Autor Thema: Centromerus aus Frankreich  (Gelesen 277 mal)

Rainer Breitling

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Centromerus aus Frankreich
« am: 2017-02-01 12:00:56 »
Damit es nicht ganz so deprimierend bleibt, hier endlich mal ein Fall, wo ich mir mit der Bestimmung beinahe sicher bin, aber gerne eine Bestätigung hätte: das folgende Exemplar wurde Mitte April 1975 auf Port Cros in Laubstreu unter Steineiche (Quercus ilex) und Aleppo-Kiefer (Pinus halepensis) gefunden, gemeinsam mit Zoropsis media, Amaurobius erberi, Cozyptila blackwalli, Harpactea corticalis, Iberina candida und Oonops cf. domesticus. Ich würde das 1.8mm lange Tier als Centromerus isaiai identifizieren wollen; eine Art, die bisher nur von Sardinien und Korsika bekannt zu sein scheint, deren Typen aber ebenfalls Mitte April in Laubstreu unter Q. ilex gesammelt wurden.

CentromerusIasiaiEpigyne.jpg
*CentromerusIasiaiEpigyne.jpg (83 KB . 365x274 - angeschaut 87 Mal)

Um den Fall aber nicht zu einfach zu machen, fand sich in der gleichen Probe noch ein zweites kleines Centromerus-Weibchen, von etwa 2mm Länge, das zwar äusserlich sehr ähnlich aussieht, aber zu einer anderen Art zu gehören scheint. Mein Vorschlag in diesem Fall wäre Centromerus satyrus. Diese (Phantom-)Art ist zwar vermutlich ein Synonym von C. paradoxus (der nach einem sechsäugigen Exemplar beschrieben wurde und von Simon als Höhlenform eingeschätzt wird), aber da das vorliegende Tier offensichtlich das Tageslicht nicht scheute (Simon nennt trockene Laubstreu ["détritus secs"] als Vorzugslebensraum) und von Simon entlang der ganzen Côte d'Azur gemeldet wird, darunter auch im April 1910 vom Festland direkt gegenüber von Port Cros, keine 20km entfernt, würde ich dem Namen C. satyrus den Vorzug geben, solange keine formelle Synonymisierung erfolgt ist. Aber natürlich ist es genauso gut möglich, dass ich ganz daneben liege und es sich um irgendeine Allerwelts-Art handelt. Vorschläge?

CentromerusEpigyne1.jpg
*CentromerusEpigyne1.jpg (79.67 KB . 386x290 - angeschaut 84 Mal)

Beste Grüsse,
Rainer
« Letzte Änderung: 2017-02-02 10:11:45 von Rainer Breitling »

Tobias Bauer

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Re: Centromerus aus Frankreich
« Antwort #1 am: 2017-02-01 15:40:48 »
Könnte der obige nicht auch C. serratus sein? Gerade die "Unterlippe" scheint mir nicht zu isaia zu passen. Diese erscheint bei letzterer eher als geschwollen und hervorstehend.

Tobias

Rainer Breitling

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Re: Centromerus aus Frankreich
« Antwort #2 am: 2017-02-01 19:30:16 »
Hallo Tobias,
C. serratus habe ich auch in Erwägung gezogen, denn die Art scheint C. isaiai noch ähnlicher zu sein, als C. sylvaticus. Aber gerade die "Unterlippe" will mir zu keiner der Arten so recht passen, vielleicht weil das Material recht alt ist. Für C. isaiai sprechen für mich die breitere Scapus-Basis und der geringere Abstand der beiden "Zähne" am Hinterrand; aber ohne Vergleichsmaterial zur innerartlichen Variation ist das natürlich ein bisschen spekulativ. Hat denn C. serratus eine ausreichende ökologische Valenz, um auch in einem trockenen Steineichenwald aufzutauchen?
Beste Grüße,
Rainer

Tobias Bauer

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Re: Centromerus aus Frankreich
« Antwort #3 am: 2017-02-02 09:29:56 »
Ich habe gerade die von Bilder C. isaiai in der Erstbeschreibung gefunden und sehe jetzt das Problem. In der Zeichnung in der Erstbeschreibung wird die Unterlippe als einheitliche Struktur dargestellt (ähnlich wie die Unterlippe bei Eratigena agrestis), tatsächlich scheint das aber wesentlich differenzierter zu sein und die Eck"zähne" und der "Clavus" sind in diese helle membranartige Substanz eingebunden, die sich nach unten abrundet. ich meine sie sogar jetzt auf deinem Bild zu sehen. Wenn das ganze natürlich durch Lagerung erschlafft/sich evtl. sogar abbaut sieht das sicherlich so ähnlich aus wie bei der oberen.

 Ich bin mir daher jetzt auch recht sicher, dass C. isaiai stimmt.

Tobias

Rainer Breitling

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Re: Centromerus aus Frankreich
« Antwort #4 am: 2017-02-02 10:19:38 »
Wenn das ganze natürlich durch Lagerung erschlafft/sich evtl. sogar abbaut sieht das sicherlich so ähnlich aus wie bei der oberen.
Interessante Idee. Wenn ich mir das Epigynenfoto bei Bosmans & Colombo nochmal anschaue, habe ich sogar den Eindruck, dass es sich bei der "verbindenden Membran" zumindest zum Teil um ein Begattungszeichen handeln könnte. Die Position, direkt am Eingang des Begattungsgangs, würde ja dazu passen, und dann wäre es auch nicht überraschend, wenn es da Unterschiede zwischen den Individuen gibt.

Zitat
Ich bin mir daher jetzt auch recht sicher, dass C. isaiai stimmt.
Vielen Dank. Wenn keine Gegenstimmen kommen, werde ich das Exemplar also so ablegen. Mal schauen, ob es noch Meinungen zum zweiten Tier gibt.
Beste Grüsse,
Rainer