Autor Thema: Ausbruchskünstler  (Gelesen 225 mal)

Jürgen Guttenberger

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Ausbruchskünstler
« am: 2019-03-01 07:24:37 »
Servus,

Wolfgang hat vor kurzen mal geschrieben, dass ihm Trachyzelotes pedestris Jungtiere entwischt sind. Ich hab mir dann Gedanke gemacht, wie das wohl passieren konnte.
Vorgestern fand ich eine juvenile Callilepsis nocturna in meinem Garten und ich wollte sie reif ziehen. Hatte sie aber bis gestern Abend in einer Glaspetrieschale zur Beobachtung unterm Bino gelagert. Als Abendschmaus gab ich eine frisch gefangene Ameise dazu. Die Ameise wuselte erwartungsgemäß im Behälter umher und brachte die Callilepsis erstmal aus ihrer Ruhephase. Zuerst ging sie der Ameise aus dem Weg, doch nach 2-3 min. merkte man, dass sie das Tier anvisierte.
Doch auf einmal schlüpfte sie zwischen unterer Schale und den passenden Deckel aus der Petrischale heraus. Die beiden Hälften waren unbeschädigt und eigentlich dürfte da kein Spalt sein. Zum hochheben des Deckels kann sie nicht in der Lage sein, da er doch 18,28 g wiegt.
Da ich das Schauspiel live unterm Bino betrachten konnte, war ich schon etwas erstaund, wie sie sich durch den nicht vorhandenen Spalt hindurchzwängte.
Bis jetzt ist mir hier noch keine einzige Spinne entkommen, auch nicht wenn sie mehrere Tage in der Petrischale waren.

Wieder was dazu gelernt.

Gruß Jürgen

Simeon Indzhov

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Re: Ausbruchskünstler
« Antwort #1 am: 2019-03-01 14:02:02 »
Auch Harpactea rubicunda beherrscht anscheinend einige Tricks...
Simeon

Wolfgang Schlegel

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Re: Ausbruchskünstler
« Antwort #2 am: 2019-03-01 22:22:44 »
Als ich einmal ein großes Scotophaeus-Weibchen nachts auf einer ständig beleuchteten Mauer traf, nahm ich mir vor, ihr so lange zuzusehen, bis sie Beute macht. Madame bewegte sich allerdings sehr wenig; sie schlurfte mal ein paar Zentimeter nach links, einige Minuten später ein paar Zentimeter nach rechts, sonst passierte nichts. Nach zwanzig Minuten löste sie sich plötzlich vor meinen Augen in Luft auf (Spinnen können nicht nur Houdini, sondern auch David Copperfield). Ich dachte, ich träume. Als ich mir die Mauer näher betrachtete, war da an der Stelle ein sehr enger Spalt, und ich hätte nie geglaubt, dass das dicke Ding da reinpassen könnte. So habe ich bis heute immer noch keinen Scotophaeus im Freiland Beute greifen sehen, aber seither wenigstens eine Vorstellung davon, weshalb der Name "Plattbauchspinne" ein sehr treffender ist

   Gruß aus Stuttgart
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Sylvia Voss

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Re: Ausbruchskünstler
« Antwort #3 am: 2019-03-01 23:37:13 »
 :)
Jaaa, das habe ich auch schon öfter anfangs gehabt dieses Ausbüchsen durch engste Spalten oder etwas was man nicht mal Spalt nennen kann... seitdem sind sie bei mir nur in größeren Gläsern mit verschließbarem Deckel und genügend Luftraum drinnen... kein Löchlein, kein Spalt... aber  Scopulabesitzer können ja am Glas hoch und sich in den Schraub - Verschlußspalt zwängen ;-))) ... wenn ich also die Spinne nicht mehr entdecke, kommt das Glas zum Öffnen immer in ein kleines Terrarium und da kann ich so einen Spaltenkriecher schnell wieder einfangen... aber ich hatte leider auch schon 2x jeweils eine, die sich im Schraub-Spalt schon totgequetscht hatte...

Übrigens beherrschen das nicht nur Spinnen. Mein Hund hat ca 70cm Risthöhe und ist wie ein kleiner Eisbär groß... der hat sich mal unter einem nur knapp 10cm!!! hohen Spalt zwischen Rasen und Maschendrahtbauzaun plattgedrückt (in atembraubendem Tempo mutierte das Riesentier zur Briefmarke) und durchgequetscht, um eine Katze zu erwischen. Der Rückweg (natürlich ohne Katze, die sich auf eine hohe Kiefer rettete) allerdings war ihm versperrt, weil er den Maschendraht nicht in die Gegenrichtung zum Hoch -Gebogenen passieren konnte. Ich mußte den Maschendraht weiter hochdrücken, was mir aber von aussen mit viel Kraft nur gerade auf ca 20cm gelang, dann quetschte sich die Hundebriefmarke wieder zurück...

LG
Sylvia

Martin Lemke

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Re: Ausbruchskünstler
« Antwort #4 am: 2019-03-02 07:05:38 »
@Jürgen:
Du kannst ja mal einen Entkommens-Parcours basteln, mittels dessen ermittelt werden kann, welche Spaltenbreite die einzelnen Arten noch schaffen; das wäre dann vielleicht auch publikationswürdig. Da können Bastelfreak und Forscherdrang zusammenwachsen.

Martin
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Sylvia Voss

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Re: Ausbruchskünstler
« Antwort #5 am: 2019-03-02 15:04:24 »
Entkommens-Parcours  ;D ;D ;D Kopfkino... Herrlich...

Martin Lemke

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Re: Ausbruchskünstler
« Antwort #6 am: 2019-03-03 09:51:46 »
Das ist durchaus realisierbar mit kastakdierten Spalten, die immer enger werden. Eine Überwachungskamera protokolliert, wie weit das Tier kommt. Einziges Manko: Scotophaeus ist nachaktiv und im Dunkeln klappt es nicht mit der Überwachungskamera.

Aber vielleicht hat ja noch jemand eine Idee?

Martin
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Sylvia Voss

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Re: Ausbruchskünstler
« Antwort #7 am: 2019-03-03 11:03:21 »
Infrarot? oder UV-Lampe ?
LG
Sylvia

Wolfgang Schlegel

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Re: Ausbruchskünstler
« Antwort #8 am: 2019-03-03 14:37:12 »
Weder IR noch UV - rote LEDs müssten reichen, die erzeugen Licht nur in einem schmalen Frequenzbereich im langwelligen Rot. Das scheint von (allen?) Spinnen nicht wahrgenommen zu werden, was man bei Versuchen an Fassaden mit lichtempfindlichen Vertretern wie Amaurobius verifizieren kann. Ich habe letztes Jahr auch ein paar Makrofotos mit solcher Beleuchtung gemacht.

Wolfgang
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Martin Lemke

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Re: Ausbruchskünstler
« Antwort #9 am: 2019-03-03 23:36:21 »
Nach Fassade sieht der Hintergrund nicht gerade aus. Aber Rotlicht steht!

Jetzt muss Jürgen noch einen Parcours mit 4 mm, 3 mm, 2 mm und 1 mm basteln und unterschiedliche Tiere darin loslassen. Ich selber bin bekanntermaßen nicht so ein Bastelkünster, würde mich aber anbieten, bei der anschließenden Publikation mitzuwirken.

Ich habe schon mal eine fette Tegenaria atrika in einem geschlossenen Fensterrahmen sitzen sehen. In Ritzen kriechen kann vermutlich nicht nur Scotophaeus.

Martin
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Sylvia Voss

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Re: Ausbruchskünstler
« Antwort #10 am: 2019-03-04 01:15:20 »
 ;D Amaurobius beherrscht das auch meisterlich ... da hat Jürgen dann schon einige leicht zu erlangende Kandidaten für den Parcours...
LG
Sylvia