Autor Thema: Nachdenken über Sinn von Forschung  (Gelesen 400 mal)

Martin Lemke

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Nachdenken über Sinn von Forschung
« am: 2018-09-14 09:23:15 »
Manche Forschungen machen mich nachdenklich.

Gerade habe ich eine Publikation quer gelesen, welche jemand im BAS-Forum postete:

BEHAVIORAL CHARACTERS FOR THE HIGHER CLASSIFICATION OF ORB-WEAVING SPIDERS
WILLIAM G. EBERHARD
Smithsonian Tropical Research Institute and Escuela de Biologia,
Universidad de Costa Rica, Ciudad Universitaria, Costa Rica
Received August 25, 1980. Revised June 22, 1981

Darin wird unter anderem aus einem Film in 12 Skizzen herausgezeichnet genau dargestellt, wie eine Radnetzspinne (Alpaida rhodomela) klettert, um beim Netzbau den Faden zwischen zwei Radialfäden zu setzen. Bei solchen Abhandlungen frage ich mich gelegentlich, ob so etwas nur um des Forschens willen untersucht wird oder ob ein Nutzen in so einer Arbeit gesehen wird. Oder übersehe ich da etwas?

Über eine engagierte Diskussion freut sich

Martin

Tobias Bauer

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Re: Nachdenken über Sinn von Forschung
« Antwort #1 am: 2018-09-22 18:35:21 »
Naja, dieser Gedankengang würde zur Abschaffung ca. 4/5 der geisteswissenschaftlichen Forschung führen.

Warum siehst du da jetzt keinen Sinn drin? Reine "Natural History"-Verhaltensstudien haben oftmals phylogenetischen Wert (mitunter wird dieser erst später erkannt) oder setzen Anreize, bestimmte Prozesse, ökologische bis physikalische, besser verstehen zu wollen. Das sagt ja auch der Titel der Arbeit schon aus. Eberhard ist zudem einer der renommiertesten Arachnologen überhaupt, dass nur am Rande.

Tobias

Tobias Bauer

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Re: Nachdenken über Sinn von Forschung
« Antwort #2 am: 2018-09-24 22:46:58 »
Noch ein Beitrag zur Wichtigkeit von korrekter "Higher Classification", also der korrekten phylogenetischen Einteilung auf höherer Ebene. Das wird ja mitunter etwas als "l'art pour l'art" von Praktikern angesehen, die viel mit Arten direkt arbeiten.
Diversität kann ja aber auf verschiedenen Ebenen gemessen werden, eine davon ist z.B. die Phylogenetic Diversity (https://en.wikipedia.org/wiki/Phylogenetic_diversity). Allein die Artenzahl in einem Gebiet sagt nicht unbedingt etwas über die Anzahl an Clades, also Entwicklungslinien aus, die dort vorkommen. Reines Denkbeispiel: So können in einem Gebiet 25 Linyphiiden und 3 Wolfspinnenarten vorkommen, in dem anderen aber 10 Linyphiiden, 3 Wolfspinnenarten, 2 Liocraniden, 1 Theridiidae, 1 Dysderidae und 1 Atypidae. Trotz deutlich geringerer Artenzahlen ist die PD dort viel höher als im ersten Gebiet. Diese kann aber nur korrekt gemessen werden, wenn man die Familien kennt, am Besten noch mit dem ungefähren Entwicklungsabstand zwischen allen. Wenn jetzt die Liocraniden doch deutlich enger mit den Wolfspinnen verwandt sind, als angenommen, und die Dysderiden in Wahrheit Mygalomorphen sind (reines Denkbeispiel), ändert sich natürlich in diesem Beispiel die PD drastisch.

Praxisbeispiel für Relevanz: Gerade stark anthropogen veränderte Gebiete filtern oft ganze Entwicklungslinien heraus, da diese natürlicherweise ähnliche Merkmale haben (man denkt an manche Amphibiengruppen usw). Denkt man jetzt auf einer gewissen Skala, z.B. ganze Länder, könnte man modellieren, wie z.B. intensivere Landwirtschaft die phylogenetische Zusammensetzung vormals vorhandener "natürlicher" Gemeinschaften verändert, und eventuell auch darstellen, ob ganze, distinkte Entwicklungslinien aussterben werden, regional wie gesamt. Dazu brauche ich aber sowohl die korrekten Verwandschaftsverhältnisse (sonst rechne ich natürlich nur Mist), wie auch Studien auf kleinerer Skala.

Daher ist die korrekte "Higher Classification" selbst für den Naturschutz sehr wichtig, mal ganz abgesehen von anderen Bereichen. Einzelne Arten schützen ist eine Sache, ganze Entwicklungslinien (z.B. Viridasiidae), vor allem mit nur wenigen, eventuell sogar Reliktarten (Stichwort Liphistiidae), eine ganze andere, und mitunter die Wichtigere.

Tobias

Martin Lemke

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Re: Nachdenken über Sinn von Forschung
« Antwort #3 am: 2018-09-28 12:03:48 »
Reine "Natural History"-Verhaltensstudien haben oftmals phylogenetischen Wert (mitunter wird dieser erst später erkannt

Das war mir nicht bekannt. Danke für den Hinweis.

Martin

Wolfgang Schlegel

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Re: Nachdenken über Sinn von Forschung
« Antwort #4 am: 2018-10-02 18:47:07 »
   Hallo zusammen,

der Titel dieses Threads lädt dazu ein, sich in Grundsätzlichem zu verlieren.

Zitat
"...ob so etwas nur um des Forschens willen untersucht wird oder ob ein Nutzen in so einer Arbeit gesehen wird."

Da fragt sich natürlich, wer den Nutzen hat und wer imstande ist, ihn zu sehen.

Wenn die regelmäßigen Benutzer dieses Forums die Anzahl von 39 Spinnenarten, die von Linnaeus beschrieben worden sind, mit der Zahl der heute bekannte Arten vergleichen, werden sie das wohl für einen Fortschritt halten und nützlich finden. Wenn Linnaeus einem Betriebswirtschaftler von den 39 Arten erzählt hätte, hätte dieser ihm wahrscheinlich geraten, die meisten davon wegzurationalisieren.

Es könnte ja auch beispielsweise eine Person einen Nutzen davon haben, sich an der Formenvielfalt der kleinen Linyphiiden zu erfreuen. In diesen Genuss kommt die Person am ehesten, wenn sie feststellt, dass sie sich auf diesem Gebiet noch zu wenig auskennt und daher beschließt, sich den betreffenden Teil der Welt genauer anzuschauen und ihn nach Möglichkeit besser zu verstehen. Man nennt das Neugier, und eine bessere Motivation für Forschung soll mir erst mal einer vorschlagen.

Warum sollte es negativ zu bewerten sein, wenn etwas nur um des Forschens willen untersucht wird? "l'art pour l'art" bzw. "la science pour la science" kann nach allen Erfahrungen ein sehr produktives Prinzip sein.

Im konkreten Fall von Alpaida rhodomela wird man davon ausgehen können, dass die Spinneneltern ihren Kindern nicht beibringen, wie sie das Netz zu weben haben. Also wird man zunächst annehmen, dass die Fähigkeit dazu auf irgendeine Weise vererbt wird und wahrscheinlich in den Chromosomen niedergelegt ist. Wie so etwas genetisch und epigenetisch kontrolliert und codiert werden kann, ist nicht gerade bis ins Detail bekannt. Wenn man es untersuchen will, ist es unumgänglich, als ersten Schritt einmal zu dokumentieren, was beim Netzbau im Detail abläuft.

Nun sind die Menschen mal verschieden. Der eine wird die Frage, wie der Netzbau dieser Spinne funktioniert, hochspannend finden, und einem anderen ist sie schlicht scheißegal. Wenn der erstere seine Neugier durch eigene Aktivitäten befriedigen möchte, muss er dazu viel Zeit aufwenden (und je nach Interessenschwerpunkt einen mehr oder weniger teuren Apparaturaufwand betreiben). Wenn er nicht gerade über ein Riesenvermögen verfügt, ist es ideal, wenn seine Arbeitszeit bezahlt wird und die Apparaturen von einem Institut zur Verfügung gestellt werden. Er wird also eine Karriere in der Industrieforschung anstreben (eher wenig aussichtsreich für Arachnologen; immerhin hat sich Nps Pharmaceuticals, Inc. mal das Gift von Segestria florentina patentieren lassen) oder als Arachnologe an einer öffentlichen Einrichtung. Die öffentliche Einrichtung bezieht ihr Geld aus den Steuern, die unter anderen derjenige bezahlt hat, dem die Frage eigentlich scheißegal ist. Es ergibt sich also die Notwendigkeit, ihm darzustellen, welchen Nutzen er von dieser Forschung haben könnte. Da ist Kreativität gefragt. Sollte man irgendwann an den Punkt gelangen, die genetische Codierung von Netzbauweisen erschöpfend verstanden zu haben, hätten die dabei gewonnenen Erkenntnisse mit Sicherheit erhebliche Auswirkungen auf die Biotechnologie. Welche genau das wären, kann heute niemand sagen - grade deswegen müsste man erstmal forschen.

Ich wüsste jetzt auf die schnelle auch nicht zu sagen, auf welche Weise ein Arachnologe bei der Rechtfertigung seiner Forschung am wirkungsvollsten argumentiert. Im Bereich der biochemischen Grundlagenforschung ist es seit langer Zeit Tradition und Pflichtübung, auf den Nutzen für den Kampf gegen Krebs hinzuweisen. Das sollte wirken, da Angst vor Krankheit und Tod für jeden nachvollziehbar ist. Es ist ja auch nicht falsch; das Verständnis der chemischen Vorgänge in einer Zelle ist erforderlich, wenn man auf ihre Entartung Einfluss nehmen möchte. Der einzelne Forscher wird sich aber angesichts der Komplexität der Materie mit seiner konkreten Arbeit auf die Details eines Spezialgebiets fokussieren müssen, dessen Bedeutung für eine medizinische Anwendung nicht von vornherein absehbar ist.  Wenn schließlich viele Erkenntnisse vorliegen und Zusammenhänge erkennbar werden, kann dann der medizinische Nutzen entstehen. Ich habe aber nie einen Molekularbiologen getroffen, dessen primäre Motivation im heldenhaften Kampf gegen den Krebstod bestanden hätte. Da ging es eher um die gute alte Neugier (um Erwägungen zu Karriere und Gehalt jetzt mal außen vor zu lassen).

   Gruß aus Stuttgart
Nach stundenlangem Besinnen
Ähneln sich alle Spinnen.