Autor Thema: Fotografieren von Spinnen und Bestimmen von Fotomaterial => eine Anleitung  (Gelesen 5192 mal)

Tobias Bauer

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Hallo Forengemeinde,

Der folgende Text soll vor allem denjenigen helfen, die Spinnen nur fotografieren und anschließend das Fotomaterial bestimmen lassen wollen. Wir hier im Forum respektieren das, doch möchte ich einiges zur Sache sagen.

1. Bestimmen von Fotos und Bestimmen von Spinnen

Das Bestimmen von fotografierten Spinnen und das Bestimmen von toten Spinnen unter dem Stereomikroskop sind zwei verschiedene Dinge, selbst wenn der Fotograf Fotos der Epigyne oder des Palpus (der toten Spinne unter Alkohol) anbieten kann. Hat man die Spinne vor sich, kann man das Tier wenden, die Genitalien aus verschiedenen Perspektiven betrachten, die Beine abtrennen um das Tier anders zu betten, die Vergrößerung und das Licht verändern... das sollte immer beim Aufbereiten der eigenen Fotos bedacht werden. Will man das Ergebnis einer Bestimmung, egal wer es bestimmt hat, publizieren, muss man das Tier in aller Regel in einer Museums- oder Privatsammlung hinterlegen. Nur in seltenen Ausnahmefällen ist es gestattet, z.B. nur fotografierte Ergebnisse zu publizieren (hier steht vor allem der Schutz seltener Arten im Vordergrund).

Hat man schließlich bspw. nur ein Dorsalfoto einer Spinne, ist bei geschätzten 85 % der Arten an keine sichere und schlagfeste Bestimmung zu denken. Färbung und Zeichnung sind bei etlichen Artengruppen kein gut abgrenzendes Merkmal. Mitunter mag das Forum darüber hinwegtäuschen, aber viele schwer bestimmbare Arten werden wesentlich seltener fotografiert, weil sie in schwer zugänglichen Lebensräumen leben (Detritus, Moos, unter Rinde) oder gerne aufgrund von kryptischer Tarnfärbung oder Kleinheit übersehen werden. D.h., der Focus der fotografierten Spinnen liegt oft auf leicht bestimmbaren, größeren Arten (Araneus diadematus und andere große Araneiden, diverse bunte Krabbenspinnen und Springspinnen, Eresus-Arten (zumindest für Mitteleuropa), synanthrope Arten mit Neozon-Hintergrund (Parasteatoda tepidariorum, diverse Zitterspinnen etc.). Daraus darf man aber niemals schlussfolgern, dass das für alle Spinnen gilt.

Wie steigere ich die Wahrscheinlichkeit, dass meine Spinnenfotos sicherer zugeordnet werden können?

Ohne Genitalienbilder

Neben den Genitalmerkmalen gibt es eine ganze Reihe weiterer Merkmale, die oftmals die Bestimmung erleichtern: Chelizeren mit Frontalansicht (vor allem bei Springspinnen, verschiedenen Xysticus-Arten), Ganz wichtig: Sternum, Bestachelung der Beine (siehe Wiehle-Formel für Linyphiiden), Spinnwarzen und die ventrale Färbung allgemein. Anstatt daher von der Spinne drei verschiedene oder leicht geneigte Dorsalansichten zu präsentieren, finde ich persönlich die folgende Kombination am sinnvollsten: Dorsalansicht mit Beinen in ganzer Länge, Ventralansicht, Frontalansicht. Wie schafft man es aber nun, eine Ventralansicht einer Spinne zu schießen? Man nimmt eine kleine Klarsichtdose mit ins Feld und etwas Watte. Hier kann man die Spinne mit etwas Übung in Sekundenschnelle einklemmen (Spinnen haben ein Außenskelett und vertragen so einiges) kurz ein Foto machen und dann wieder freilassen. Den reinen Naturfotografen mag das etwas Überwindung kosten, aber in aller Regel rentiert sich dieser Mehraufwand. Zudem hilft es oftmals (auch der Fotoqualität) zum Dorsalbild ein Dorsalbild in einer weißen Schüssel anzubieten (so enstehen die Bilder im Wiki mit weißem Hintergrund). Hier sind die Kontraste stärker, zudem ist die Spinne leichter fotografierbar.

Mit Genitalbildern

Sagen wir es so: Selbst verschwommene Genitalbilder helfen in vielen Fällen. Sogenannte Apomorphien, Abgrenzungsmerkmale gegenüber nahe verwandten Arten, sind mitunter leichter zu erkennen, als man denkt. Hier geht es vor allem darum, zu wissen, welche das sind und wo diese liegen. Daher gilt, lieber ein verschwommenes Genitalbild, als kein Genitalbild. Man kann das auf diesselbe Weise versuchen wie mit dem Ventralfoto: Spinne in Klarsichtbox mit Watte einklemmen und auf die Epigyne oder den Pedipalpus zoomen. Hier kommt es natürlich auch auf die Kamera an. Optimal sind immer Ventralbilder und Lateralbilder des Pedipalpus, Die Epigyne natürlicherweise immer ventral.

Ich möchte aber gerne sicher bestimmte Fotos (z.B. für eine Homepage), diverse Gründe verhindern aber eine Genitaluntersuchung

Es gibt oftmals die Möglichkeit, Tiere an erfahrene Forenmitglieder für eine Bestimmung zu verschicken. Ich mache das z.B. gerne, lasse mir aber oft etwas Zeit (1-2 Monate). Natürlich kann ich keine Bodenfallenleerungen oder Kescheraufsammlungen bestimmen. In der Regel ist das auch ein Tauschgeschäft. Wir (das Wiki-Team) bekommen dann die Fotos des Tiers und der Bestimmer darf es in der Regel behalten. Natürlich ist letzteres auch Verhandlungssache.

Insbesondere kleine, dunkel gefärbte, am Boden lebende Spinnen und Gnaphosiden sind immer interessant (v.a. bei guten Fotos).

Zusammenfassung

Folgende Kombination von Fotos steigert die Wahrscheinlichkeit einer Artbestimmung: perspektivisch sauberes Dorsalfoto gesamt, Ventralfoto mit Sternum, Frontalansicht der Augen/Chelizeren. Genitalienbilder sind immer gut, auch wenn nicht scharf. Ein Schüsselbild steigert die Kontraste und Schärfe.

Es gibt meist die Möglichkeit, einzelne Tiere zuzuschicken und von Forenmitgliedern bestätigen zu lassen.

Bitte bemüht euch daher um saubere Fotos und die verschiedenen erwähnten Perspektiven. Je mehr ihr euch Mühe beim Fotografieren gebt, desto einfacher fällt uns die Bestimmung.

VG

Tobias

« Letzte Änderung: 2012-10-11 13:07:01 von Katja Duske »