Autor Thema: Grünliche Spinne auf Münchner Südbalkon => Cheiracanthium sp.  (Gelesen 632 mal)

Katharina Heuberger

  • Beiträge: 33
Ich bin habe diese Spinne heute auf meinem Wildblumen-Südbalkon in München gefunden. Sie sitzt zwischen zwei kleinen Löwenzahnblättern, wie in einer Art Tüte, die oben offen ist. Ich habe den Kopf gesehen und später das Hinterteil. Sie saß lange regungslos, dann hat sie ich umgedreht. Es gibt auch weiße Gespinstfäden. Ich nehme an, dass sie Eier legen wird oder gelegt hat. Die Größe ist schwer zu schätzen. Vielleicht 1 - 1,5 cm. Ich habe nun Angst, dass es sich um die giftige eingewanderte Ammen-Dornfingerspinne handelt. Kann das jemand hier anhand der Angaben und des Fotos vom Kopf bestimmen?
« Letzte Änderung: 2017-07-03 18:47:04 von Katja Duske »

Stephan Lauterbach

  • Beiträge: 41
Re: Grünliche Spinne auf Münchner Südbalkon
« Antwort #1 am: 2017-07-03 17:15:37 »
Hi Katharina!

Also so oder so erstmal Entwarnung! So wie ich das sehe ist es kein Ammen-Dornfinger. Es gibt mehrere kleine "Dornfinger" Arten (Spinnen der Gattung Cheicaranthium) in Deutschland, deine Spinne ist eine davon, welche kann ich anhand der Fotos nicht sagen. Ammen-Dornfinger in München wäre auch eine Neuerung, in dem Bereich liegen meines Wissens (arages-Verbreitungskarten) keine Fundberichte vor.

Und selbst wenn es der Ammen-Dornfinger wäre:

Es gibt bereits zahlreiche Forumsthemen zum Ammen-Dornfinger. Das Ganze in super-kurz Form: Nicht giftiger als ein stechendes Insekt in Deutschland, nicht eingeschleppt sondern eine heimische Spinne und die wenigstens Bissberichte können wirklich auf die Spinne zurückgeführt werden, beisst Menschen (wenn überhaupt !?) nicht aus bösem Willen ! Also nichts Gefährliches, vor dem man Angst haben muss.

Also ruhig Blut, die Medien machen da nur ungerechtfertigt Stress und das alle Jahre wieder. Angst musst du auf jeden Fall nicht haben. Echt nicht ;)
Lass das Spinnchen ruhig seine Eier legen ;)

Grüße

Stephan

Katharina Heuberger

  • Beiträge: 33
Re: Grünliche Spinne auf Münchner Südbalkon
« Antwort #2 am: 2017-07-03 17:22:40 »
Danke für die schnelle Antwort! Wenn das so ist, freue ich mich sehr über meinen neuen Gast auf meinem Balkon und werde der Spinne einen Post auf meinem Blog widmen (www.wildermeter.de). Danke nochmals!

Arno Grabolle

  • Aktive Mitarbeiter
  • *****
  • Beiträge: 14006
    • mein g+
Re: Grünliche Spinne auf Münchner Südbalkon
« Antwort #3 am: 2017-07-03 17:44:40 »
Das wird, wie fast immer in städtischer Fundsituation, Cheiracanthium mildei sein. Auch zu diesem gibt es schon zahlreiche Beiträge hier im Forum (-> Suchfunktion)

Arno

Rainer Breitling

  • Aktive Mitarbeiter
  • *****
  • Beiträge: 1498
Der bayerische Erstnachweis von Cheiracanthium mildei stammte übrigens von einem Wildblumen-Balkon nahe beim Sendlinger Tor. Die Fundsituation passt also auch :)
Beste Grüsse,
Rainer

Jörg Pageler

  • *****
  • Beiträge: 5110
  • Oldenburg i.O.
Ich gehe jede Wette ein, daß sich Arno in München jetzt auch einen Wildblumen-Balkon anlegt!  ;)

Viele Grüße,
Jörg

Arne Willenberg

  • *
  • Beiträge: 246
Die Gattung heißt aber Cheiracanthium!

Arne

Katharina Heuberger

  • Beiträge: 33
Wenn das nun eine nachtaktive Cheiracanthium ist, dann wäre dies ihr Tagesunterstand, oder? Und würde sie dann morgen früh zurückkehren oder sucht die sich täglich etwas Neues? Im Moment sieht es nicht so aus als würde die Spinne Eier legen. Sie hat bleibt umgedreht, Kopf nach unten. Die Lichtverhältnisse sind so, dass ich leider kein besseres Foto hinkriege (siehe Bild). Und sie ist eben auch versteckt und will ihre Ruhe haben. Falls ich sie morgen noch einmal in ganzer Pracht sehe, fotografiere ich sie noch einmal.

Arno Grabolle

  • Aktive Mitarbeiter
  • *****
  • Beiträge: 14006
    • mein g+
Ich gehe jede Wette ein, daß sich Arno in München jetzt auch einen Wildblumen-Balkon anlegt!  ;)

... habe ich schon. Fotos folgen – jetzt ist es zu dunkel ;)

Arno

Stephan Lauterbach

  • Beiträge: 41
Die Gattung heißt aber Cheiracanthium!

Arne

Ein langer Name mit viel Gelegenheit sich zu verschreiben. Danke   ;D

Simeon Indzhov

  • ****
  • Beiträge: 1311
Um das Problem mit der Fehlschreibung zu vermeiden, müsste man den Namen in seinen Bestandteilen sich merken: der Name hat ja seine Etymologie, die nicht zufallig gewählt ist. Für euch Deutschmuttersprachler sollte das sogar einfacher sein, weil ihr solche zusammengesetzte Wörter tatsächlich benutzt. (In meiner Sprache zB gibt es sowas nur bedingt.)
Diese Methode wird in der Tat auch bei den schönen Namen Heterotheridion nigrovariegatum oder Inermocoelotes paramicrolepidus helfen:
Heterotheridion: offensichtlich kommt aus dem Gattungsnamen Theridion (die Art war in der Vergangenheit ja auch dort platziert). Dazu wurde bei der Abspaltung eine hetero- dazu gegeben, was ich mir als "anders, unterschiedlich" übersetze, also: "eine andere Theridion". Der Artname nigrovariegatum hat mit der Zeichnung des Männchens (schwarze Flecken) zu tun: "niger" - schwarz und "-variegatum" -bedeutet laut Internet soetwas wie "gefärbt in unterschiedlichen Farben"; es wird auch häufig in Artnamen verwendet. Man kann daraus auch vermuten, dass die Art nach Männchen beschrieben worden ist.

So, auf diese Weise werden auch diese Zungenbrechernamen einfacher und logischer :)

Stephan Lauterbach

  • Beiträge: 41
Das stimmt natürlich. Da ich nie Latein gelernt habe macht das die Sache nur nicht immer so viel leichter. An sich entwickelt man ja auch ohne die Wörter zu verstehen ein Gespür für die Sprache, habe i.d.R. keine Probleme mir neue Namen zu merken.

"Cheir" ist Hand ? und "Acanthium" vermutlich etwas mit "Dornen"? ^^ Google schlägt mir die Eseldistel Onopordum acanthium vor, dann würd das ja Sinn machen.

Also ist "Dornenfinger" eigentlich "Dornenhand" ?  ;D

Simeon Indzhov

  • ****
  • Beiträge: 1311
Ich kann auch kein Latein, die Einzelwörter, deren Bedeutung ich weiß, wurden im Laufe der Zeit durch Fachsprache, Sprachkenntnisse, Übersetzungen usw gesammelt.
Und ja, akanthos gr (ich glaube, es hieß so) bedeutet Dorn.

Katharina Heuberger

  • Beiträge: 33
Liebe Experten, falls es Euch interessiert: Gegen 21:30 Uhr als es fast dunkel war, hat die Spinne ihren Unterschlupf verlassen und ist bis jetzt nicht wieder gekommen. Sie legt dort also keine Eier, sondern hat dort wahrscheinlich nur tagsüber "geschlafen". Wenn es nun die Ch. mildei war, hätte ich noch eine Frage. Auf Wikipedia steht: "Heranwachsende Spinnen leben in Ruhegespinsten. Das sind Rückzugsgebiete für den Tag, die nicht als Fallen gedacht sind. Zur Jagd streifen die Tiere in der Dämmerung und in der Nacht umher." Machen sie die Spinnen täglich ein neues Ruhegespinst? Und was bedeutet genau "heranwachsende Spinne"? Ist die Spinne dann von diesem Jahr? Oder hat sie schon überwintert und paart sich noch in diesem Sommer?

Arno Grabolle

  • Aktive Mitarbeiter
  • *****
  • Beiträge: 14006
    • mein g+
Hi Katharina,

hiesige Spinnen sind meist einjährig. Das gilt auch für die meisten südeuropäischen Arten. Dein Tier ist vielleicht auch schon ausgewachsen, oder zumindest subadult (also eine Häutung vor dem Adult-Stadium).

Die Gespinstsäcke machen sie immer, sowohl als Jungtiere, als auch als Erwachsene. Ein reifes Weibchen, dass genug gefressen hat, baut einen größeren Gespinstsack und legt darin ihre Eier ab. Sie verlässt diesen Sack dann nicht mehr und verteidigt ihn sogar gegen Eindringlinge. So kommen die meisten Bissverletzungen mit Ch. punctorium zustande.

Gespinstsäcke sind weit verbreitet bei frei jagenden Spinnen. Nachtaktive Arten bauen Gespinste, um sich tagsüber zu verstecken, tagaktive Arten solche für nachts. Das ist eine praktische Angelegenheit: Schmutz, Krankheitserreger, Schimmel usw. bleiben draußen, Eindringlinge können frühzeitig erkannt werden und die Spinne kann fliehen oder Angreifen. Das ganze zu bauen kostet die Spinne vielleicht 15 Minuten und kaum Material.

Ob die Spinne mehrfach in das gleiche Gespinst zurückkehrt, weiß ich nicht genau. Das kann schon sein, wenn z.B. ind er Umgebung wenig passende Schlupfwinkel vorhanden sind. Darauf angewiesen ist sie auf jeden Fall nicht. Wenn es sein muss, kann sie immer wieder einen neuen Sack anlegen.

Arno

Katharina Heuberger

  • Beiträge: 33
Re: Grünliche Spinne auf Münchner Südbalkon
« Antwort #15 am: 2017-07-05 08:55:35 »
Hi Katharina!

Also so oder so erstmal Entwarnung! So wie ich das sehe ist es kein Ammen-Dornfinger. Es gibt mehrere kleine "Dornfinger" Arten (Spinnen der Gattung Cheicaranthium) in Deutschland, deine Spinne ist eine davon, welche kann ich anhand der Fotos nicht sagen. Ammen-Dornfinger in München wäre auch eine Neuerung, in dem Bereich liegen meines Wissens (arages-Verbreitungskarten) keine Fundberichte vor.

Und selbst wenn es der Ammen-Dornfinger wäre:

Es gibt bereits zahlreiche Forumsthemen zum Ammen-Dornfinger. Das Ganze in super-kurz Form: Nicht giftiger als ein stechendes Insekt in Deutschland, nicht eingeschleppt sondern eine heimische Spinne und die wenigstens Bissberichte können wirklich auf die Spinne zurückgeführt werden, beisst Menschen (wenn überhaupt !?) nicht aus bösem Willen ! Also nichts Gefährliches, vor dem man Angst haben muss.

Also ruhig Blut, die Medien machen da nur ungerechtfertigt Stress und das alle Jahre wieder. Angst musst du auf jeden Fall nicht haben. Echt nicht ;)
Lass das Spinnchen ruhig seine Eier legen ;)

Grüße

Stephan
Hallo Stephan, darf ich dich im Beitrag über meine Balkonspinne auf meinem Blog mit diesem Beitrag zitieren? Mit Hinweis und URL zum Forum. Herzliche Grüße, Katharina

Katharina Heuberger

  • Beiträge: 33
Hi Katharina,

hiesige Spinnen sind meist einjährig. Das gilt auch für die meisten südeuropäischen Arten. Dein Tier ist vielleicht auch schon ausgewachsen, oder zumindest subadult (also eine Häutung vor dem Adult-Stadium).

Die Gespinstsäcke machen sie immer, sowohl als Jungtiere, als auch als Erwachsene. Ein reifes Weibchen, dass genug gefressen hat, baut einen größeren Gespinstsack und legt darin ihre Eier ab. Sie verlässt diesen Sack dann nicht mehr und verteidigt ihn sogar gegen Eindringlinge. So kommen die meisten Bissverletzungen mit Ch. punctorium zustande.

Gespinstsäcke sind weit verbreitet bei frei jagenden Spinnen. Nachtaktive Arten bauen Gespinste, um sich tagsüber zu verstecken, tagaktive Arten solche für nachts. Das ist eine praktische Angelegenheit: Schmutz, Krankheitserreger, Schimmel usw. bleiben draußen, Eindringlinge können frühzeitig erkannt werden und die Spinne kann fliehen oder Angreifen. Das ganze zu bauen kostet die Spinne vielleicht 15 Minuten und kaum Material.

Ob die Spinne mehrfach in das gleiche Gespinst zurückkehrt, weiß ich nicht genau. Das kann schon sein, wenn z.B. ind er Umgebung wenig passende Schlupfwinkel vorhanden sind. Darauf angewiesen ist sie auf jeden Fall nicht. Wenn es sein muss, kann sie immer wieder einen neuen Sack anlegen.

Arno
Hallo Arno, darf ich dich im Beitrag über meine Balkonspinne auf meinem Blog mit diesem Beitrag zitieren? Mit Hinweis und URL zum Forum. Herzliche Grüße, Katharina

Katharina Heuberger

  • Beiträge: 33
Liebe Spinnen-Experten, ich danke Euch allen für die ausführlichen Informationen.

Arno Grabolle

  • Aktive Mitarbeiter
  • *****
  • Beiträge: 14006
    • mein g+
Klar, ist ja auch hier öffentlich sichtbar ...

Arno

Stephan Lauterbach

  • Beiträge: 41
Jap, denke ich auch. Und solange die Anderen sich hier nicht melden, dass ich Mist erzählt habe, darfst du mich gerne zitieren.  ;D ;D

Katharina Heuberger

  • Beiträge: 33
Der Blog-Beitrag ist online: http://wildermeter.de/gruenliche-spinne-auf-muenchner-suedbalkon/
Noch eine Frage: Ist meine Spinne nun eigentlich der bayerische Zweitnachweis oder gab es dazwischen noch andere?

Arno Grabolle

  • Aktive Mitarbeiter
  • *****
  • Beiträge: 14006
    • mein g+
Naja, nicht ganz. Aber viele sind es noch nicht (hier kannst du selbst gucken). Nürnberg hat schon einen und München jenen von Rainer genannten (von ihm selbst im übrigen ;) und einen zweiten aus dem Osten der Stadt.

Wir sind übrigens fast Nachbarn. Wohne seit einer Woche in Obersendling ;)

Hübscher Blog!

Arno

Katharina Heuberger

  • Beiträge: 33
Mal sehen, ob es bald in Obersendling einen Nachweis gibt  :)
Ich werde jetzt noch einen neuen Beitrag eröffnen, eine Spinne, die ich 2014 selbst bestimmt habe. Will nur wissen, ob es stimmt.

Wolfgang Schlegel

  • *
  • Beiträge: 173
    Hallo zusammen,

ich grüble seit mehreren Tagen erfolglos, was der Wikipedia-Autor mit dem ersten der zitierten Sätze gemeint haben könnte; vielleicht kann's mir hier jemand erklären. Wenn man das auf eine andere Art übertragen wollte, könnte man schreiben: "Heranwachsende Menschen leben in Betten". Da kaum damit zu rechnen ist, dass viel Nahrung in die nicht als Falle gedachte Bettstatt hereinspaziert kommt, ginge das Heranwachsen eher langsam vonstatten.

Ruhegespinste für den Tag werden jedenfalls auch von den Erwachsenen angelegt. Dazu Bilder: ein erwachsenes mildei-Männchen hat den 1. Juni 2010 praktischerweise in einem Schlafsack draußen an meinem Wohnzimmerfenster verbracht, so dass ich durch die Scheibe fotografieren konnte. Es machte sich in der folgenden Nacht davon und kam niemals wieder.

Wenn man die Spinne so detailreich fotografieren kann wie auf Katharinas Bildern, sitzt sie in einem Schlafsack und denkt noch nicht ans Eierlegen. Die Kokons werden möglichst blickdicht gebaut; wenn man die Spinne in einen Glaskasten setzt, immer in eine Ecke. Dazu auch Bilder. Im Freiland habe ich noch keinen Kokon gefunden, der für alle Öffentlichkeit sichtbar gewesen wäre, da werden möglichst versteckte Winkel und Spalten aufgesucht.

Ich habe mal beobachtet, dass ein halbwüchsiges Tier drei Tage und zwei Nächte ununterbrochen eingesponnen an derselben Stelle verbrachte; dass dieselbe Schlafstelle nach dem nächtlichen Streifzug wieder aufgesucht wird, habe ich nie gesehen - was natürlich nicht heißt, dass es das nicht gibt.

Was die Altersgruppen angeht: die früheste Eiablage bei Ch. mildei habe ich in Stuttgart am 20. April beobachtet , die späteste am 1. August. Reife Männchen gibt's ab April (eines ausnahmsweise auch schon Mitte März) bis Ende Juni. Subadulte habe ich bis Mitte Mai gesehen. Im März laufen viele auf meiner Hauswand rum, die noch erheblich kleiner sind. Anscheinend überwintern Erwachsene nicht.

Gruß aus Stuttgart
Nach stundenlangem Besinnen
Ähneln sich alle Spinnen.

Katharina Heuberger

  • Beiträge: 33
Danke für die super-interessanten Infos und die lustige Bildbenamung (Mann im Schlafsack :) ) Herzliche Grüße, Katharina