Autor Thema: Richtig zitieren im Wiki  (Gelesen 946 mal)

Wolfgang Schlegel

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Richtig zitieren im Wiki
« am: 2019-03-03 21:53:02 »
   Hallo nochmal zusammen,

da wir hier schon mit dem Thema Zitieren beschäftigt waren, muss ich vielleicht nicht noch einen neuen Thread aufmachen: bei ebendiesem Zitieren wäre manchmal etwas mehr Sorgfalt angebracht. Insbesondere sollte man möglichst die Originalliteratur zitieren (und auch lesen!), wo zu finden ist, auf welche Weise die betreffende Information gewonnen wurde (man möchte mit dem Zitat dem Leser die Möglichkeit geben, sich tiefergehend zu informieren, und verfolgt nicht in erster Linie den Zweck, die Verantwortung für die Richtigkeit der Information abzuwälzen). Das ist mir an zwei Stellen aufgefallen, wo als Quelle der Berner Araneae-Schlüssel zitiert wurde - prinzipiell etwas gefährlich, weil der eher so eine Art Konkurrenzprodukt zum Wiki ist und auf den Artenseiten Informationen anbietet, die aus den dort genannten Quellen stammen. Erstens können auch in Bern Schreibfehler unterlaufen, und zweitens kann man Falschinformationen verbreiten, wenn man die Formulierungen der Berner abändert, um sie mit einer Wiki-Standardformulierung kompatibel zu machen. Beispiele:
  • Alopecosa yamalensis: Das Wiki formuliert hier "Weibchen erreichen bis zu 9,8 mm", bei den Bernern steht "Körperlänge Weibchen: 9.8 mm". Als Wiki-Leser würde ich nun gelernt haben, dass die allergrößten bekannten yamalensis-Weibchen 9,8 mm erreichten. Das ist nicht ganz dasselbe, was man erfährt, wenn man die Erstbeschreibung der Art liest: offenbar ist A. yamalensis der Menschheit bisher nur aus dem Fund eines einzigen Exemplars bekannt, und dieses war ein Weibchen und 9,8 mm lang.
  • Alopecosa azsheganovae: Da sieht man, dass es auf diese Weise auch falsch werden kann: bisher stand im Wiki "Weibchen erreichen bis zu 9,7 mm". Wiederum würde der Leser annehmen, dass die Weibchen diesen Wert von unten erreichen, dass mithin die größten gefundenen Weibchen 9,7 mm lang waren. Tatsächlich waren die aber rund 20% größer. Wieder liegt es am ungenauen Zitat: bei den Bernern stand zur Zeit der Abfassung des Wiki-Artikels "Körperlänge Weibchen: 9.7 mm". Der Wert stammt aus der in Bern als Quelle genannten Erstbeschreibung von Esyunin (1996) und ist, wie man dort nachlesen kann, der Mittelwert der Längen von 3 gefundenen weiblichen Exemplaren, deren größtes 10,9 mm lang war. Mittlerweile hat Galina Azarkina (2015) Funde von weiteren Weibchen und auch Männchen ausgewertet, das gemeinsame Ergebnis mit den Werten von Esyunin steht nun in Bern korrekt als  "Körperlänge Weibchen: 9.0-10.9 mm" und "Körperlänge Männchen: 8.2-8.7 mm". Ich habe das im Wiki entsprechend korrigiert.
Dies in solcher Ausführlichkeit, damit nachvollzogen werden kann, was solche Stille-Post-Mechanismen bewirken können. Und als Anregung, bei Konflikten von Tatsächlichkeiten mit Standardformularen doch lieber die Formulare zu modifizieren.

   Gruß aus Stuttgart

Dies ist ein grundsätzliches Thema. Ich war so frei es vom anderen Thema abzutrennen und den Betreff neu zu setzen. -ml
« Letzte Änderung: 2019-03-03 23:43:54 von Martin Lemke »
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Re: Richtig zitieren im Wiki
« Antwort #1 am: 2019-03-03 23:59:16 »
Insbesondere sollte man möglichst die Originalliteratur zitieren (und auch lesen!)

Dem stimme ich im Prinzip zu. Die Uni Bern als Sekuntärquelle zu zitieren, ist allerdings besser als nichts. Der Pool unserer Autoren ist leider nach wie vor sehr klein und die Aufgabenmenge sehr groß. Wir müssen Kompromisse machen.

Die Uni Bern sehe ich als Ergänzung an, nicht als Konkurrenz. Wenn ich Facts der Originalliteratur entnehme, die auf araneae noch fehlen, gebe ich sie auch dort ein und denke nicht: "he he he, wir habe die Info und die nicht!"

Zitat
Beispiele:
Alopecosa yamalensis: Das Wiki formuliert hier "Weibchen erreichen bis zu 9,8 mm"

Da ist einem Bearbieter ein Fehlerunterlaufen. Unsere Standardformulierung lautet: Weibchen erreichen ... mm, Männchen ... mm [...]

Wenn solche Fehler gefunden werden, bitte einfach korrigieren.

Martin
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Wolfgang Schlegel

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Re: Richtig zitieren im Wiki
« Antwort #2 am: 2019-03-04 22:39:41 »
Mit "Konkurrenzprodukt" meinte ich keineswegs, dass da irgendwelche Rivalitäten bestehen müssten, sondern nur die Gemeinsamkeit, dass an beiden Stellen Literaturinformationen über Spinnenarten gesammelt und vorgestellt werden. Ich habe zu araneae ein ebenso positives Verhältnis wie zum Wiki.

Wolfgang
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Re: Richtig zitieren im Wiki
« Antwort #3 am: 2019-03-05 07:09:27 »
Ich habe übrigens den Vorsatz, jeden Morgen eine halbe Stunde am Wiki zu basteln, schaffe es aber nicht immer. Heute habe ich Lebensräume1 aus einer Publikation von  Alessio Trotta (2019) eingefügt. Jedes Häppchen hilft.

Martin

1: Einige in seiner Publikation genannten Habitatangaben waren auf Dritt-Zitate referenziert, aber auch hier habe ich Trotta und nicht die von ihm zitierten Autoren als Quelle angegeben. Man muss der Arbeitsökonomie zu schulden eben auch ein wenig die Kirche im Dorf lassen, sonst verzettelt man sich und es kommt am Ende weniger dabei heraus.

Aber im Prinzip stimme ich Dir zu. Primärliteratur ist vorzuziehen. Rainer praktiziert dies sehr vorbildlich.
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Re: Richtig zitieren im Wiki
« Antwort #4 am: 2019-03-06 01:25:11 »
Wissenschaft ist schön, macht aber viel Arbeit (nach Karl Valentin, leicht verändert). Dass man Zeit braucht, um die mit jeder gelesenen Arbeit anwachsende Zahl von noch zu lesenden Arbeiten zu bewältigen, ist mir in letzter Zeit bei der Beschäftigung mit Alopecosa auch aufgefallen. Wenn man schon so einschichtig zitieren muss, sollte man das aber möglichst wörtlich tun. Schon die Hinzufügung des Worts "erreichen" ändert den Sinn, indem es einem suggerieren kann, es handle sich um einen Höchstwert.

Gelegentlich fallen mir Stellen im Wiki auf, da werden Sachverhalte behauptet und auch durch ein Zitat belegt - aber die behaupteten Sachverhalte sind mit meinen Erfahrungen nicht so recht vereinbar. Ich gehe dann den Zitaten bis zu den Urquellen nach; wenn ich dort etwas finde, was ich vorher nicht wusste und was mich überzeugt, habe ich etwas dazugelernt. Wenn ich so etwas aber nicht finde? Beispiele dafür sind die behauptete Nachtaktivität der Gattung Zelotes oder der Satz, dass Speispinnen fast ausschließlich an Häusern zu finden sind.

Wolfgang
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Re: Richtig zitieren im Wiki
« Antwort #5 am: 2019-03-06 09:35:00 »
Wissenschaft ist schön, macht aber viel Arbeit (nach Karl Valentin, leicht verändert).
Ja, und das korrekte Einfügen der Zitate im Wiki erfordert mehr Aufwand als die eigentliche Recherche (vor allem, die Referenz korrekt anzulegen, ist mühsam). Sonst könnte man viel häufiger mal spontan etwas korrigieren, wenn man über entsprechende Literaturangaben stolpert.

Zitat
Gelegentlich fallen mir Stellen im Wiki auf, da werden Sachverhalte behauptet und auch durch ein Zitat belegt - aber die behaupteten Sachverhalte sind mit meinen Erfahrungen nicht so recht vereinbar. Ich gehe dann den Zitaten bis zu den Urquellen nach; wenn ich dort etwas finde, was ich vorher nicht wusste und was mich überzeugt, habe ich etwas dazugelernt. Wenn ich so etwas aber nicht finde? Beispiele dafür sind die behauptete Nachtaktivität der Gattung Zelotes oder der Satz, dass Speispinnen fast ausschließlich an Häusern zu finden sind.
Zu den Speispinnen könnte man zum Beispiel schnell ergänzen, dass aus wärmebegünstigten Gegenden, zum Beispiel im Rheingraben (unter anderem in Weinbergbrachen), auch in Deutschland Freilandvorkommen bekannt sind, und dann Gettmann (1980) zitieren, und Jäger et al. (2000) und den Spinnenatlas.
Gettmann, W. W. (1980): Die Speispinne Scytodes thoracica (Latr.) (Araneae: Sicariidae) und ihre Verbreitung in Südwestdeutschland. Ber. Naturwiss. Ver. N.F. 4: 91-98.
Jäger P, Staudt A, Schwarz B & Busse C (2000): Spinnen (Arachnida: Araneae) von Weinbergen und Weinbergsbrachen am Mittelrhein (Rheinland-Pfalz: Boppard, Oberwesel). Arachnologische Mitteilungen 19: 28–40; DOI: 10.5431/aramit1905

Was die Nachtaktivität von Zelotes angeht, habe ich zwar auch regelmässig tagaktive Exemplare gesehen, würde aber deshalb Grimms Angabe nicht bezweifeln wollen, dass die Hauptaktivität der meisten Arten in der Nacht stattfindet. Hast Du dazu andere Erkenntnisse?

Beste Grüsse,
Rainer

Martin Lemke

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Re: Richtig zitieren im Wiki
« Antwort #6 am: 2019-03-07 23:48:29 »
Gelegentlich fallen mir Stellen im Wiki auf, da werden Sachverhalte behauptet und auch durch ein Zitat belegt - aber die behaupteten Sachverhalte sind mit meinen Erfahrungen nicht so recht vereinbar.


Die Gründe dafür müssen nicht zwingend in Fehlern liegen. Da gibt des auch andere mögliche Hintergründe.

Zitat
Wenn ich so etwas aber nicht finde? Beispiele dafür sind die behauptete Nachtaktivität der Gattung Zelotes oder der Satz, dass Speispinnen fast ausschließlich an Häusern zu finden sind.

Dass Speispinnen fast ausschließlich an Häusern zu finden sind, trifft auf Mitteleuropa zu. In Bulgarien findet ma sie im Freiland und auch in Lübeck habe ich sie zwar hausnah, aber auch im Freiland gefunden. Ökologieangaben sind oft relativ. Man kann die von Dir angeführten Sätze nicht als falsch bezeichnen. Wohl aber wäre es wichtig, den Satz, Speispinnen würden meist in Häusern gefunden, mit der Region Mitteleuropa zu verknüpfen – das muss der Kontext der zitierten Publikation dann auch hergeben.

Mich ärgern eher Sätze, die gar nicht belegt sind. Da weiß man nicht mal, wer das da hin geschrieben hat.

Oder Sätze, wie "Überall häufig" und dann referenziert auf den Atlas, der gar keine Aussage zu Häufigkeiten macht und sich im Gegensatz zum Wiki hauptsächlich auf DE bezieht! – Wenn ich sowas finde, lösche ich das.

vor allem, die Referenz korrekt anzulegen, ist mühsam

Auch mit dem (etwas altbackenen) Literaturvorlagen-Generator? Ein moderneres Update schwebt mir vor, habe ich aber noch nicht verwirklicht.

Was die Nachtaktivität von Zelotes angeht, habe ich zwar auch regelmässig tagaktive Exemplare gesehen, würde aber deshalb Grimms Angabe nicht bezweifeln wollen, dass die Hauptaktivität der meisten Arten in der Nacht stattfindet.

Zumal auch die schwarze Färbung auf Nachtaktivität hinweist.

Martin
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Re: Richtig zitieren im Wiki
« Antwort #7 am: 2019-03-08 23:42:22 »
Was Scytodes angeht - wenn Hermann Wiehle vor 65 Jahren eine Spinne nicht gefunden hat, kann das die verschiedensten Gründe haben. Unter anderem könnten sich sowohl die klimatischen Verhältnisse als auch die Eigenschaften der Art geändert haben. Der Satz im Wiki ist auch nicht hundertprozentig falsch, die Frage ist nur, wie man "fast ausschließlich" und "sehr selten" auslegt. In der Gegend, die ich in diesem Zusammenhang gut kenne (Stuttgart und das Neckartal ca. 20 km flußabwärts, zweifellos in Mitteleuropa gelegen), ist Scytodes thoracica ein durchaus nicht seltener Bewohner einiger Trockenmauern, die auch mehr als 100 m vom nächsten Gebäude entfernt liegen können. Wenn ich im Sommer bei gutem Wetter nachts dorthin gehe, kann ich mit Sicherheit einige aufsammeln (beziehungsweise ich konnte das bis vor drei Jahren, seither sind meine arachnologischen Exkursionen immer mehr zum Erliegen gekommen). Das sind keine gelegentlichen Irrläufer, die wohnen dort, und ich glaube auch, dass sie dort einen milden Winter überleben können. Dieser Fund von Peter Jäger et al. war mir bislang nicht bewusst; der ist doch unbedingt als Beleg zitierbar, wenn das sonst wirklich nie jemand publiziert hat (die Arbeit von Wolfgang Gettmann konnte ich mir bisher nicht beschaffen).

Bei Zelotes ist die Sache nicht so einfach zu erledigen. Zunächst zur Literatur: ich halte die Monographie von Ute Grimm für eine ganz wunderbare Arbeit, aber sie beschäftigt sich vornehmlich mit morphologischen Untersuchungen per Licht- und Elektronenmikroskop und beabsichtigt, dem Leser "nach klaren Tabellen und Abbildungen die selbständige Bestimmung" von Gnaphosiden zu ermöglichen. Es finden sich auch einige Angaben zur anderweitigen Biologie, aber Grimm befindet zu Anfang. "Über Lebensweise und Vorkommen der Gnaphosiden liegen nur Einzelbefunde vor", und zur Nachtaktivität heißt es: "Gnaphosiden sind zum größten Teil nachtaktiv (Reimoser 1937, Locket & Millidge 1951) .... Tagaktiv sind offenbar nur Arten der Gattungen Callilepis, Nomisia und Poecilochroa". Speziell über die damals noch umfangreichere Gattung Zelotes: "Über die Biologie der Zelotes-Arten ist nur wenig bekannt. Es scheint sich fast ausschließlich um nachtaktive Formen zu handeln."

Zur Biologie der einzelnen Arten liefert Grimm dann fast nur Angaben zu Habitaten und zur Phänologie, mit einer einzigen Ausnahme: bei (Civi-)Zelotes pygmaeus zitiert sie František Miller: "Diese Spinne lebt im felsigen, humusarmen Teile der Mohelnosteppe unter kleineren Steinen. An sonnigen Tagen laufen die Spinnen frei umher...", was Grimms oben zitierte Aussagen etwas relativiert. Wenn man bei den von ihr zitierten Reimoser und Locket & Millidge nachliest, findet man dort auch keine systematischen Studien zu Aktivitätszeiträumen von Zelotes-Arten. Reimoser schreibt in der Einleitung zur Familie Gnaphosidae: "... sind größtenteils Nachttiere" ohne weitere Verweise auf eigene Untersuchungen oder Literatur. Am funktional selben Ort steht bei Locket & Millidge: "Most are nocturnal in habits", ansonsten findet sich noch bei der Art Zelotes electus: "sometimes running in the sunshine" (jetzt sind's schon zwei). Gleiches über Z. electus wurde auch schon von Anton Menge berichtet.

Ansonsten gibt mir auch noch der Name Zelotes zu denken (ich konnte übrigens nicht verifizieren, bei welcher Gelegenheit Johannes Gistel diesen geprägt hat; falls mir jemand sagen kann, wo das zu lesen steht, wäre ich ihm dankbar). Ob Gistel die Spinnen wirklich nur von ihm selbst aufgescheucht "eifrig herumrennen" gesehen hat? Der Name ist ihm schon 1848 eingefallen, damals gab es keine LEDs, und es war noch nicht mal die Karbidlampe erfunden.

Meine eigenen Erfahrungen, die mich da ins Grübeln brachten: ich habe öfters Zelotes (im weitesten Sinne, ich weiß nicht welche Arten) im Sonnenschein über Wege in schwäbischen Weinbergen flitzen sehen. An Waldrändern habe ich einige Male eilige Zelotes tagsüber aus einem dichten Gewirr von übereinanderliegenden Grashalmen auftauchen sehen wie Forellen, die im Fluss buckeln, wenn sie Emerger jagen (oder wie Katzenflöhe im Fell von hellfarbigen Katzen, sieht genauso aus). Es ist mir dabei nie gelungen, eine dieser Spinnen einzufangen. Dann habe ich einmal ein Trachyzelotes-Weibchen beim Beutefang im hellen Sonnenschein überrascht (im Freiland); das fand ich erst sehr merkwürdig, da ja die Beute Assel eher nachtaktiv ist, aber vielleicht reicht es auch, wenn nur der Jäger aktiv ist und seine Beute aufstöbert. Mein einziges Trachyzelotes-Männchen habe ich an einem sonnigen Mainachmittag auf der Fassade eines Lagerschuppens der Firma Stihl im Remstal herumspazierend gefunden - insofern interessant, als ich dort sehr oft gewesen bin, und zwar meistens nachts. Ich habe dort sonst niemals Trachyzelotes angetroffen. Ich war einige Jahre lang ziemlich viel bei Nacht unterwegs und habe dabei vor allem auf Trockenmauern und Fassaden, manchmal aber auch im Wald alle möglichen Spinnen gesehen, aber niemals Zelotes s.l. Das ist freilich nicht von dramatischer Beweiskraft (siehe oben bei Scytodes und Hermann Wiehle). Letzten Endes weiß ich da nichts Genaues, weil ich Zelotes eben selten getroffen habe. Vielleicht hat da auch schon jemand dran gearbeitet (eine gute Methode wären Doppel-Fallen mit einem Deckel, den man jeweils bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang auf die andere Falle umsetzt), und ich habe das nur nicht mitbekommen.

Zitat
Zumal auch die schwarze Färbung auf Nachtaktivität hinweist.

Clubiona diverser Arten und Cheiracanthium mildei sehe ich reichlich und aktiv nur bei Dunkelheit (wie auch Scytodes), das sind alles eher bleiche Gestalten, die bei dieser Lebensweise Pigmente zum Schutz vor Licht nicht nötig haben. Unter den nachtaktiven Arten scheinen mir die schwarzen eher in der Minderheit zu sein (Scotophaeus oder Cetonana laticeps wären immerhin Beispiele).

   Gruß aus Stuttgart
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Re: Richtig zitieren im Wiki
« Antwort #8 am: 2019-03-09 08:54:06 »
Deine Schilderungen bestätigen meinen Eindruck, dass über die Ökologie vieler einheimischer Arten bislang nicht viel publiziert wurde. Bitte pflege das, was Du bisher recherchiert hast, ins Wiki ein. Es wäre sonst schade um die Mühe.

Vermutlich hast Du Recht damit, dass man es nicht so einfach sehen kann (schwarzes Tier = nachtaktiv). Fehlende ökologische Angaben hängen auch mit den Nachweismethoden zusammen. Um Aktivitätszeiten mit Bodenfallen bestimmen zu können, braucht es sehr viel mehr als eingegrabene Becher. Der Sauger sagt mir auch nicht, ob ich ein ruhendes oder aktive Tier eingesaugt habe. Und wie Du selber schriebst: Wenn Du Tiere beobachtest, klappt es oft nicht mit dem Einfangen und somit dem Bestimmen.

Freilandbeobachtungen von Scytodes finde ich mitteilenswürdig. Das Peering der Arachnologischen Mitteilungen ist inzwischen ganz erträglich (wenn man nicht an ehemalig Deutschlehrer gerät) und man hat die Chance noch etwas dazu zu lernen.

Martin
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Re: Richtig zitieren im Wiki
« Antwort #9 am: 2019-03-09 10:21:45 »
Tag- und Nachataktivtät sind im allgemeinen etwas fehlleitende Begriffe. Steatoda nobilis kommt bei hohen Temperaturen oft aus ihrem Netz und sitzt mitten am Tag völlig exponiert da. Warum weiß ich auch nicht genau. Im Terrarium macht die Art das manchmal auch, trotz fehlender hoher Temperaturen. Trotzdem wird die Art oftmals als nachtaktiv bezeichnet. Es ist oftmals die Temperatur, die die Aktivität der Spinne bestimmt, und nicht unbedingt die Lichtmenge. Frei herumlaufende Zelotes findet man oft im Hochsommer. Gut möglich, dass sie zur Thermoregulation ihr Versteck verlassen mussten?

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Re: Richtig zitieren im Wiki
« Antwort #10 am: 2019-03-13 05:43:31 »
Interessanter Aspekt. Ich habe unter tag- oder nachtaktivität immer die Zeit verstanden, in welcher die Art jagt. Bei Netzspinnen steht natürlich die Frage im Raum, wie man das definieren soll. Vielleicht haben die keinen klassischen schlaf/wach-Rhythmus wie wir Wirbeltiere? Schlafen Spinnen überhaupt?

Bei vielen synanthrop vorkommenden Arten kann man beobachten, dass sie sich nachts sichbar weiter vorn im Netz (bzw. im Radnetz) aufhalten, am Tag jedoch verborgen sind (visueller Schutz vor Fressfeinden vs. Aktivitätzzeit); z.B. Eratigena atrica, Tegenaria ferruginea, Nuctenea umbratica, Zygiella x-notata.

Hypothese: Im Unterschlupf lässt sich Beute im Netz nicht gut lokalisieren. Der Lauerstandort in einem zentralen Bereich des Netzes ist optimal, muss aber aufgrund von Sicherheitsaspekten tagsüber aufgegeben werden.

Ich meine dumpf in Erinnerung zu haben, dass Martin Kreuels mal mit zeitgesteuerten Bodenfallen gearbeitet hat. Diese Arbeit könnten Ergebnisse für frei jagende Spinnen zu dieser Fragestellung beitragen.

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