Autor Thema: Radnetzspinnen Kopf nach unten  (Gelesen 471 mal)

Rüdiger Weis

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Radnetzspinnen Kopf nach unten
« am: 2019-03-19 20:08:26 »
Aus welchen Gründen hängen (alle?) Radnetzspinnen mit dem Kopf nach unten in ihren Netzen?

Viktoria Wegewitz

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #1 am: 2019-03-19 20:42:41 »
Vielleicht um schneller nach unten zu fliehen.
Grüße Viktoria

Nach der Spinne ist vor der Spinne!

Sylvia Voss

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #2 am: 2019-03-20 00:53:53 »
Hallo Rüdiger
Guck mal hier rein :
https://www.spektrum.de/news/einfach-mal-haengen-lassen/947866
LG
Sylvia

Tobias Bauer

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #3 am: 2019-03-20 09:27:32 »
Der Artikel oben erklärt eigentlich nur, warum die Tiere im Netz sitzen oder gerne an einem Faden klettern, nicht unbedingt warum sie mit dem Kopf nach unten sitzen, zumal die meisten Arten sich bei Gefahr einfach fallen lassen und nicht nach unten klettern. Man könnte zudem argumentieren dass das auch ein evolutionärer Nachteil sein könnte, so sind die Augen ja eher nach unten gerichtet. Es gibt nämlich einige Arten, die auch andersherum hängen, z.B. Cyclosa insulana oder andere Arten von Cyclosa. Es muss also etwas geben, dass diese Position favorisiert, z.B. schnellere Erreichbarkeit von Beute. Auf der anderen Seite würde z.B. geringere Prädation durch parasitoide Wespen erklären, warum manche Cyclosa-Arten, deren Hinterleibsanhängsel in Kombination mit der Trash-Line als Tarnung fungieren, mitunter doch mit dem Kopf nach oben hängen, wenn das eine bessere Tarnung oder schnellere Reaktion ermöglicht trotz eventueller Nachteile beim Beutemachen, denn eine gefressene Spinne kann sich nicht fortpflanzen.

Diese Artikel versuchen das Problem direkt zu eklären:

https://link.springer.com/article/10.1007/s00114-009-0609-7
https://royalsocietypublishing.org/doi/full/10.1098/rspb.2010.0729

Tobias
« Letzte Änderung: 2019-03-20 13:17:04 von Tobias Bauer »

Rainer Breitling

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #4 am: 2019-03-20 09:57:09 »
...(alle?) Radnetzspinnen...

Wie Tobias schon sagte, vor allem Cyclosa-Arten sind dafür bekannt, dass sie da eine Ausnahme machen. Interessanterweise trifft das aber nur auf einzelne Arten zu, z.B. C. insulana, C. argenteoalba, oder C. ginnaga; C. confusa kann beide Positionen. Andere Arten, z.B. die einheimische C. conica, aber auch C. sedeculata, und C. octotuberculata, sind immer in der Normalposition zu finden. Und eine dritte Gruppe hat oft beinahe horizontale Netze, wo der Unterschied in der Position nicht deutlich ist, z.B. C. mulmeinensis oder C. vallata. Ich konnte noch keinen Unterschied in Lebensweise (Stabilimentum) oder Körperbau (lang vs. kurz) erkennen, der diese Unterschiede erklären würde. Dass die Ausnahmearten aber ganz zuverlässig immer die "verkehrte" Haltung wählen, zeigt aber wohl, dass es sich hier um eine genetisch bestimmte Vorliebe handelt, nicht um blossen Zufall. Die von Tobias zitierten Arbeiten sind nur ein erster Schritt zur Lösung dieses Rätsels.
Beste Grüsse,
Rainer

Tobias Bauer

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #5 am: 2019-03-20 13:32:22 »
Gerade Cyclosa insulana ist auch morphologisch nicht deutlich verschieden zu z.B. Cyclosa oculata. Ich vermute stark, dass die Lösung in diesem speziellen Fall und auch bei anderen Cyclosa-Arten mit der Trash-Line und biotischen Interaktionen mit Räubern zusammenhängt, eventuell mit Vögeln (Kopf nach oben= Vogelkotimitatoren?, Durch die Schwerkraft verläuft Vogelkot an vertikalen Flächen nach unten, sollte also nach unten keine abstehenden Beine haben; wilde Hypothese). Ich habe aber keine Daten, die das stützen. Nakata & Zschokke 2010 schlagen jedoch keine alternative Erklärung dafür vor, die mich überzeugt. Die Größe ist für mich jedenfalls kein Faktor, der da eine Rolle spielt. Keine einzige Singa/Hypsosinga sitzt mit dem Kopf nach oben.

Tobias

Rainer Breitling

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #6 am: 2019-03-20 13:54:30 »
Ich vermute stark, dass die Lösung in diesem speziellen Fall und auch bei anderen Cyclosa-Arten mit der Trash-Line und biotischen Interaktionen mit Räubern zusammenhängt, eventuell mit Vögeln (Kopf nach oben= Vogelkotimitatoren?, Durch die Schwerkraft verläuft Vogelkot an vertikalen Flächen nach unten, sollte also nach unten keine abstehenden Beine haben; wilde Hypothese).

Der visuelle Effekt der (frei in der Luft schwebenden) Müllsammlung scheint vor allem zu sein, dass man die Spinne nur mit grosser Mühe vom Müll unterscheiden kann: selbst wenn man weiss, dass sie da sitzen muss, dauert es manchmal eine ganze Weile, bis man sich überzeugt hat, dass sie wirklich zuhause ist, so wenig kontrastiert sie in Textur und Farbe. Aber dieser Effekt funktioniert unabhängig von der Sitzposition, und die Ausprägung der Trashline (oben oder unten oder beide oder gar keine) scheint innerhalb jeder einzelnen der betroffenen Arten mehr zu variieren, als die Sitzposition. Nur einen Trend meine ich zu sehen: wenn nur ein Arm der Trashline ausgebildet ist, dann schaut die Spinne in der Ruheposition immer in die entgegengesetzte Richtung, hält sich also den Weg in Blickrichtung frei für den Beutefang.

Beste Grüsse,
Rainer

Rüdiger Weis

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #7 am: 2019-03-20 15:28:45 »
@alle:
Das ist ja überwältigend und interessant. Vielen Dank für die umfangreichen Antworten! Da habe ich jetzt eine Menge zum Nachschlagen.
Viele Grüße
Rüdiger

Sylvia Voss

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #8 am: 2019-03-20 15:55:44 »
 :)
Ja Rüdiger, eigentlich wollte ich mit dem "guckmal hier" - Link auch nur anregen, selber im Netz weiter zu suchen, da findest Du wirklich Interessantes.
z.B. hier : https://derstandard.at/1271377219600/Arachnologie-Warum-Spinnen-den-Kopf-oben-oder-unten-halten
Danke Tobias und Rainer, ich freue mich immer das alles zu lesen. Es gibt noch so viel zu entdecken
LG
Sylvia

ps und OT : lieber Rüdiger, im Forum sind nur "eigenes Portrait" -Avatare erlaubt. Entweder man stellt gar keins ein oder zeigt sich selbst ;-)

und wer es lieber im Original liest : https://royalsocietypublishing.org/doi/full/10.1098/rspb.2010.0729



Tobias Bauer

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #9 am: 2019-03-20 15:58:47 »
Die oberen Autoren erwähnen zudem noch Verrucosa arenata, die auch immer mit dem Kopf nach oben im Netz sitzt. Das Tier ist immerhin 13 mm lang... hat aber auch etwas Ähnlichkeit mit den Guanin-opalartigen Färbungen der Cyclosa-Arten.

Alles ganz merkwürdig. Ich glaube Verrucosa arenata baut überhaupt keine Stabiliment oder trash-line.

Tobias

Rainer Breitling

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #10 am: 2019-03-20 19:23:56 »
Ja, stimmt, Verrucosa sitzt auch ohne Stabiliment verkehrt herum im Netz. Und ist in Körperbau, Haltung und Grösse kaum mit Cyclosa zu vergleichen. Mysteriös.
Beste Grüsse,
Rainer

Tobias Bauer

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Re: Radnetzspinnen Kopf nach unten
« Antwort #11 am: 2019-03-20 20:06:37 »
Sitzt denn eine einzige Micrathena oder Gasteracantha mit dem Kopf nach oben im Netz? Ich kenne keine Art aus diesen Gattungen, die das macht.

Das scheint mir alles keinerlei offensichtlichen Regeln zu folgen, denn man findet auch keine Kopf-nach-oben-Ausnahmen in Gattungen, wo man sie eventuell erwarten würde.

Tobias