Autor Thema: Oxyopes-Problem  (Gelesen 1557 mal)

Tobias

  • Gast
Oxyopes-Problem
« am: 2016-12-05 17:22:37 »
Ich habe ein ziemlich großes Oxyopes-Bestimmungsproblem. Eine Oxyopes aus Le Bousquet-d’Orb, Südfrankreich (19.06.1989) lässt sich, sagen wir es mal so, keiner "gängigen" Art zuordnen, wenn man sich strikt nach der Erstbeschreibung der jeweiligen Arten/Unterarten richtet. So scheint mir, geht bei Oxyopes lineatus/nigripalpis/occidentalis einiges durcheinander, und der Grund, warum occidentalis noch nicht zur Art erhoben bzw. synonymisiert wurde, scheint mir, dass die Formen/Arten nigripalpis/occidentalis wild durcheinandergeworfen wurden.

Aber mal eins nach dem anderen:

Im Sinne vom Erstbeschreiber Kulczynski zeigen meiner Ansicht nach nur Weiss (1989) und Brignoli (1976) richtige Oxyopes nigripalpis, besonders Weiss zeichnet sehr schön die extrem tiefe Einfurchung an der Tibia und die etwas kürzere Apophyse im Vergleich, exakt wie Kulczynski. Barrientos (1984) zeichnet hingegen eine Bedipalpentibia, die extrem nach der Unterart occidentalis aussieht, leicht zu erkennen an diesem kleinen "Riss" in der recht kleinen Tibialgrube, die zeigt, dass der Tibienrand nicht nahtlos übergeht.

Im Anhang mal meine Bilder: Der große Pedipalpus auf dem Vergleichsbild ist der Palpus von einer "richtigen" Oxyopes lineatus (ebenfalls aus Frankreich), wie man sehr leicht erkennen kann, der kleinere der von Oxyopes occidentalis (dem oben genannten Tier)

Pierre zeigt übrigens unter Oxyopes nigripalpis ebenfalls occidentalis im Sinne von Kulczynski auf seiner Homepage (Piere, I hope you will read this topic :-)). Ich würde mich freuen, wenn wir dieses Problem ähnlich wie die Phantomspinnen als Forenprojekt klären könnten, da hier größere Material- und Vergleichsmengen notwendig sind.

Tobias



Martin Lemke

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 14582
  • TK 2130 Lübeck, Schleswig-Holstein, Germany
    • Spinnenerfassung in SH
Re: Oxyopes-Problem
« Antwort #1 am: 2016-12-06 10:23:41 »
Ich habe Kulczynskis Zeichnung mal zur besseren Vergleichbarkeit gespiegelt (mit Riss meinst Du, was ich mit dem Pfeil markiert habe?), da er anscheinend den rechten Palpus gezeichnet hatte.

Martin
DAS waren noch Zeiten: Nowegen 2011.

Tobias

  • Gast
Re: Oxyopes-Problem
« Antwort #2 am: 2016-12-06 10:36:38 »
Danke, ja genau das.

Tobias

Rainer Breitling

  • Aktive Mitarbeiter
  • *****
  • Beiträge: 1789
Re: Oxyopes-Problem
« Antwort #3 am: 2016-12-06 11:17:24 »
Hallo Tobias,
Ein hübsch kniffliger Fall. Es wäre alles viel einfacher gewesen, wenn Kulczynskis Arbeiten etwas genauer gelesen worden wären. Dann hätte Simon zum Beispiel gemerkt, dass Kulczynski den Namen occidentalis ausdrücklich für die Form einführt, die Simon später als nigripalpis bezeichnet, auch wenn Kulczynski die Unterschiede der beiden Formen deutlich beschreibt und illustriert (im WSC wird als Verbreitungsgebiet von occidentalis nur Italien angegeben, aber Kulczynski lag neben einem Einzeltier von den Isole Tremiti auch französisches Material aus der Sammlung Simon vor). Auch Brignoli hätte angesichts der Verbreitung eigentlich sehen sollen, dass die italienischen Tiere wohl eher zu occidentalis als zu nigripalpis gehören sollten. Weiss betont bereits, dass er die von Brignoli und Barrientos gezeichneten Exemplare nicht für identisch mit seinen Tiere aus Rumänien hält, die klar zu Kulczynskis nigripalpis gehören. Es spricht also einiges dafür, dass hier drei Arten vorliegen, so wie Du das schon andeutest. Es wäre in der Tat interessant, die Variation und europaweite Verbreitung der drei Formen genauer zu dokumentieren.
Beste Grüsse,
Rainer

Tobias

  • Gast
Re: Oxyopes-Problem
« Antwort #4 am: 2016-12-06 11:38:00 »
Hallo Rainer,

stimmt, Weiss betont, dass auch Brignoli's Tiere nicht zu seinen passen. Ich muss aber zugegeben, das ich die Pedipalpentibia von Brignoli nicht so recht deuten kann. Welche Unterart hat er dann aber eigentlich zum Artstatus erhoben? Ohje, das scheint noch komplizierter als gedacht...

 In Simon muss ich nochmal nachlesen, da ich ihn erst einmal ignoriert hatte.

Eventuell sind occidentalis/nigripalpis eine west/bzw. osteuropäische Art, mit einer Überschneidung im mittleren Bereich.

Wir brauchen mehr Material, und besonders interessant wird es bei den Weibchen. Davon habe ich aber noch eins vom Fundort von meiner occidentalis.

Tobias

Rainer Breitling

  • Aktive Mitarbeiter
  • *****
  • Beiträge: 1789
Re: Oxyopes-Problem
« Antwort #5 am: 2016-12-06 13:27:56 »
Ob es eine Überschneidung im mittleren Bereich gibt, müsste sich noch zeigen. Ich würde als Arbeitshypothese eher  disjunkte Vorkommen in West- und Osteuropa annehmen. Es gibt ja keine dokumentierten Hinweise auf echte nigripalpis-Vorkommen westlich von Ungarn, oder? Brignolis Figura 45 sieht doch sehr ähnlich aus, wie Kulczynskis Tabula 4. Und umgekehrt genauso: kein occidentalis östlich von Italien, auch wenn natürlich Tiere aus Kroatien und Griechenland noch untersucht werden müssten.
Beste Grüsse,
Rainer

Tobias

  • Gast
Re: Oxyopes-Problem
« Antwort #6 am: 2016-12-06 13:48:13 »
okay, gehen wir mal davon aus.

jetzt geht es ans Material. Ich schaue mal das restliche Material hier durch, dann müsste ich noch lineatus aus Kroatien haben. Vielleicht habe da etwas übersehen. Ich werde mich melden. Sehr spannend das alles. Wäre natürlich toll, wenn sich eine dritte Art der Gruppe bewahrheiten würde. Sieht bisher aber danach aus.

Tobias

Tobias

  • Gast
Re: Oxyopes-Problem
« Antwort #7 am: 2016-12-13 11:50:16 »
Ich habe jetzt noch gesehen, warum Simon (1937) den Namen nigripalpis für occidentalis "benutzt". O. occidentalis erscheint bei ihm unter O. lineatus als Synonym. Eventuell ein Problem des posthumen Editionsprozesses?

Tobias

Rainer Breitling

  • Aktive Mitarbeiter
  • *****
  • Beiträge: 1789
Re: Oxyopes-Problem
« Antwort #8 am: 2016-12-13 12:35:44 »
Ich denke, diesen Fehler muss man schon Simon selber zuschreiben. Er sagt ja in der Fussnote sogar, dass alle französischen Oxyopes lineatus-Exemplare zur occidentalis-Form gehören (wenn ich das korrekt übersetze). Eine gewagte Behauptung, denn der Name occidentalis wurde von Kulczynski für die Tiere vergeben, die Simon in Bd. II als O. lineatus var. bezeichnet hatte, und die er 1937 für nigripalpis hält. Das ist einfach nicht konsistent.
Beste Grüsse,
Rainer