Autor Thema: Warum hängen Spinnen kopfabwärts in ihren Netzen?  (Gelesen 375 mal)

Jürgen Guttenberger

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Servus,
diese Frage wurde mir die Tage gestellt und ich konnte sie auf Anhieb nicht beantworten, auch nach einiger Zeit des Überlegens finde ich keinen plausiblen Grund ::).
Die Frage bezieht sich auf Radnetzspinnen z.B. auf die Gartenkreuzspinnen. Andere Netzbauer jetzt mal aussen vor gelassen.
Gibt es einen bestimmten Grund dafür...., hat wer eine Erklärung, Literaturhinweise...

Gruß
Jürgen

Rainer Breitling

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Re: Warum hängen Spinnen kopfabwärts in ihren Netzen?
« Antwort #1 am: 2018-09-20 12:18:36 »
Hallo Jürgen,
Eine sehr interessante Frage. Einen Teil der Antwort findest Du hier: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2982030/pdf/rspb20100729.pdf : Vor allem grosse Radnetzspinnen können im Netz schneller nach unten laufen als nach oben, und um das auszunutzen ist auch der untere Netzsektor grösser. Ich bin aber nicht ganz überzeugt, dass das die ganze Erklärung ist; dafür scheint mir die Netzasymmetrie zu gering, und die Bevorzugung der Kopfabwärts-Position zu ausgeprägt. Spekulation: Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass die Spinnen sich kopfabwärts einfacher aus dem Netz fallenlassen können, ohne einen Purzelbaum machen zu müssen? Bin gespannt, ob es noch andere Vorschläge gibt.
Beste Grüsse,
Rainer

Martin Lemke

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Re: Warum hängen Spinnen kopfabwärts in ihren Netzen?
« Antwort #2 am: 2018-09-20 13:25:44 »
Das ist so ein wenig wie die Frage: Warum ist die Banane krumm? – Diese Frage ist natürlich erklärbar, aber sie steht für das Synonym für eine ganze Reihe von Fragen, deren Sinn sich nicht erschießt. Warum hat der Mensch fünf Finger? Auf diese Frage fand ich unverhofft im Wiener (?) Naturkundemuseum Antwort; nämlich weil die erste Art, welche den Schritt aus dem Wasser an Land vollzog, fünfgliedrige Gliedmaßen hatte und alle anderen von diesem abstammen. So ähnlich wird es mit den Radnetzspinnen sein.

Dass der untere Teil des Netzes breiter ist, stimmt doch gar nicht. Die meisten Radnetze, die ich kenne, sind sehr symmetrisch; das ist vielleicht bei den Cyclosa-Arten in dem Artikel anders. Einzig das typischerweise exzentrische Netz von Nuctenea umbratica sticht hervor. Das Problem dieser Frage sehe ich eher im Denken des Menschen, welcher allem, das er erkennt, einen Zweck zuordnen will. Wie wir wissen, sind Spinnenfanggewebe, also keinesfalls nur Radnetze, ziemlich komplexe Gebilde; man denke an Kugelspinnennetze bis hin zu Parasteatoda lunata, welche grundsätzlich ein Blatt ins Netz hängt und sich dahinter verbirgt. Keine Spinne studiert vorher an einer Ingenieursschule; die Konstruktion ist vermutlich genetisch hinterlegt und wird abgerufen und damit auch, wie die Spinne im Netz sitzt. Verwandte Arten sitzen so in der selben Position in identischer Ausrichtung. Ganz ohne einen anderen zwingenden Grund als Vererbung.

Erst vor ein paar Tagen sah ich eine Gartenkreuzspinne in ihrer Netznabe sitzen und wunderte mich, dass sie die links von ihr im Netz zappelnde kleine Fliege ignorierte. Dann erkannte ich, dass sie gerade fraß. Somit kann die Strategie, sie säße kopfüber auf der Netznabe, damit sie Beute schneller erreichen könne, nicht stichhaltig sein. Eine solche Strategie wäre nur glaubhaft, wenn die Wahrscheinlichkeit des Auftreffens von Beute im unteren Netzbereich am höchsten wäre – dazu müsste der untere Bereich wesentlich größer sein als der Rest des Netzes, eine geringfügige Abweichung reicht da nicht aus.

Die meiste Zeit sitzen Radnetzspinnen aber außerhalb der Radnabe. Meist oben oder oben seitlich; hier haben sie von oben tatsächlich den schnellsten Weg ins gesamte Netz. Das erklärt aber nicht, warum, wenn sie auf der Netznabe sitzt, mit dem Kopf nach unten sitzt. Wie der von Rainer verlinkte Artikel zeigt, gibt es also auch Arten, welche da gar keine Präferenz haben und auch gelegentlich mit dem Kopf nach oben oder zur Seite im Netz sitzen (Cyclosa confusa).  Wie auch immer die Konstellation anders aussehen möge, bliebe eine denkbare unlösbare Frage übrig, warum sie nicht anders im Netz säße und somit bei dem Synonym: Warum ist die Banane krumm?

Martin
Dies ist ein Bekenntnis

Simeon Indzhov

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Re: Warum hängen Spinnen kopfabwärts in ihren Netzen?
« Antwort #3 am: 2018-09-20 14:40:30 »
Tja... Ich stimme vorwiegend Martin zu; zumindest in diese Richtung sind meine Gedanken öfters gelaufen. Bei der Evolution und entsprechend bei den adoptierten Strategien gibt es keime ausgeprägte "richtig-falsch" Dichotomie, also der Erfolg einer Anpassung heißt nicht, dass ihr Gegenteil bei ähnlichen (gleichen?) Bedingungen nicht erfolgreich sein wird. Er kann zB durch etwas Anderes kompensiert werden. Und in diesem Sinne kann man auch denken, dass Anpassung an einer nicht erfolgreichen bzw zufälliger Erscheinung passieren kann, statt des Gedanken, diese sei selbst eine Anpassung. Also: möglicherweise ist das Kopfüber-Sitzen im Netz ein Atavismus zB von einem älteren Netzbau, oder sonst Zufall, nicht gerade von einer positiven Überlebensstrategie motiviert - sondern einfsch nicht schadend. Und daran werden später andere Sachen selektiert - Hämolymphefluss, Bewegung im Netz, Beutefang, Fluchtmöglichleiten - wie Rainer schon andeutete - und Sonstiges. Daher - die Banane ist krumm, weil die Pflanze so überleben konnte. Ob eine Banane mi geraden Früchten überleben und sich vermehren kann, ist eine andere Sache.

Simeon

Sylvia Voss

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Re: Warum hängen Spinnen kopfabwärts in ihren Netzen?
« Antwort #4 am: 2018-09-21 17:36:02 »
Hallo ?
Irgendwie finde ich, wäre der Mensch um viele Erkenntnisse ärmer (was manchmal -zugegeben- ganz gut wäre) würde er sich nicht immer wieder solche Fragen stellen. Der arme Newton hätte zu diesen Antworten den Kopf geschüttelt , auch er fragte sich nur simpel warum der Apfel nicht seitwärts oder gar aufwärts sondern eben nur immer nach unten fällt... und aus der Grübelei über diese simple Frage fand er eine physikalische Gesetzmäßigkeit, die unser aller Leben auf dem Planten betrifft, sieh einer an... Nachdenken über einen herunterfallenden Apfel... warum nicht über kopfüber sitzende Radnetzspinnen. Rainers Antwort fand ich ziemlich logisch. Frag weiter Jürgen, wenn wir aufhören zu fragen und zu lernen werden wir alt.
LG
Sylvia

Jonathan Neumann

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Re: Warum hängen Spinnen kopfabwärts in ihren Netzen?
« Antwort #5 am: 2018-09-21 22:17:32 »
Was ist denn mit Agelenidae und Amaurobius, die bauen doch "normal".

LG,
Jonathan
CHAENA MONNA MOKOPUNG aus Afihla Majantja Vol 3.

Tinto von Matsieng, eines meiner Lieblingslieder

Jürgen Guttenberger

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Re: Warum hängen Spinnen kopfabwärts in ihren Netzen?
« Antwort #6 am: 2018-09-23 11:12:30 »
Das ist so ein wenig wie die Frage: Warum ist die Banane krumm? – Diese Frage ist natürlich erklärbar, aber sie steht für das Synonym für eine ganze Reihe von Fragen, deren Sinn sich nicht erschießt. Warum hat der Mensch fünf Finger? Auf diese Frage fand ich unverhofft im Wiener (?) Naturkundemuseum Antwort; nämlich weil die erste Art, welche den Schritt aus dem Wasser an Land vollzog, fünfgliedrige Gliedmaßen hatte und alle anderen von diesem abstammen. So ähnlich wird es mit den Radnetzspinnen sein.
Martin

Das mag schon sein Martin, jedoch die Entwicklung des Daumens als gegenüberliegendes Greifglied ist nur beim Menschen so ausgeprägt und schafft ihn dadurch einen wesentlichen Vorteil.

So einfach würde ich die Thematik nicht ablegen wollen.

Danke Rainer für den link, das Argument mit der Schwerkraftnutzung bei Feindkontakt hat was....

Jürgen