Autor Thema: Tenuiphantes tenuis, weiblich? <=  (Gelesen 612 mal)

Ulrich Kursawe

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Tenuiphantes tenuis, weiblich? <=
« am: 2018-06-24 18:31:23 »
Hallo,

diese kleine Linyphiide habe ich an einer glatten Hauswand gefunden. Leider ist sie gestorben, bevor ich Lebendfotos machen konnte, daher also nur ein paar Bilder von der Alkoholleiche. Ich würde hier auf Tenuiphantes tenuis tippen, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Bilder für eine sichere Bestimmung reichen. Ich bin da auch an der Grenze dessen, das ich mit meinem Setup noch einigermaßen erkennbar abbilden kann, wenn es also nur für ein "cf." reicht, wäre das auch ok.

Viele Grüße, Uli

Fundort:  München-Unterföhring, Hauswand
Koordinaten: 48.178563, 11.635996 ( 48°10'42.8"N 11°38'09.6"E)
Datum:  22.6.2018
KL:  ca. 2,5 mm

« Letzte Änderung: 2018-07-05 20:21:32 von Ulrich Kursawe »

Jürgen Guttenberger

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich?
« Antwort #1 am: 2018-06-26 04:51:52 »
Servus Uli,
für mich passt deine Vermutung, die Umrisse der Epigyne stimmen, die Körperlänge dazu und der Fundort Hausmauer ebenso, ich finde die Art auch sehr oft an Hausmauern. Bei solch kleinen Tieren reicht mein Bino auch nicht mehr aus, hier kommt dann das Mikroskop zum Einsatz.

Grüße
Jürgen

Martin Lemke

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich?
« Antwort #2 am: 2018-07-03 11:08:28 »
Die tenuis-Gruppe ist nicht ganz einfach und im Gegesatz zu Jürgen kann ich an der Epigyne nichts wirklich gut erkennen, das eine Diagnose zu lässt. Ich in gerade dabei, einen Bestimmungsschlüssel für die tenuis-Gruppe zu übersetzen. Für den Teil für weibliche Tiere steht noch alles auf Englisch da, weil ich noch ein paar Fachbegriffe nachfragen muss, bevor ich sie übersetzen kann. Aber vielleich hilft er ja?

https://wiki.arages.de/index.php?title=Tenuiphantes_tenuis-Gruppe

Der Fundort "Hauswand" wäre für keine Tenuiphantes-Art typisch. Das wäre eher bei Lepthyphantes leprosus der Fall, aber die können wir ausschließen.

Gruß

Martin
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Jürgen Peters

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich?
« Antwort #3 am: 2018-07-04 11:38:17 »
Hallo,

Der Fundort "Hauswand" wäre für keine Tenuiphantes-Art typisch. Das wäre eher bei Lepthyphantes leprosus der Fall, aber die können wir ausschließen.

also, ich hatte hier schon öfter Tenuiphantes (wohl tenuis, aber ohne Genitaluntersuchung bleibt es Spekulation) am Haus, im Haus, im Wintergarten, in der Garage und besonders zahlreich im Schuppen zwischen Kaminholzscheiten.
Definitiv keine Lepthyphantes (L. leprosus und minutus gibt es hier ebenfalls synanthrop, die kenne ich somit).
Viele Grüße, Jürgen

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Ulrich Kursawe

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich?
« Antwort #4 am: 2018-07-04 19:22:45 »
Hallo Zusammen,

vielen Dank für die Beiträge, da habe ich wohl einiges verpennt. Leider habe ich das Tier ziemlich zerpflückt, daher sind weitere Untersuchungen kaum möglich, selbst wenn ich den Unterschied zwischen einem "l-spine" und einem "d-spine" kennen würde (oder steht das für "lateral" und "dorsal"?). Kann man denn wenigstens eine Zugehörigkeit zur Tenuiphantes tenuis-Gruppe als gesichert annehmen? Das wär doch schon was ...

Viele Grüße, Uli

Simeon Indzhov

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich?
« Antwort #5 am: 2018-07-04 19:49:41 »
Für mich ist Tenuiphantes tenuis relativ eindeutig. Diesen konkaven, fast wie in der Mitte geschnittenen Hinterrand des Scapus haben in DE die restlichen Arten nicht. Auch die gerundeten, relativ kurzen Flügeln sprächen dafür. Der Fundort natürlich auch - T.tenuis habe ich im Garten auch
Simeon

Ulrich Kursawe

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich?
« Antwort #6 am: 2018-07-05 20:21:13 »
Hallo Simeon,

die "-phantes" Linyphiiden sind ja zur Zeit wohl dein Spezialgebiet, da habe ich ja Glück gehabt :). Vielen Dank für die Bestimmung!

Viele Grüße, Uli

Simeon Indzhov

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich? <=
« Antwort #7 am: 2018-07-05 21:56:34 »
Es wird sicherlich lange dauern, bis sie mein Spezialgebiet werden. Nur mit Tenuiphantes habe ich mich ein wenig beschäftigt :)

Martin Lemke

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich?
« Antwort #8 am: 2018-07-07 00:26:47 »
(oder steht das für "lateral" und "dorsal"?)

Exakt. Ich bin selber nicht drauf gekommen und musste Christo Deltshev fragen.

T. tenuis ist meinen Erkenntnissen nach eine typische Offenlandart (die kommt praktisch auf jeder Wiese vor). Ich hätte mir anhand der unscharfen Fotos keine Diagnose zugetraut. Auch wenn ich sicher viele dieser Art bestimmt habe. Allein das Opisthosomamuster spricht nach ROBERTS eigentlich schon für T. tenuis. Aber ich bin eben immer etwas skeptisch und suche den genitalen Beweis. Wie Simeon in Deinem Foto Konturen erkennen kann, ist mir rätselhaft.

Dass an Jügens Waldrand-Haus Arten an der Hauswand zu finden sind, die nicht typischerweise synanthrop vorkommen, wissen wir doch inzwischen alle aus seinen Hauswandzählungen, die er früher oft postete; solche Vorkommen sind eben nicht die Regel und darum wenig interessant.

Martin
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Ulrich Kursawe

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich?
« Antwort #9 am: 2018-07-07 00:58:31 »

Wie Simeon in Deinem Foto Konturen erkennen kann, ist mir rätselhaft.


Das geht mir allerdings auch so, ich habe gerade mal mit Mühe den Scapus erkennen können. Da hat er wohl bessere Augen ...
Das Haus, zu dem die Wand gehört, ist jetzt auch nicht  mitten in einem Wohngebiet, es ist von reichlich Grünzeug umgeben, Hecken, Bäume und auf einer Seite ist eine Schrebergartenkolonie, vielleicht ist die Spinne nur an der Wand "zwischengelandet" und ich habe sie gerade dort erwischt.

Ich hätte im Übrigen auch kein Problem damit, die Bestimmung mit einem "cf." zu versehen, aber Simeon hat sich ja intensiver mit den Tenuiphantes beschäftigt und scheint sich ja auch sicher zu sein.

Viele Grüße, Uli

Jürgen Peters

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich?
« Antwort #10 am: 2018-07-07 09:51:49 »
Hallo Martin,

T. tenuis ist meinen Erkenntnissen nach eine typische Offenlandart (die kommt praktisch auf jeder Wiese vor).

kann es sein, daß die Art (wie viele andere sowie Insekten auch) einfach flexibel ist und dort vorkommt, wo sich ihr jeweils die besten Bedingungen bieten?
Ich kann von hier viele der Beschreibungen im Wiki nicht nachvollziehen. Etwa, daß Tetragnatha montana dieselben (feuchten) Habitate besiedelt wie T. extensa, allerdings nicht ganz so häufig ist.
Das mag deinen Beobachten dort oben im gewässerreichen Norden entsprechen, sieht hier aber völlig anders aus. Definitive T. extensa kenne ich nur von wenigen Exemplaren wirklich direkt am oder *über* dem Wasser (etwa waagerechtes Netz über ein als Viehtränke dienendes Kanalrohrsegment) oder an im Wasser stehenden Schilfstängeln.
T. montana hingegen ist wirklich allgegenwärtig, eine der häufigsten Spinnen überhaupt, egal ob Wasser in der Nähe ist oder nicht: im Garten an Sträuchern, Brennnesseln, an Dachrinnen am Wintergarten, am Haus (seltener im Haus), auf Wiesen, an Hecken, auch mitten im Wald an Wegen und auf Lichtungen. Was die Häufigkeit gegenüber T. extensa angeht, würde ich die mit mindestens 1000:1 beziffern.

Andererseits fehlen hier auch viele Arten (oder sind extrem selten), die bei euch im Norden, aber auch fast überall sonst häufig zu sein scheinen: ich habe hier noch nie einen Tibellus gesehen und insgesamt in 20 Jahren vielleicht drei, vier Agelena. Ebenso wenige Misumena vatia, und die Gnaphosidae insgesamt kann ich auch an den Fingern zweier Hände abzählen...

Man merkt schon, daß man auch bei scheinbar häufigen Spezies die Verhältnisse kaum von einer Gegend auf die andere übertragen kann.

Zitat
Dass an Jügens Waldrand-Haus Arten an der Hauswand zu finden sind, die nicht typischerweise synanthrop vorkommen, wissen wir doch inzwischen alle aus seinen Hauswandzählungen

Ich glaube, ich habe auch früher schon betont, daß der Waldrand gut 300 m entfernt ist. An der Hauswand und im Hof finde ich aber auch oft für Offenlandbiotope typische Arten, wie Feldheuschrecken, manche Schwebfliegen oder Bodenwanzen (die Namen Stygnocoris sabulosus oder Trapezonotus arenarius etwa weisen schon auf die üblichen Lebensräume hin).
Andererseits finde ich an den Hauswänden auch immer wieder mal Wasserkäfer, Schwimmwanzen, Eintags- und Köcherfliegen oder Piratas, obwohl das einzige Gewässer in der Nähe ein winziger Bach 150 m von hier ist.

Ich denke eher, die Hauswände sind allgemein Anziehungspunkte für Insekten und Spinnen aller Art. Und, nicht unwesentlich: hier sieht man sie halt einfach eher...

« Letzte Änderung: 2018-07-07 14:49:03 von Jürgen Peters »
Viele Grüße, Jürgen

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Tobias Bauer

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich?
« Antwort #11 am: 2018-07-07 11:25:06 »
Ich denke eher, die Hauswände sind allgemein Anziehungspunkte für Insekten und Spinnen aller Art. Und, nicht unwesentlich: hier sieht man sie halt einfach eher...

Und vor allem ein Hindernis, das nicht so leicht zu überwinden ist. Im Prinzip sieht man an Jürgen's Hauswand, welche Waldrandarten durch verschiedene Umstände auch außerhalb ihres Biotops gefunden werden können (evtl. auch welche Arten stärkere migrieren), und welche evlt. nicht. Wenn man das an 20 Hauswänden in ungefähr gleichem Abstand macht und dann mal mit Aufsammlungen vom Waldrand vergleicht, kommt sicherlich was interessantes raus. Daher wäre ich vorsichtig, Beobachtungen ungewöhnlicher Art oder Methode als schlicht uninteressant abzustempeln. Selbst Schlampigkeit kann manchmal zu wichtigen Beobachtungen führen (ich will ja garnicht mit Fleming anfangen). Avery et al. (2010) haben zufällig bei in Nordflorida draußen gehaltenen dunklen Tigerpythons beobachtet, dass die trotz Rückzugsmöglichkeiten (und kleiner Heizung) während einer ungewöhnlichen Kälteperiode eingegangen sind. Der unaufmerksame Beobachter sieht darin schlicht einen Haltungsfehler, der Ökologe sieht darin einen Hinweis, dass die Verbreitung dieser dort invasiven Art eventuell durch solche Wintertemperaturen eine natürliche Grenze findet. Im Zuge des Klimawandels verschieben sich natürlich oftmals solche Wettergrenzen, daher hängt an dieser schlichten Beobachtung eine ganze Reihe von zukünftigen Modellierungen, Untersuchungen und Gegenmaßnahmen.

Tobias

Wolfgang Schlegel

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich? <=
« Antwort #12 am: 2018-07-07 14:24:22 »
   Hallo Jürgen,

ich war gerade etwas verwirrt von Deinen obigen Einlassungen zu Tetragnatha montana/ extensa. Könnte es sein, dass Du aus Versehen "extensa hingegen" statt "montana hingegen" geschrieben hast?

   Gruß aus Stuttgart
Nach stundenlangem Besinnen
Ähneln sich alle Spinnen.

Jürgen Peters

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Re: Tenuiphantes tenuis, weiblich? <=
« Antwort #13 am: 2018-07-07 14:50:27 »
Hallo Wolfgang,

Könnte es sein, dass Du aus Versehen "extensa hingegen" statt "montana hingegen" geschrieben hast?

oh ja, danke für den Hinweis. Es war natürlich T. montana gemeint. Habe es korrigiert.
Viele Grüße, Jürgen

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