda albomaculata und werde ich fündig, gelingt mir in der Regel auch, ein Tier zu finden.

Inzwischen habe ich ein ähnliches Gespür für Sitticus distinguendus (in Schleswig-Holstein vom Austerben bedroht). In dem Falle suche ich manuell im Grenzbereich von Gräsern zu offener Sandfläche. Hoffentlich hat mich gestern niemand beobachtet, wie ich mit dem Rucksack auf dem Rücken auf allen vieren über den Sand gekrochen bin. Ich habe die Funde meiner gestrigen Exkursion noch nicht alle begutachtet, aber ich denke, ich habe auf nur einem Quadratmeter Aelurillus v-insignitus und Sitticus distinguendus gefunden. Mit dem Streifkescher wären mir beide Arten entgangen. Auf dem selben Areal fand ich im letzten Jahr auf die selbe Art Arctosa perita.

Ich halte es für sehr  wahrscheinlich, dass viele Arten übersehen werden; womit ich nicht den Gefährdungsgrad dieser Arten in Zweifel ziehen will. Wenn ich bedenke, wie viele gefährdete Arten auf dem relativ kleinen gestrigen Areal leben und dass der Sand menschliche Hinterlassenschaften wie Holzkohle (Lagerfeuer) und leere Flachen hinterlassen werden, von denen ein Teil zerschmettert wurde, kommt schon ein wenig Bitterkeit auf.

Das Reithersieb schreibt sich übrigens mit Doppel-T (Reitter – nach seinem Erfinder). Man nennt es aber auch Käfersieb. Es ist eine recht rationelle mechanische Methode, um Laubstreu durchzusieben. Der Untergrund muss aber richtig trocken sein, um es anzuwenden.

Martin
« Letzte Änderung: 2009-06-29 11:14:32 von Martin Lemke »
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Arno Grabolle

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Re: Lausen
« Antwort #2 am: 2009-06-29 12:14:36 »
Das Reithersieb schreibt sich übrigens mit Doppel-T (Reitter – nach seinem Erfinder).

... ich wusste nur noch, dass irgendwas ungewöhnlich war ... ;)

Arno

Martin Lemke

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Re: Lausen
« Antwort #3 am: 2009-06-29 12:54:42 »
Kleiner Nachtrag:
Ich habe nicht Sitticus distinguendus gefunden, sondern Sitticus saltator; meine allererste. Die ist ebenfalls vom Aussterben bedroht.

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pfeiffer

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Re: Lausen
« Antwort #4 am: 2009-06-29 13:52:13 »
Hi, Arno,

schön dass du das alles aufgeschrieben hast. Deine Methode dient gut als Ersatzmethode zum Bodenfall und Bodenlaubdurchsiebung(?). Habe ich selbst gesehen wie du das machst. Die einzige Einschränkung -- die Methode ist vielleicht nicht so gut geeignet für Länder wo Skorpione, schwarze Witwen und Klapperschlangen vorkommen. :-0

Den ganzen Text lese ich in aller Ruhe durch, wenn ich wieder zuhause bin.

-K

Arno Grabolle

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Re: Lausen
« Antwort #5 am: 2009-06-29 19:18:09 »
Kleiner Nachtrag:
Ich habe nicht Sitticus distinguendus gefunden, sondern Sitticus saltator; meine allererste. Die ist ebenfalls vom Aussterben bedroht.

Glückwunsch! Die habe ich noch nie gesehen. Es lohnt sich also mal die Finder zu nehmen ;)

Arno

Martin Lemke

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Re: Lausen
« Antwort #6 am: 2009-06-30 08:47:57 »
Deine Methode dient gut als Ersatzmethode zum Bodenfall und Bodenlaubdurchsiebung(?).

Bodenfalle sind ein anderes Kaliber. Mit ihnen kann man Biotope systematisch untersuchen. Mit den Fingern zu wühlen ist damit nicht vergleichbar und kann auch nicht die selben Ergebnisse liefern.

Mit Laubstreusiebung (Käfersieb) kann man das auch nicht direkt vergleichen. Eresus und Atypus kann man mit dem Reittersieb nicht finden, wohl aber mit Arnos Lausemethode.

Martin
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pfeiffer

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Re: Lausen
« Antwort #7 am: 2009-06-30 23:39:48 »
Bodenfalle sind ein anderes Kaliber. Mit ihnen kann man Biotope systematisch untersuchen. Mit den Fingern zu wühlen ist damit nicht vergleichbar und kann auch nicht die selben Ergebnisse liefern.

Genau das zu wissen, würde mich interessieren. Das wäre ein kleines (oder nicht so kleines) Experiment, beide Methode wissenschaftlich zu vergleichen.

-K

Martin Lemke

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Re: Lausen
« Antwort #8 am: 2009-07-01 00:05:36 »
Das wäre ein kleines (oder nicht so kleines) Experiment, beide Methode wissenschaftlich zu vergleichen.

Dazu reicht in meinen Augen ein Gedankenexperiment. Die Bodenfalle überwacht einen punktuellen Ort typischerweise 24 Stunden 14 Tage lang. Das kann der fleißigste Wühler nicht leisten.

Martin
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Arno Grabolle

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Re: Lausen
« Antwort #9 am: 2009-07-01 08:44:27 »
Ich habe auch darüber nachgedacht ...

Das, was die Bodenfalle an zeitlicher Kontinuität mit sich bringt, kann das Lausen an räumlicher Wirkung wettmachen. Ich habe mir in einem Gedankenexperiment vorgestellt, dass ich mir einen Vormittag zeit nehmen würde und eine Fläche von 10x10m gründlichst mit den Händen durchwühle. Ich glaube, dass ich dann so ziemlich jede Bodenspinnen-Art, die sich zu diesem Zeitraum auf der Fläche befindet, gesehen haben müsste. Wenn ich in die Mitte dieser Fläche eine Bodenfatte stelle, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich gleiches nach 14 Tagen schon behaupten kann. Nach 1/2 Jahr vielleicht schon eher, um sicher zu gehen, sollte man sogar ein ganzes Jahr untersuchen.

Man stelle sich zwei Firmen vor, die ein Produkt/Dienstleistung verkaufen wollen. Beide fahren eine vollkommen andere Strategie: Die eine baut im Einkaufszentrum einen Stand auf und fängt die Leute bei iheren Shopping-Touren ab. Die andere schickt einen Vertreter von Haustür zu Haustür des Viertels.
Beide Firmen werden nicht alle potenzielle Käufer erreichen. Der ersten entgehen die Stubenhocker, die höchstens ein mal im Jahr ins Shopping-Center gehen. Der anderen entgehen die, die gerade bei Freunden oder im Urlaub sind.

In Bodenfallen werden mit starkem Übergewicht laufaktive Bodenbewohner nachgewiesen. Wegen der winzigen Fläche, die so eine Falle im Vergleich zur Gesamtfläche eines Biotops ausmacht, ist man stark auf den Zufall (oder glücklichen Umstand) angewiesen und muss deshalb sehr lange warten oder anders ausgedrückt, sehr viele Proben nehmen (ein halbes Jahr alle 14 Tage), um überhaupt ein Reultat mit einer gewissen Allgemeingültigkeit zu erhalten.

Das Lausen ist dagegen sehr viel gründlicher. Sowohl laufaktive, als auch sessile Bodenbewohner (und zu einem Hohen Grad auch die Bewohner der Krautschicht darüber, die beim Suchen herunterfallen) werden ihren natürlichen Abundanzen entsprechend nachgewiesen (eine Art, die in großer Individuenzahl auf einer Fläche vorkommt, wird man häufig finden, unabhängig von ihrer Laufaktivität; eine Art, die nur in gringer Individuen-Anzahl vorkommt, findet man weniger häufig). Um eine gewisse Allgemeingültigkeit der Aufsammlung zu erhalten, sollte die abgesuchte Fläche möglichst groß sein.

Ich denke, beide Methoden haben iher Stärken und Schwächen. Ich würde keiner unterstellen, mehr oder weniger „systematisch“ zu sein. Auch den Handfang kann man systematisch betreiben (z.B. Untersuchungsfläche in Quadratmeter unterteilen und in einem bestimmten Raster (jeder 5. qm) vorgehen – an zwei/drei Terminen im Jahr).

Beide Methoden haben eine grße Schnittmenge bei den nachgewiesenen Arten (Boden-Spinnen), aber ich würde sie trotzdem nicht gleichsetzen oder eine als Ersatz für die andere bezeichnen.

Ich denke, dass Bodenfallen die einfacherere Methode sind, weil weniger Vorwissen, Übung, physische Kraftanstrenung und direkte Arbeitszeit nötig sind. Das wird der Grund sein, warum sie die verbreitetste Methode zur Bestimmung der Bodenfauna ist. Das Handsammeln halte ich jedoch insgesammt für die gründlicher Methode (aus oben genannten Gründen). Dafür muss ich mich aber schon relativ gut mit dem Suchobjekt auskennen, eine gewisse Übung darin haben und einiges an Zeit und Kraft/Konzentration investieren, was die Methode wohl meist zum Abwählkandidaten für wissenschaftliche Untersuchungen macht.

All diese Überlegungen sind natürlich nicht zuletzt nur Theorie und Gedankenexperimente. Kevin hat recht. Um es genau zu wissen, müsste man ein vergleichendes Experiment durchführen.

Arno

Martin Lemke

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Re: Lausen
« Antwort #10 am: 2009-07-01 09:46:26 »
In Bodenfallen werden mit starkem Übergewicht laufaktive Bodenbewohner nachgewiesen. Wegen der winzigen Fläche, die so eine Falle im Vergleich zur Gesamtfläche eines Biotops ausmacht

Üblicherweise werden mehrere Bodenfallen in einem Areal verteilt aufgestellt.

Zitat
Das Lausen ist dagegen sehr viel gründlicher. Sowohl laufaktive, als auch sessile Bodenbewohner

Ich würde nicht die eine Methode gegen die andere abwägen und bewerten wollen. Beide Methoden werden auf dem selben Areal zu verschiedenen Ergebnissen führen. Das Bodenfallen sessile Arten nur bedingt erfassen können, ist eine bekannte Schwäche.

Zitat
Ich würde keiner unterstellen, mehr oder weniger „systematisch“ zu sein.

Das habe ich auch nicht sagen wollen. Ich wollt lediglich darauf hinweisen, dass man diese Methoden nicht vergleichen kann. Man wird sehr wahrscheinlich nicht die selben Arten finden, wenn man beide Methoden auf das selbe Areal anwendet.

Zitat
Das Handsammeln halte ich jedoch insgesammt für die gründlicher Methode (aus oben genannten Gründen).

Die stark laufaktiven Arten werden unterrepräsentiert sein. Das ist kein Vorteil gegenüber den Bodenfallen. Es gibt ja durchaus mehr Untersuchungsziele als bloßes Nachweisen von Artvorkommen. Ich halte es für falsch, eine Methode als die bedingungslos bessere zu proklamieren.

Zitat
Kevin hat recht. Um es genau zu wissen, müsste man ein vergleichendes Experiment durchführen.

Das ist in meinen Augen Zeitverschwendung. Wie soll denn das Experiment aussehen? An welchem Parameter willst Du die Ergebnisse denn messen?

Martin
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Bastian Drolshagen

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Re: Lausen
« Antwort #11 am: 2009-07-01 10:35:06 »
hi,
ein solches Experiment ist imo unmöglich, da hier Äpfel mit Birnen verglichen werden ;-)
Ich selber habe das "Lausen" noch nie probiert, frage mich allerdings, wieviele Spinnen einem dabei durch die Lappen gehen. Wenn mal davon ausgeht, dass schon eine Pardosa (o.ä.) im hohen Gras schwer zu erwischen ist, so kann ich mir denken, dass das auch für einige relativ flotte Arten, die am Boden vorkommen, der Fall ist. Die Nachteile für Barberfallen wurden ja ebenfalls schon genannt. Ich denke es handelt sich um 2 komplett unterschiedliche Sammelmethoden. Die einzige Gemeinsamkeit der beiden Methoden ist das untersuchte Mikrohabitat.

Aloys Staudt

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Re: Lausen
« Antwort #12 am: 2009-07-01 23:27:12 »
Hallo zusammen,
aus dem Verlauf der Diskussion lese ich heraus, dass man Erfassungsmethoden nicht vergleich kann
bzw. vergleichen sollte.

Das sehe ich völlig anders. Es geht doch bei solchen Vorhaben nicht um eine spezielle
Sammelmethode, sondern um ein genau definiertes Ziel: Man will das Arteninventar einer
Fläche inklusive der Dominanzverhältnisse möglichst komplett erfassen. Jede Methode
die für dieses Ziel einsetzbar ist, kann im Prinzip verwendet werden, und muss sich dem
Vergleich mit konkurrierenden Methoden stellen. Die effizienteste Methode sollte sich dann
durchsetzen.
Übrigens zwei Methoden, die das gleiche Ziel verfolgen, müssen logischerweise
zum gleichen Ziel führen, sonst würde man sie ja nicht einsetzen. Es sei denn man postuliert
von Anfang an, dass sie sich nur ergänzen sollen. Dann muss man aber beide anwenden und
kann nicht eine einfach weglassen.

Für die Untersuchung des Stratums Boden wurden z.B. neben den Bodenfallen auch schon
Staubsauger eingesetzt. Soweit ich das im Gedächtnis habe mit bescheidenem Ergebnis im
Vergleich zu den Bodenfallen.
Ich fände den Vergleich von Arnos Methode mit den Bodenfallen sehr reizvoll. Bodenfallen
decken z.B. das Teilziel "Dominanzverhältnisse" nur indirekt ab. Man kann zwar postulieren,
dass die erfaßten Aktivitätsverhältnisse "irgendwie" eine Funktion der Dominanzverhältnisse
sein müßten, aber ohne Kenntnis dieser Funktion kann man eigentlich nicht zurückschließen.
Ich kenne keine Arbeit, die versucht diese Funktion zu ermitteln, wahrscheinlich aus dem
einfachen Grund, weil sich noch niemand eine Methode ausgedacht hat mit der man Barberfallen
bewerten könnte.
Was gemacht wurde, ist, die Barberfallenmethode zu optimieren. Das heißt, wir wissen heute
hinreichend genau, dass man z.B. mit 5 Fallen pro Lebensraum ganzjährig aufgestellt, mit
Spülmittel in der Flüssigkeit und ohne Trichereinsätze ca. 90% des Artenspektrums (genauer
ausgedrückt: des mit Barberfallen erfassbaren Spektrums) erfassen kann.
100% wird man sowieso nie erreichen, da es natürlich ein statisches Artenspektrum
überhaupt nicht gibt, und gewisse Fluktuationen nicht der Ausnahmefall sondern vollkommen
normal sind.
Ich könnte mir vorstellen, dass Arnos Methode gut geeignet wäre, die Effizienz und die
Aussagekraft von Barberfallen besser beurteilen zu können.
Erst nach diesem Vergleichstest könnte man dann festlegen welche Methode bei
ökologischen Fragestellungen zu favorisieren wäre.

_______
Aloys


 

Arno Grabolle

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Re: Lausen
« Antwort #13 am: 2009-07-01 23:58:49 »
Danke Aloys für das Statemant. So hatte ich mir das auch ungefähr vorgestellt. Man müsste einen Lebensraum in einem Jahr mit Barberfallen untersuchen und im folgenden Lausen (und den Test 5 Jahre späeter umkehren, um eine Gegenprüfund zu haben). Oder einen Lebensraum in zwei Hälften teilen und jede Teilfläche mit einer der beiden Methoden absuchen.

@Bastian: Es gab früher häufiger Fälle, in denen ich eine Spinne nicht einfangen konnte, weil sie einfach zu fink war. Das kam/kommt v.a. an heißen Tagen auf gerölligen Flächen vor (Spinnen sind augeheizt, Boden tiefgründig und Lichtverhältnisse schlecht). Wenn ich das Gefühl hatte, mir sei da etwas besonderes weggelaufen, habe ich dann immer größere Buddel-Wühl-Aktionen gestartet und den Boden um die betreffende Stelle herum „umgegraben“. Es klingt fast wie eine chinesische Weisheit: Dabei habe ich häufiger etwas ganz anderes, wesentlich interessanteres gefunden, wonach ich sonst nie gesucht hätte.

Heute habe ich eine gewisse Übung darin, die Spinnen einzufangen. Aber es gibt in der Tat immer wieder mal schwierige Fälle. Zuletzt auf einer der Exkursionen, die wir hier in Weimar beim Forums-Treffen durchführten. Ich entdeckte eine sehr kleine Micaria-Art, die ich gleich als M. dives identifizierte. Die Spinnen waren auf den aufgeheizten Trockenrasen- und Trockenhang-Flächen so ungeheuer schnell, dass man sie kaum mit den Augen verfolgen konnte. Wenn man sie beunruhigte, schalteten sie in den Turbo-Gang. In diesem Zustand glichen ihre Bewegung eher dem Springen einer Springspinne, als schnellem Laufen. Sie konnten kurze Strecken (ca. 5 cm) in solch einem Tempo zurücklegen, dass das Auge es nicht mehr sehen konnte (deshalb wirkte es wie Springen).
Ich habe in der Tat 3 oder 4 Exemplare entkommen lassen müssen, bevor ich eins ins Gefäß bekommen habe. Zum Glück stellte sich durch meine Nachsuche heraus, dass diese (in Thüringen nur ein mal in einem anderen TK nachgewiesene) Art hier überaus häufig war.

Arno

Martin Lemke

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Re: Lausen
« Antwort #14 am: 2009-07-02 06:02:21 »
aus dem Verlauf der Diskussion lese ich heraus, dass man Erfassungsmethoden nicht vergleich kann
bzw. vergleichen sollte.

Das sehe ich völlig anders.

Wenn man beide Methoden mit einander vergleichen und hinsichtlich ihrer Effektivität bewerten will, braucht man ein Norm Maß.

Man müsste also beispielsweise, das ist vielleicht das Experiment, das Kevin sich wünscht, eine Fläche von 10 x 10m bist in eine Tiefe von 100 cm spinnenundurchlässig abtrennen, dann das Areal durchlausen und anschließen für eine gewisse Zeit Bodenfallen aufstellen. Danach wird der gesamte Inhalt des Areal inklusive Bodenaushub  entnommen und komplett unter einem Mikroskop untersucht (möglicherweise dauert das ein paar Jahre intensive Arbeit). Aber selbst dann steht noch die Möglichkeit im Raum, ob nicht das Lausen der Bodenfall den einen oder anderen seltenen Fund abgeluchst hat.

Klar, könnte man den Versuch auch mit einem kleineren Areal machen, aber je kleiner die Fläche, desto schwieriger ist es in meinen Augen mit der Verallgemeinerung.

Zitat
Übrigens zwei Methoden, die das gleiche Ziel verfolgen, müssen logischerweise
zum gleichen Ziel führen, sonst würde man sie ja nicht einsetzen.

Diesen Satz verstehe ich nicht. Du meinst wohl, zwei Methoden, die das gleiche Ziel verfolgen, müssen nicht das selbe Ergebnis liefern.

Zitat
Es sei denn man postuliert von Anfang an, dass sie sich nur ergänzen sollen. Dann muss man aber beide anwenden und
kann nicht eine einfach weglassen.

Das würden sie in diesem Zusammenhang. Trotzdem beschränkt man sich bei den meisten Untersuchungen auf Bodenfallen und der vernünftige Aspekt der Methodenmischung wird außer Acht gelassen. Die Gründe dafür können nicht methodischer Natur sein.

Zitat
Ich fände den Vergleich von Arnos Methode mit den Bodenfallen sehr reizvoll.

Das Vergleichs-Problem beschrieb ich ja schon. Man kann die beiden Methoden nicht vergleichen, wenn man kein faktisches Normergebnis hat, welches die gesamte vorhandene Fauna widerspiegelt. Das Lausen findet seine Begrenzung darin, dass laufaktive Spinnen schlichtweg weg laufen können und darin, dass immer nur ein begrenztes Areal abgearbeitet werden kann und dies zudem innerhalb eines Zeitfensters, welches aus rein praktischen Gründen in der belichtete Zeit liegt (also nicht in der Nacht).

Der Einsatz von Bodenfallen erfasst dagegen ausschließlich laufaktive Arten in einem wesentlich größeren Zeitfenster, welches theoretisch unbegrenzt offen gehalten werden kann. Darüber hinaus toleriert diese Methode den Zulauf aus benachbarten Arealen. Dieser Aspekt wird in den oben beschriebenen Experiment nicht berücksichtigt. Ggf. müsste das Experiment anders gestaltet werden, aber wie auch immer man es anlegt, bleiben Unwägbarkeiten zurück, die das Ergebnis zumindest teilweise in Frage stellen können.

Zitat
Ich könnte mir vorstellen, dass Arnos Methode gut geeignet wäre, die Effizienz und die Aussagekraft von Barberfallen besser beurteilen zu können.
Erst nach diesem Vergleichstest könnte man dann festlegen welche Methode bei ökologischen Fragestellungen zu favorisieren wäre.

Hier verzahnen sich die Probleme. Zu aller erst wird man feststellen, dass man mit Arnos Methode viele seltene Arten feststellt, weil die Bewertung der Häufigkeit dieser Arten auf Befunden aus Bodenfallenaufstellungen beruhen.

Martin

« Letzte Änderung: 2009-07-02 06:11:55 von Martin Lemke »
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Bastian Drolshagen

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Re: Lausen
« Antwort #15 am: 2009-07-02 07:03:25 »
Hallo,
so wie ich das sehe müsste ein Vergleich der beiden Methoden simultan im gleichen Gebiet ablaufen. Wenn man in einem Jahr so rum und im anderen Jahr andersrum testen oder irgendwie eine zeitl. Verschiebung drin hat o.ä., so ist das Ergebnis aufgrund von Schwankungen der Populationsdichte unbrauchbar.
Hat man ein 10 X 10 m Gebiet in 1 qm Quadranten eingeteilt und pro Quadrant eine Bodenfalle aufgestellt (sagen wir über 4 Wochen), so müsste man theoretisch an jedem Tag in diesen 4 Wochen jeden Quadranten "Lausen" um einen adäquaten Vergleich zu haben. Das Problem dabei ist dann allerdings wieder, dass durch die Tätigkeit des "Lausens" die Spinnen aufgeschreckt werden und sich mehr bewegen als gewöhnlich, was zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für einen Fall in eine Bodenfalle führt. Es ist unmöglich die beiden Methoden wirklich miteinander zu vergleichen ohne die Ergebnisse zu verfälschen.
Ich werd die Methode auf jeden Fall mal probieren, bin mal gespannt was sich so alles findet :-)

@Arno: Wie siehts aus mit Arten aus der Krautschicht? Werden die auch gefunden?

pfeiffer

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Re: Lausen
« Antwort #16 am: 2009-07-02 08:31:58 »
Interessante Meinungen hier. Mich interessiert weniger die Frage, welche Methode "besser/effizienter" ist, und mehr die Frage wie/ob die Ergebnisse unterschiedlich aussehen würden und ob man das quantitativ feststellen kann. Kann man, z.B., an einem Tag beim  "Lausen" einen guten Überblick der verschieden Arten bekommen, die man sonst nur mit Bodenfällen finden würde? Wie sieht das mit Häufigkeit aus? Gibt es Arten die nur mit der einen oder anderen Methode erfasst werden?

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Arno Grabolle

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Re: Lausen
« Antwort #17 am: 2009-07-02 08:45:49 »
@Bastian: Das kommt auch auf die Habitatstruktur an. In kurzen Trockenrasen entgeht einem quasi nichts, weil die Krautschicht sehr dünn ist. Aber auch in Wiesen (wie ich oben schon erwähnte) wird man einiges aus der Krautschicht dabei haben. 1. weil das Zeug runterfällt und 2. weil das Lausen ja kein starres Prinzip ist. Ich mache ja nicht die Augen zu, bis ich an der richtigen Stelle sitze und dann beginne ich erst zu suchen. Eigentlich zoomt man so langsam in einen Lebensrum hinein ... wenn ich herantrete, sehe ich an den Grasspitzen Araneiden hängen, beim Bücken und Hinhocken scheuche ich P. mirabilis und Pardosas auf und dann gehe ich mit den Händen ins Gras und durchsuche es.

Zum Thema des Weglaufens nochmal: Besonders gute Erfahrungen habe ich mit dieser Methode immer wieder mit dicken Moospolstern z.B. in lockeren Kiefernwäldern oder ähnlichem gemacht. Dort leben dann Zora, Ozyptila, Agroeca und viele Kleinlyniphiiden. Es ist Schattig und meist nicht sehr warm. Dort gibt es eigentlich nichts, was einem wirklich weglaufen könnte. Die Arten sind zu klein oder zu langsam und man kann ihnen mit den Händen gut den Weg versperren.

Was ich noch vergessen habe zu erwähnen: Man muss immer ein offenes Gefäß in der Hand haben (Gefäß in der einen, Deckel in der anderen). Wenn man das Gras/Moos/etc. gerade zur Seite drück, und etwas entdeckt, kann man nicht loslassen um ein Gefäß herauszuholen. Dann ist die Spinne im Allgemeinen weg.

Die Eignung der Biotope für das Lausen ist sehr unterschiedlich. In manchen Wiesen oder Moospolstern findet man gar nix. Das ist dann oft ein Hinweis darauf, dass dieser Bewuchs z.B. noch nicht lange existiert (Mähwiesen z.B.) oder dass der Lebensraum aus irgendwelchen anderen Gründen ungünstig ist für Spinnen.

Arno