Sonstig Faunistisches (Other faunistic topics) > Halten von europäischen Spinnentieren (Housing of european arachnids)

Entwicklung junger Zitterspinne

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Justus van der Rohe:
Hallo allerseits,

vor einigen Wochen habe ich eine kleine Zitterspinne in meinem Badezimmer entdeckt. Sie sitzt relativ versteckt in einer Ecke hinter einem Blumentopf und die Wahrscheinlichkeit, dass Nahrung in ihrem Netz landet würde ich als eher gering einschätzen.
Gestern habe ich versucht eine kleine Fliege zu fangen und sie in das Netz zu setzen. Leider konnte ich der Spinne am Ende nur einen zerquetschten Fliegenkörper anbieten, über den sie sich aber tatsächlich her gemacht hat.
Jetzt zu meinen Fragen: Fressen Spinnen auch tote Insekten oder muss die Fliege doch noch gelebt haben? Und wie lange bleiben junge Spinnen in ihren Netzen? Erwachsene Spinnen neigen nach meinen Beobachtungen eher dazu, über kurz oder lang zu verschwinden, jedenfalls hatte ich noch keine erwachsene Spinne, die mehrere Wochen in einer Ecke geblieben ist. Wann wird sie also ihr Netz verlassen und in wie weit können jungen Spinnen erwachsene Spinnen gefährlich werden?
Und wie ist das mit der "Nachtruhe"? Mein Bad ist fensterlos, das heißt, immer wenn sich jemand im Bad aufhält, wird es auf einmal hell. Können Spinnen sich durch sowas gestört fühlen und sind Zitterspinnen überhaupt nachtaktiv?
Und zum Thema fressen: wie fange ich am besten Insekten, ohne sie dabei zu töten?  ;D

Gruß und vielen Dank
Justus

Jörg Pageler:
Hallo Justus,

erstmal herzlich Willkommen im Spinnenforum!  :)
Und Du setzt uns ja schon gleich einen ganzen Schwung interessanter Fragen vor! Auf ein paar davon möchte ich mal eingehen.

Solange die Beutetiere, die Du den Spinnen in die Netze wirfst, noch "frisch" sind, werden sie gerne angenommen. Manchmal muß man allerdings etwas nachhelfen und ein bißchen am Netz "ruckeln", um der Spinne vorzugaukeln, daß das Tier noch lebt (das hat bei mir schon oft geklappt).

Das mit der Nachtruhe sollte für die Spinne kein Problem sein. Gestört wird sie sich durch das Licht sicher nicht fühlen.

Ich habe mal drei Jahre lang eine Zitterspinne unter "kontrollierten" Bedingungen gehalten und beobachtet. Das war sehr interessant! Siehe hier: https://wiki.arages.de/index.php?title=Pholcus_phalangioides/Beobachtungen/Pageler_J

Wenn Du eine Spinne suchst, die von sich aus lange an einer Stelle bleibt, empfehle ich die Federfußspinne Uloborus plumipes (kostenlos erhältlich in jedem gut sortierten Baumarkt) - siehe dazu dieses Thema  ;)

Viele Grüße,
Jörg

Arno Grabolle:
Hi Justus,

erst mal herzlich willkommen im Forum!

Wow, das ist gleich ein ganzer Haufen Fragen ... ich versuche mal ein paar zu beantworten. Sicherlich haben aber viele andere hier noch mehr zu den Themen beizutragen. Generell ist es aber immer empfehlenswert, eigene Beobachtungen anzustellen. Nicht selten irrt sich die „Lehrmeinung“ was die Lebensweise auch bekannter Spinnenarten angeht ;)

Zitterspinnen (also wir sprechen hier von Pholcus phalangioides) sind ursprünglich Bewohner von Höhlen und höhlenartigen Überhängen usw. Sie sind an das Leben in fast ausschließlich dunklen Lebensräumen angepasst. In diesen Lebensräumen kommen sie über lange Zeit mit sehr wenig Nahrung und auch relativ wenig Wasser aus (kein Regen). Deshalb haben sie sich so gut in unsere Wohnräume eingenischt und sind in so gut wie jeder Wohnung zu finden. Aber besonders gut geht es ihnen in einer aufgeräumten, sauberen Wohnung trotzdem nicht. Das kannst du gut nachvollziehen, wenn du mal in einen alten Keller mit Lichtschächten gehst und ein paar der alten Regale zur Seite räumst. Da siehst du die richtig fetten Zitterspinnen in einer Menge und Dichte, dir man kaum glauben mag. Und dort verlassen die Spinnen auch nicht unentwegt ihre Netze (nehme ich an). Will heißen, auch für die ausdauerndste Pholcus bietet ein innen liegendes Bad kaum eine Lebensgrundlage.

Eine besondere Aktivitätszeit haben die glaube ich nicht (siehe oben). Aber Licht stört sie. Wenn sie Ausflüge unternehmen, dann eher nachts. Dann sitzen sie auch exponierter im Netz.

Pholcus soll semisozial sein. In bestimmten Situationen, wenn das Nachrungsangebot gut ist, können viele Tiere dich zusammen leben, ohne sich zu kanibalisieren. Aber wohl nur, solange sie aus einer „Familie“ stammen, als blutsverwandt sind. Andererseits sind sie ziemlich aktive und effektive Jäger und können mit ihrer Einwickeltechnik (Analogie zu den Kugelspinnen) auch andere Spinnen, z.B. große Hauswinkelspinnen erbeuten (es gibt inzwischen viele Fotos im Netz).

Zum Insektenfang: üben ;)

@Jörg: sorry für die Dopplung. Deinen letzten Satz muss ich kommentieren: Besser noch in schlecht sortierten Baumärkten ;)

Arno

Justus van der Rohe:
Vielen Dank für die schnellen und ausführlichen Antworten!

Ich konnte der Spinne gerade eine mittelgroße Fliege anbieten, die ihr zwar einige Schwierigkeiten bereitet hat aber nach 10 Minuten bewältigt werden konnte.

@Jörg: den Bericht habe ich bereits entdeckt und er hat mir viele aufschlussreiche Informationen zu meiner letzten Zitterspinne geliefert  ;)

Gibt es eine Möglichkeit, die Struktur der Netze zu erkennen, z.B mit speziellem Licht oder so? Ich sehe da leider gar nichts  :-[ Gibt es Materialien, an denen die Fäden weniger gut halten als an anderen?

Justus

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