Autor Thema: Schutzprojekt für Hogna ingens  (Gelesen 258 mal)

John Osmani

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Schutzprojekt für Hogna ingens
« am: 2019-03-02 22:06:59 »

Im Zoo von Bristol (GB) läuft derzeit ein Erhaltungszuchtprojekt zum Schutz der endemischen Wolfsspinne
Hogna ingens, die wahrscheinlich die größte Wolfsspinne der Welt ist, und nur auf der zu Madeira gehörnden Insel Deserta Grande zu finden ist.

Dort ist sie allerdings akut vom Aussterben bedroht, und deshalb soll dieses Zuchtprojekt helfen die Art zu erhalten.

http://www.anura.it/works/the-island-of-the-giant-wolf-spiders-hogna-ingens/

https://www.bristolzoo.org.uk/cmsassets/documents/Save-Wildlife/BZS-Desertas-Wolf-Spider-Conservation-Strategy.pdf


Martin Lemke

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Re: Schutzprojekt für Hogna ingens
« Antwort #1 am: 2019-03-03 06:13:28 »
Ich staune immer, was Du für Infos augräbst. Du bist da anscheinend ziemlich eifrig.

Wenn man Endemit eines Tals einer so winzigen Insel ist, ist man wahscheinlich von Haus aus schon gefährdet. Dass sich die Lage zuspitzt, weil Kaninchen ausgerottet wurden, ist interessant. Die entsprechenden Zusammenhänge sind dabei gar nicht mal so kryptisch.

Und habe ich richtig verstanden? Die Spinne ist so groß, weil sie wenig Feinde hat und auf dieser Insel zu den Top-Jägern gehört?

Martin
DAS waren noch Zeiten: Nowegen 2011.

Sylvia Voss

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Re: Schutzprojekt für Hogna ingens
« Antwort #2 am: 2019-03-03 13:44:54 »
Die in beiden Beiträgen (BZS und der von Emanuele Biggi) sehr deutlich gemachte Entwicklung : Kaninchenbekämpfung /Ausrottung auf Deserta Grande => nachfolgend Zuwachsen der bis dahin als Lebensraum vorhandenen Gesteins/Felsenhabitate im Castanheira Tal  und damit  Verschwinden der essentiellen Habitatstrukturen (Verlust des Lebensraums) für Hogna ingens sind eine ganz typische anthropogen induzierte Ursachen – Folge – Ursachen Beziehung.

Als ich Ende der 90ger Jahre auf Deserta Grande war, haben uns die betreuenden Spezialisten das Folgende erzählt:
Der Mensch selber (Seefahrer) brachte vor Jahrhunderten Ziegen auf die Desertas, um sie dort als „lebende Nahrungs -Lager“ vorrätig zu haben. Wenn man Frischfleisch Vorräte auffüllen mußte, landete man hier auf diesen unbewohnten wüstenähnlichen Inseln (Name: Desertas) und jagte sich welche… Die Ziegen frassen dann die wenigen endemischen Pflanzen der Desertas. Deswegen rottete man sie konsequent im 20.Jh wieder aus (bis auf einen geschützen Bestand auf der Insel Bugio, geschützt deshalb, weil sie einer sehr alten, sonst nicht mehr lebenden Haustierrasse angehören).
Deserta Grande wurde erst im Ende 19./ Anfang 20. Jh mit Kaninchen bevölkert.  Weil die aber eine ganz wichtige (nur auf Deserta Grande und Bugio endemische) Pflanze (ich glaube das ist Sinapidendron sempervivifolium) besonders gern frassen und sie damit fast ausrotteten, sollten dann (Ende 1990ger) die Kaninchen auch wieder verschwinden und man vergiftete die Population auf Deserta Grande. Die Folge wie man sieht ist, dass sich das (eigentlich aber auch auf dem Madeira- Archipel beheimatete) Gras Phalera aquatica ungehindert ausbreitet . Und Folge des Zuwachsens der steinigen , felsigen Offenräume im Hochtal der Insel ist nun, dass Hogna ingens ihren Lebensraum verliert.

Mich erinnerte das spontan sofort an Borkum und die dort (wie auf allen friesischen Inseln) immer mal wieder geführte Diskussion um Überbestände von Kaninchen.

Die Kaninchen werden auf Borkum auch gejagt. Das dezimiert sie aber zu wenig. Die Natur ist da wesentlich radikaler und effektiver. Alle paar Jahre sterben (angeblich) fast 4/5 der Population an Myxomatose. Man merkt jedoch den Rückgang deutlich. Dann wachsen die Bestände wieder an bis zur nächsten Myxomatose- Epidemie.

Die Kaninchen aber sorgen für etwas, das es sonst nicht so gäbe auf den Inseln : mehr Artenvielfalt, weil sie ihre Baue in die alten ( voll begrasten und bebuschten und zT auch mit Bäumen bestanden) Braundünen graben und dort auch ringsum durch ihr Scharren und Buddeln viele neue sandige Offenräume schaffen!

Und genau in solchen sandigen Offenräumen dort, lebt besonders gern zB Arctosa perita, um mal bei Spinnen zu bleiben. Aber auch Vögel profitieren von der Anwesenheit der Kaninchen. Brandgänse zB brüten dort nur in verlassenen Kaninchenbaugängen. Auch auf den Friesischen Inseln mit Kaninchen gibt es Artenschwund im botanischen Bereich (wie auf Deserta Grande) aber das hat man letztlich zumindest auf den mit Kaninchen bevölkerten (es gibt auch wenige Inseln ohne) friesischen Inseln dann in Kauf genommen. Man kann nicht alles haben …

Auf Borkum hat man sogar noch ein – mE. ziemlich unvernüftiges  - Projekt gewagt (am Ende stritten sich Jägerschaft und Nationalpark über die Urheberschaft und Verantwortung): um der Verbuschung der Grau- und Braundünen entgegen zu wirken (gestaltender Naturschutz) holte man sich ein Rudel Damwild aus dem Lande Brandenburg auf die Insel und gatterte dies zunächst probehalber in den Dünen des Ostlands. Dort frass das Damwild brav was ihm zur Verfügung stand und ehe noch die Entscheidung fiel, den Zaun zu entfernen wurde er von wem auch immer geöffnet. Was machte nun das kluge Getier? Es wanderte auf der Insel dort hin, wo es am leichtesten das leckerste Essen fand : mitten in‘t Dörp, so konnte man die Damtiere überall in den Gärten der Insulaner antreffen, völlig ruhig vor sich hin fressend und auch auf den gezäunten Pferdeweiden…auch auf den Strassen laufend … Fazit die Tiere mussten wieder weg… 

Ich weiß nicht, wie man nun auf Deserta Grande nach Ausrottung der Kaninchen dieses Gras ständig ausreichend dezimieren will, damit Hogna ingens dort weiter leben kann. Die Insel ist wirklich schwer zugängig (ohnehin darf nur der anlanden, wer eine Ausnahmegenehmigung besitzt) und man steigt dann nur auf einem Saumpfad von der Landungsstelle und der biologischen Station aus die fast lotrechten Felsen hoch, fast 2h, bis man das Hochplateau erst mal erreicht, das dann in kleine Täler sich aufzweigt… Bliebe noch selektives Gift aus der Luft aber ob das nur dieses Gras erledigt, sei mal dahingestellt . Fakt ist, dass wenn man die Spinne nachzüchtet und aussetzt, man die essentiell für diese Art notwendigen Habitatstrukturen wieder herstellen muß, bevor man auf einen Erfolg hoffen kann… ziemlich ambitioniert! Trotzdem : ich wünsche  es Hogna ingens, dass das Projekt erfolgreich sein möge, wie auch immer.
LG
Sylvia
« Letzte Änderung: 2019-03-03 17:35:43 von Sylvia Voss »

Sylvia Voss

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Re: Schutzprojekt für Hogna ingens
« Antwort #3 am: 2019-03-04 01:19:40 »
Hi John
Hast eine PN
LG
Sylvia

Martin Lemke

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Re: Schutzprojekt für Hogna ingens
« Antwort #4 am: 2019-03-04 07:19:32 »
Wow, das war ja richtig ausführlich mit Hintergrundinfos.

Zitat von: Sylvia Voss link=topic=25150.msg150247#msg150247
Deserta Grande wurde erst im Ende 19./ Anfang 20. Jh mit Kaninchen bevölkert.

Die Auslöschung des Bestandes der Kaninchen kann somit kaum ursächlich für die akute Gefährdung von Hogna ingens sein; es sei denn es ist noch etwas anderes geschehen. Möglicherweise ein Seiteneffekt, der bislang unbekannt ist.

Martin
DAS waren noch Zeiten: Nowegen 2011.

John Osmani

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Re: Schutzprojekt für Hogna ingens
« Antwort #5 am: 2019-03-04 10:52:45 »

Danke für die ausführliche Info Sylvia!

Und auch für deine Anregung in der PN!


Sylvia Voss

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Re: Schutzprojekt für Hogna ingens
« Antwort #6 am: 2019-03-04 23:45:18 »
Möglicherweise ein Seiteneffekt, der bislang unbekannt ist.

Martin

Ja, das ist schon gut möglich. Mein kurzer Aufenthalt auf Deserta Grande und der etwas längere auf Madeira sind ja auch schon gefühlt ewig her (vor ca 18 Jahren) und ich habe die Entwicklungen später nur sporadisch verfolgt.

Angeregt durch Johns Beitrag hier habe ich jetzt mal wieder ein bisschen gelesen und gefunden, dass es wohl immer noch einige Ziegen auch auf Deserta Grande gibt, es also nicht gelang sie komplett auszurotten... vielleicht ist das auch bei den Kaninchen so ? Es gibt gerade eine Tierschutz- Initiative, die den wieder geplanten Abschuß von Ziegen auf Deserta Grande und Bugio verbieten lassen will.

Auch sind die Desertas nicht mehr so streng abgeschottet wie noch vor 18 Jahren. Sie sind zwar noch strenges Schutzgebiet und man braucht eine Genehmigung, die scheint aber deutlich leichter zu erlangen als früher, denn selbst die Tourismusbehörde wirbt heut mit Tages- Ausflügen zu den Desertas (wobei damit nur Deserta Grande gemeint ist) die wohl einmal pro Woche mit begrenzter Teilnehmerzahl zugelassen sind.

Da allein der steile Auf- und Abstieg vom Landungsareal (wo auch die biologische Station und ein mittlerweile eingerichteter spartanischer Übernachtungsplatz für Gäste sind) verhindert, dass Tagestouris bis ins Castanheira -Tal gelangen, scheidet zumindest ein solcher Einfluss dort im Gebiet von Hogna ingens aus.

Vielleicht sind ja auch noch ganz andere Faktoren mit im Spiel (Klimaänderung, selektive Düngung über die Luft, da nun doch viel mehr Verkehr dort im Madeira -Archipel ist ? ... zu "meiner Zeit" segelte man noch mit dem Boot hinüber, heute werden sogar Überflüge als touristisches Highlight angeboten... ich glaube da gibt es noch viel zu forschen..., selbst zu Vögeln, die dort vielleicht vermehrt brüten... und leider bleibt das Fazit erstmal gleich : der Lebensraum von Hogna ingens schwindet, weil ein Gras die steinig felsigen Hochtalhabitate zuwuchert. Ein Erhalt der Population der hübschen großen Hogna wird nur gelingen, wenn man diesen einzigartigen Lebensraum eben dauerhaft offen halten kann...
LG
Sylvia