Autor Thema: Umgang mit Arten in der Gattung Ctenus basierend auf juvenilem Typusmaterial  (Gelesen 187 mal)

Tobias Bauer

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In der Gattung Ctenus stehen heute noch recht viele Arten die anhand juvenilem Material beschrieben wurden

 Ctenus flavidus Hogg
Ctenus beerwaldi Strand
Ctenus bahamensis Strand
Ctenus barbatus Thorell
Ctenus longipes vittatissimus Strand
Ctenus polli Hasselt
Ctenus quinquevittatus Strand
Ctenus tumidulus (Simon)

Wie soll man mit solchen Namen umgehen? Selbst bei vorhandenem Typusmaterial ist eine Bestimmung niemals 100% sicher (die Variation einzelner Entwicklungsstadien ist ja auch zu beachten), dazu kommt, das das Typusmaterial selbst bei gutem Zustand farblich schwierig zu interpretieren ist und die Typuslokalitäten meist wenig genau angegeben sind. Ohne dass ich es plane, aber welche Gefahren würden evtl. bestehen, wenn solche Namen erst einmal eingemottet (Nomina dubia) werden?

Tobias

Martin Lemke

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So wirklich europäisch sind diese Arten ja nicht gerade. Aber im Prinzip müsste gelten, wie Du es selber andeutest, dass diese Arten als Phantomarten deklariert werden müssten; also => Nomen dubia.

Die Frage, welche Gefahren daraus erwüchsen, verstehe ich nicht.

Martin


BTW: Warum wundert es mich jetzt nicht, dass der Name Strand in Deiner kleinen Liste überproportional häuftg auftaucht?
Dies ist ein Bekenntnis

Rainer Breitling

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Hallo Tobias,
Ich würde diese Fälle nicht automatisch als "nomina dubia" einstufen wollen. Man muss das sicher im Einzelfall genauer untersuchen. Es gibt ja anscheinend eine ganze Reihe von Ctenus-Arten, die laut Katalog ebenfalls nach juvenilem Material beschrieben wurden und sich später trotzdem erfolgreich synonymisieren liessen. Hast Du schon nachgeschaut, wie die modernen Autoren da im Einzelfall argumentiert haben? Beispiele:

Ctenus rubrifrons Simon, 1910 = Ctenus capulinus (Karsch, 1879)
Ctenus lagesicola Strand, 1909 = Ctenus medius Keyserling, 1891
Ctenus nigrotriangulatus Strand, 1906 = Ctenus potteri Simon, 1901
Ctenus trabifer Thorell, 1887 = Ctenus ramosus Thorell, 1887
Ctenus scenicus Caporiacco, 1947 = Ctenus itatiayaeformis Caporiacco, 1955 = Ctenus serratipes F. O. Pickard-Cambridge, 1897

Beste Grüsse,
Rainer

Tobias Bauer

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Hallo Rainer u. Martin,

automatisch wollte ich sie auch nicht so einstufen. Mir fehlt aber der Einblick, inwieweit diese Namen so synonymisiert werden können, dass es auch korrekt ist und nicht nur auf persönlicher Meinung basiert. Viel Material sichten ist natürlich auch eine Möglichkeit, aber selbst dann bleibt ein gewisser Unsicherheitsfaktor. Nomina dubia sind ja auch nicht endgültig, aber ich empfinde es irgendwie auch nicht richtig, sie einfach so im WSC (und eventuellen Länderlisten) stehen zu lassen.

Artenbeispiele

Benoit (Ctenus rubrifrons Simon, 1910 = Ctenus capulinus (Karsch, 1879) geht da sehr pragmatisch vor. Ich finde keinen wirklichen Hinweis, warum er die Art synonymisiert hat, außer eine gewisse Wahrscheinlichkeit, das beide synonym sind, weil sie (capulinus) im Gebiet häufig ist.

In C. lagesicola (aus Brescovit & Simó 2007):

"The type specimen of C. lagesicola Strand, despite being immature, shows the coloration pattern of C. medius."

Man kann natürlich so vorgehen. Brescovit kennt natürlich seine Arten sehr gut. Ich weiß aber nicht, ob das bei den Afrikanischen Arten überhaupt so möglich ist, da nur in den aller wenigsten Fällen systematische Untersuchungen wie in Südamerika mit entsprechend großer Ausbeute möglich sind und in absehbarer Zeit sein werden. Einige Südamerikanische Ancylometes-Arten haben z.B. ein sehr großes Verbreitungsgebiet und variieren durchaus auch in der Größe und der Färbung extrem. Dann gibt es Arten, die nur von sehr weit voneinander entfernt liegenden Gebieten
bekannt sind, sich aber habituell komplett gleichen, bei den Genitalien aber so starke Variationen zeigen, dass ich von der Meldung dieser Funde abgesehen habe (in diesem Fall Acylometes jau aus Bolivien), weil ich eine nahverwandte Art nicht ausschließen kann, das entsprechende Männchen aber fehlt. Übertragt man diesen Unsicherheitsfaktor auf juvenile Tiere, weiß ich nicht, ob eine habituelle Ähnlichkeit bei afrikanischen Arten allein reicht, außer man hat Zugang zu sehr viel Material aus systematischen Aufnahmen.

Das Thema ist jetzt auch nicht so wichtig. Ich fand es nur mal interessant, drüber nachzudenken, wie man diese Einträge los werden könnte.

Grüße,
Tobias

p.s. das Thema tangiert Europa durchaus. Ctenus-Arten werden gerne mal mit Schiffsladungen verschleppt.


Bastian Drolshagen

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Hi Tobias,
wie wäre es mit einem "species inquirenda" Status? Es kann ja durchaus sein, dass man (mit erheblichem Aufwand) diese Arten finden, nachziehen und aufziehen kann. In diesem Fall ist es uU möglich auch juvenile Tiere zu bestimmen. Ich habe diesen Fall bei Mygalomorphae die sich juvenil stark von adulten Tieren unterscheiden, scheue mich aber die vorhandenen Arten zu synonymisieren, da ich nicht 100%ig sicher sein kann.

Tobias Bauer

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Soweit ich weiß listet der WSC diesen Status nicht, aber klar, das wäre wahrscheinlich das, was dem Ganzen am ehesten entsprechen würde. So eine richtige endgültige Lösung wäre das dann aber leider auch nicht.

Vielleicht schaue ich mal, ob von der einen oder anderen Art noch Typen da sind. Wenn die fehlen, ist die Sache eigentlich klar.

Tobias

Bastian Drolshagen

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Der Status wird schon gelistet: https://wsc.nmbe.ch/genus/3407/Phlogiellus
Denke der sp. inquirenda Status ist so eine halbgare Lösung, aber trifft es ziemlich genau wenn es um den Status von Arten geht bei denen es einen Typus gibt und es uU möglich ist mit mehr Material den Status zu klären. Aber wie du bereits angemerkt hast ist auch ein nomen dubium kein endgültiges "Urteil". Dennoch zweifelt ein nomen dubium die Art grundsätzlich an, wohingegen sp. inquirenda sie nur als fraglich bezeichnet.
Was macht man mit Arten von denen es keinen Typus mehr gibt, aber mal die Spermathek/Epigyne illustriert wurde?

Tobias Bauer

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Oh, das ist dann aber inkonsistent im WSC. Z.B. Ischnocolus tunetanus und fasciculatus werden als nomen dubium gelistet, obwohl die Arten von Guadanucci & Wendt als sp. inquirenda gelistet wurden. Und auch vorher wurde das öfters so gehandhabt, ich weiß aber gerade nicht mehr, wo mir das noch aufgefallen ist. Da müsste man mal wirklich eine einheitliche Linie reinbringen.

Zitat
Was macht man mit Arten von denen es keinen Typus mehr gibt, aber mal die Spermathek/Epigyne illustriert wurde?

Gute Frage. Kommt natürlich auch auf die Präzision der Zeichnung an. Wenn sie gut ist und eindeutig zugeordnet werden kann, sehe ich kein Problem. Wenn mehrere Arten in Betracht kommen, einmotten? Die alten Autoren haben ja um der Taxoninflation vorzubeugen gerne mal so einen Art erhalten, indem sie eine häufigere Art einer Artengruppe so betitelt haben, auf die die Beschreibung passt. Ich denke aber, heute sollte man nicht mehr so vorgehen.
Tobias


Bastian Drolshagen

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Hi Tobias,
ja, der WSC ist inkonsistent. Habe gesehen, dass bei neuen Arten sogar vermerkt wurde wo der Typus hinterlegt wurde (siehe zB https://wsc.nmbe.ch/species/56946/Phyxioschema_gedrosia). Diese Information fehlt bei alten Arten ja komplett. Da scheint aber einiges in der Mache zu sein.
Ich tendiere derzeit dazu die Art als nomen dubium zu führen, da die Qualität der Zeichnung nicht wirklich gut ist und vom Autor selbst als "rough sketch" betitelt wurde (pers. Komm.). Habe Material da, das dieser Zeichnung weitestgehend entspricht, aber es wurde halt weit von der angegebenen Typuslokalität gesammelt, wobei diese Lokalität auch nicht wirklich eindeutig ist. Zusätzlich habe ich auch eine andere Art gefunden, die sehr ähnlich ist und sich nur durch einen zusätzlichen Lobus auf der Rückseite(!) der Spermathek unterscheidet.

Tobias Bauer

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Hört sich ja fast nach Schmidt an  :P, bei Dipluriden aber eher nicht

Bastian Drolshagen

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Ischnothele ecuadorensis Schmidt, 1956 = Ischnothele digitata (O. Pickard-Cambridge, 1892) (Coyle, 1995: 52).

https://wsc.nmbe.ch/species/9550/Ischnothele_digitata

Aus einer Bananenlieferung..

Damit es nicht ganz OT ist: Stuart Longhorn hatte soweit ich mich erinnere etwas mit Ctenus bzw. Ctenidae zu tun, uU kann er ein wenig weiterhelfen.

Tobias Bauer

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Ach, diese elendigen Bananenspinnen von Schmidt. Da gibt es auch noch so viele valide Arten, die im WSC hängen. Meistens sind auch die Herkunftsangaben von ihm mit Vorsicht zu genießen. Wunderlich hat schon vor Jahren kritisiert, dass wenn a) die Bananen bspw. von den Kanaren kommen, b) das Tier nicht unbedingt von dort sein muss, denn diese Keller (woraus die meisten Tiere stammen) wurden früher nicht nach jeder Lieferung desinfiziert und ausgeräumt, genauso wie die Schiffsrümpfe. Das ist alles so ärgerlich, denn wenn die Tiere ordentlich beschrieben und gelistet gewesen wären (und vielleicht schon direkt nach der Landung untersucht), hätte man da einiges an Informationen über die Spinnenfauna auf Bananen an sich zur Hand. Wer weiß, vielleicht hätte man da Spinnenbesatz früher und heute (natürlich eher im Ursprungsland vor der Begasung) mal vergleichen können. Heutige Anlagen sind natürlich wesentlich intensiver geführt als damals.

Ctenus: Ich schaue mal, ich denke aber, ich komme nicht dazu, das hier weiter zu verfolgen. Vielleicht nächstes Jahr im Winter...

Tobias