Autor Thema: Trichobothrium  (Gelesen 965 mal)

Viktoria Wegewitz

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Trichobothrium
« am: 2018-01-31 17:49:37 »
Hallo, ich bin Anfängerin und versuche mich ein wenig in die Bestimmung einzuarbeiten. Kann mir jemand etwas dazu sagen, wie unterscheide ich Stacheln (spines) von einem Trichobothrium? Hat jemand ein Foto? Ich habe ein Stereozoommikroskop 7 bis 45 fach zur Verfügung.

Viktoria

Arno Grabolle

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Re: Trichobothrium
« Antwort #1 am: 2018-01-31 19:59:53 »
Hi Viktoria,

Ich verwende gleich eines deiner (recht guten) Mikroskopbilder. Alles, was das so schön geordnet auf den Beinen zu sehen ist, sind Haare (relativ unwichtig für die Bestimmung). Die lang herausstehenden „Haare“ sind Stacheln. die Trichobothrien sieht man auf deinem Bild nicht. Die sind viel feiner, etwa so lang wie die Stacheln (stehen also deutlich heraus) und stehen fast senkrecht ab und sind am Ende oft sogar noch etwas nach oben gebogen (vom Bein weg). Sie sind gelenkig gelagert und bewegen sich unter dem Bino in der Flüssigkeit oft leicht (auch an trockenen Tieren). Man muss etwas suchen und eine gute Optik (Mokroskop) haben, um sie zu sehen.



Oder vielleicht hier:


Im Bild nicht bezeichnet. Es sind drei Trich. zu sehen, zwei am Tarsus (Fußsegment) und eins auf dem Metatarsus (Segment davor), direkt hinter einem Stachel.

Auch ja, Trichobothrien stehen – ihrer Funktion entsprechend – immer außen am Bein.

Arno

Simeon Indzhov

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Re: Trichobothrium
« Antwort #2 am: 2018-01-31 20:34:45 »
Trichobothrien stehen auch (immer?) in einer becherförmigen Depression. Das ist besonders gut bei Skorpionen zu sehen, wo die Trichobothrien riesig sind. Bei Gelegenheit mache ich Fotos, sofern meine schlechte Apparatur ermöglicht 
Simeon

Martin Lemke

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Re: Trichobothrium
« Antwort #3 am: 2018-02-01 06:18:39 »
Vielleicht hilft einfach die deutsche Bezeichnung? Becherhaar.

Stacheln sind im Gegensatz zu Becherhaaren unbeweglich starr.

Trichobothrien stehen auch (immer?) in einer becherförmigen Depression.

Immer! Das ist ihr Prinzip. Sie stehen aber nicht einfach in einem Loch, sondern sind mit dessen Rand mit einer Membran verbunden, welche Zugkräfte aufnimmt, wenn das Becherhaar durch äußere Einflüsse (Bewegung, Vibration, ...) ausgelenkt wird. Auf diese Weise sind Becherhaare hochempfindlich und die Tiere können sogar elektrische Feldstärken damit wahrnehmen, wie es gerade im aktuellen Newsletter der BAS1 zu lesen steht.

Je länger so ein Becherhaar, desto länger sein Hebel und um so empfindlicher werden die damit verbundenen Sinnenszellen angeregt. Unterm Mikroskop sieht man manchmal, wie leicht diese Haare auszulenken sind. Sie bewegen sich beim Hantieren mit der Probe deutlich erkennbar (Arno schrieb es oben auch); im Gegensatz zu den Stacheln.

Sie können aber auch leicht abbrechen, was bei der Diagnose zu berücksichtigen ist. Ein nicht vorhandenes Becherhaar bedeutet nicht, dass ursprünglich keins da war. Die Becher bleiben aber da und geben Indiz, wo ein Becherhhaar gewesen sein könnte.

Ich denke, wir sollten das auf der Anatomie-Seite im Wiki oder auf einer von dort verlinkten Seite mal genauer darstellen, da insbesondere bei den Linyphhidae gerade die Bestachelung und die Trichobothrien diagnostische Merkmale sind.

An sonsten: Eine gute Quelle zur Erklärung von Fachbegriffen stellt das Glossar auf araneae dar: https://araneae.unibe.ch/glossary?lang=de

Martin


1: BAS=British Arachnological Society
« Letzte Änderung: 2018-02-01 09:29:16 von Martin Lemke »

Viktoria Wegewitz

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Re: Trichobothrium
« Antwort #4 am: 2018-02-01 11:43:04 »
Das erste rechte Bein habe ich näher angeschaut - hier Centromerus sylvaticus - und mit dem Schema von Centromerus spec., welches Arno freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, verglichen. Es sieht schon sehr anders aus. Näher ran komme ich nicht. Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass während der Präparation etwas abgebrochen ist. Die mittleren "Haare" am Tarsus habe ich durchnummeriert. Könnte eins davon ein Trichobothrium sein?

Wiki:  Auffallend an Tibia, Metatarsus und Tarsus die zahlreichen taktilen Haare: Becherhaar auf Metatarsus Ⅰ: 0,40.

Also sind ganz viele Trichobothrien?

Arno Grabolle

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Re: Trichobothrium
« Antwort #5 am: 2018-02-01 12:11:22 »
Nein, diese kleinen, aufrecht stehenden Härchen, die du Nummeriert hast, sind auch nur starre Härchen. Die gibt es in meiner Zeichnung auch, aber nur an der Tibia.

Trichobothrien gibt es meist nur wenige. Bei den Linyphiiden z.B. eins auf dem Metatarsus (Stellung ist ein Bestimmungsmerkmal auf Gattungsebene) und zwei-drei auf dem Tarsus. Bei frei jagenden und größeren Spinnen können es mehr sein. Sie stehen immer in einer Reihe und ihre Anzahl nimmt nach distal (nach außen hin) zu.

Sie sind noch länger als die Härchen, die du markiert hast und meist (leider) hell.

Vielleicht musst du dir mal eine größere Spinne besorgen.

Arno

Arno Grabolle

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Re: Trichobothrium
« Antwort #6 am: 2018-02-01 12:15:15 »
Ich glaube, auf diesem Bild sieht man welche (v.a. am Tarsus, relativ viele). Da ist jetzt aus dem Wiki. Ich muss zu Hause noch mal das Original heraussuchen, das hat eine wesentlich höhere Auflösung:



Arno

Viktoria Wegewitz

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Re: Trichobothrium
« Antwort #7 am: 2018-02-01 12:58:26 »
Ja - super! Danke Arno - die sind also heller und sehr flexibel, ich werde Ausschau halten...

Rainer Breitling

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Re: Trichobothrium
« Antwort #8 am: 2018-02-01 18:33:58 »
Ich denke, auf Viktorias Bild ist das entscheidende Trichobothrium auf dem Metatarsus auch zu sehen, wenn auch sehr vage, etwa in Position 0.38. Ausserdem meine ich, dass auch auf der Tibia einige (drei?) Trichbothrien zwischen den beiden dorsalen Borsten hervorragen (beinahe weiss und sehr dünn). Die prolateralen Borsten auf Tibia und Femur sieht man auch sehr schön, also alle bestimmungsrelevanten Merkmale. Erstaunlich, bei so einer kleinen Spinne.
Rainer

Arno Grabolle

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Re: Trichobothrium
« Antwort #9 am: 2018-02-01 19:58:33 »
Du hast Recht. Ich habe mal schnell ein paar markiert.

Trich.jpg
*Trich.jpg (59.46 KB . 800x589 - angeschaut 120 Mal)

... und hier noch das versprochene Bild mit kleiner Überraschung ;)
Das ist jetzt noch etwas hochkontrastiert und auf 50% verkleinert.

Sagana-rutilans_GR-Asprangeli_10-05_04-Detail.jpg
*Sagana-rutilans_GR-Asprangeli_10-05_04-Detail.jpg (108.54 KB . 1000x700 - angeschaut 117 Mal)

Arno

Jörg Pageler

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Re: Trichobothrium
« Antwort #10 am: 2018-02-01 20:34:57 »
Interessante und lehrreiche Diskussion!
Und die "kleine Überraschung" finde ich gut! 8) Haben Milben auch Trichobothrien?

Jörg

Viktoria Wegewitz

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Re: Trichobothrium
« Antwort #11 am: 2018-02-02 11:27:23 »
Ich denke, auf Viktorias Bild ist das entscheidende Trichobothrium auf dem Metatarsus auch zu sehen, wenn auch sehr vage, etwa in Position 0.38.

Hallo Rainer - noch eine kurze Frage: Wie ist bei der Bestimmung die Position definiert? Heißt 0.38 etwa 38% Entfernung von proximal am Metatarsus?

und, danke Arno für die anschauliche Bearbeitung meines Bildes! Und dein Foto ist auch sehr informativ!

Viktoria

Martin Lemke

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Re: Trichobothrium
« Antwort #12 am: 2018-02-02 11:39:40 »
Wie ist bei der Bestimmung die Position definiert? Heißt 0.38 etwa 38% Entfernung von proximal am Metatarsus?

Siehe auf den Seiten von araneae (aus rechtlichen Gründen darf ich das Bild nicht direkt in mein Posting einlinken):
https://araneae.unibe.ch/betakey/character_help/char_img/trMI.jpg

Bezogen auf das Bild im Link:
Lage des TMI: im Verhältnis zum Metatarsus a/b

HTH

Martin

Viktoria Wegewitz

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Re: Trichobothrium
« Antwort #13 am: 2018-02-02 11:49:14 »
Danke, Martin, dann war der Gedanke richtig.

Rainer Breitling

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Re: Trichobothrium
« Antwort #14 am: 2018-02-03 11:06:27 »
Und hier noch ein Beispiel von einer echten Centromerus-Art, wo man auch nochmal sieht, wie fein diese Sinneshaare sind:

CentromerusAlbidusTrichobothriumMetatarsusII800.jpg
*CentromerusAlbidusTrichobothriumMetatarsusII800.jpg (267.09 KB . 800x489 - angeschaut 89 Mal)
CentromerusTrichobothriumBerechnung.jpg
*CentromerusTrichobothriumBerechnung.jpg (54.75 KB . 800x489 - angeschaut 92 Mal)

a/b ist hier etwa 0,27 (es handelt sich um den Metatarsus II von Centromerus albidus, einer besonders kleinen Art, mit einer Gesamtlänge von etwa 1mm bei diesem Exemplar).

Beste Grüsse,
Rainer

Martin Lemke

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Re: Trichobothrium
« Antwort #15 am: 2018-02-05 14:52:11 »
Mit dem "Kringel" um die Basis um das Trichobothrium ist der Becher auf Rainers Foto trotz aller Unschärfe gut erkennbar und so von anderen Haaren und Borsten abgrenzbar.

Martin