Autor Thema: Alopecosa accentuata/barbipes/farinosa  (Gelesen 329 mal)

Michael Hohner

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Alopecosa accentuata/barbipes/farinosa
« am: 2019-08-30 11:01:08 »
Hat sich jemand schon Canard, A. & Cruveillier, M. (2019) angeschaut?

Leider kann ich kein französisch und muss mich auf das Abstract beschränken. Ist da wirklich gemeint, dass A. barbipes ein jüngeres Synonym von A. accentuata sein soll? d.h. die Tiere mit den buschigen Tibien sollen A. accentuata heißen, und die anderen A. farinosa (also genau die, die jahrzehntelang mit A. accentuata bezeichnet wurden)? Wenn das so ist, dann hoffe ich mal, dass da eine Ausnahmeregel statt der sturen Priorität angewandt wird, sonst weiß am Ende niemand mehr, welche Art eigentlich gemeint ist, wenn jemand "accentuata" sagt.

Simeon Indzhov

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Re: Alopecosa accentuata/barbipes/farinosa
« Antwort #1 am: 2019-08-30 11:24:56 »
Ohne selber Französisch zu können, habe ich genau dasselbe verstanden. Das finde ich selber ernsthaft überflüssig, insbesondere nach der sowieso die Stabilität "zerstörenden" letzten Änderung. Ich hoffe auch, dass das nicht akzeptiert wird
Simeon

Michael Hohner

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Re: Alopecosa accentuata/barbipes/farinosa
« Antwort #2 am: 2019-08-30 11:29:18 »
Beim nochmaligen Vergleich kommt es mir so vor, als ob Canard & Cruveillier leicht missverstanden haben, was in Breitling et al. (2016) steht. Der im Abstract angekündigte Widerspruch ist gar keiner, sondern es wird später eigentlich sogar bestätigt, dass A. accentuata (also im jetzigen Sinn A. farinosa) nicht um Paris vorkommt, dass also accentuata im Sinn von Latreille nicht die Spezies sein kann, die bis 2016 in Mitteleuropa als A. accentuata bezeichnet wurde.

Tobias Bauer

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Re: Alopecosa accentuata/barbipes/farinosa
« Antwort #3 am: 2019-08-30 12:04:13 »
Naja, wenn man davon ausgeht, dass Latreille damals eben die buschige Form als A. accentuata beschrieben hat, kann man eben sagen, dass alle Autoren das bisher falsch hatten und A. accentuata ein älteres Synonym von barbipes ist. Das hatte ja schon Mikhailov vorgeschlagen. Das kann aus unserer Arbeit auch geschlussfolgert werden. Dafür muss muss man aber eindeutig beweisen, dass Latreille damals auch diese Art gemeint hat. Das ist anhand der ursprünglichen Beschreibung schlicht unmöglich, es existieren keine Typen. Auch folgende Arachnologen wie Thorell wissen nicht genau, welche Art damit gemeint wurde.

In diesem Fall gibt es nur die Möglichkeit, eine Gegenpublikation.

Tobias

Rainer Breitling

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Re: Alopecosa accentuata/barbipes/farinosa
« Antwort #4 am: 2019-08-31 09:57:44 »
Eine interessante Arbeit. Die Autoren haben unser Argument tatsächlich falsch verstanden: wir sagen ja nicht, dass A. accentuata Latreille nicht bei Paris vorkommt (das wäre Unsinn, wenn dort der locus typicus ist), sondern dass A. accentuata im modernen Verständnis (also die kontinentale Zwillingsart ohne “Bart”) dort nicht gefunden wird. Und das bestätigen die neuen Daten dann sehr schön.

Was die Namensänderung angeht, haben die Autoren drei Argumente, jedes davon falsch :) :
1. “Der Name accentuata wurde konsistent für die atlantische Zwillingsart angewendet.” Das stimmt nur, wenn man dabei übersieht, dass diese Verwendung immer von der Synonymie der beiden Formen ausging. Die Autoren, die hier zwei Arten sehen, haben aber durchgehend die atlantische Form als barbipes bezeichnet, die kontintentale als accentuata (oder farinosa).

2. “Die alten Autoren wussten immer, was Latreille mit seiner Lycosa accentuata gemeint hat, der Name kann also kein nomen dubium sein.” Stimmt sicher nicht. Walckenaer bezieht den Namen auf eine Waldart mit zwei Streifen auf dem Prosoma und Opisthosoma, und sagt, dass Latreilles Tier juvenil und nicht ausgefärbt war. Das Männchen sei schwarz (als Synonym nennt er Lycosa nigra). Koch selber lehnt diese Synonymie ab und sagt: “der gegebenen Beschreibung nach aber ist L. accentuata [sensu Walckenaer], welche in Wäldern vorkommt, wohl nichts anders, als eine nicht ungewöhnliche Abart von L. fabrilis”. Simon stellt die Art ursprünglich in die Synonymie von Pirata piscatorius! Thorell diskutiert accentuata in seiner Behandlung von inquilina und wagt es nicht, den Namen irgendeiner bekannten Art zuzuordnen (er kannte bereits die zwei Formen, mit und ohne “Bart”, hielt sie aber für innerartliche Varianten und verwendet Walckenaers Artnamen andrenivora). Er hatte aber Latreilles Originaltext nicht vorliegen. Dahl ist sich sicher, dass Latreille nicht die aktuell als A. accentuata bezeichnete Art gemeint haben kann. Und Roewer hält den Namen für “nicht zu deuten”.

3. “Die Beschreibung bei Latreille ist zwar kurz, passt aber zu der atlantischen Zwillingsart, die im Moment A. barbipes genannt wird.” Die Beschreibung ist aber nicht nur kurz, sondern auch obskur. Die Art soll zum Beispiel auf dem Kiel des Prosomas und an den Seiten helle Bänder haben, und zwischen diesen Bändern schwärzliche Bänder. Die Seitenbänder sind bei A. barbipes aber nur selten deutlich, und das zentralen Band ist breit und dominant. Die Prosomafärbung ist nicht ganz klar (die obere Basis soll heller sein, aber ich verstehe nicht, was damit gemeint ist; vielleicht einfach die Oberseite). Das einzige Musterelement sind aber zwei kleine Punkte in der Mitte, die sich zu einem Circumflex verbinden ( ^ ), und zwischen denen sich ein gelbes Haarbündel befindet. Das passt doch nicht zu der kontrastreich gefärbten A. barbipes? Latreille vergleicht die Tiere mit Trochosa ruricola, und mit einer Abbildung bei Clerck von Alopecosa trabalis (einer Art mit einer langen Geschichte von Fehlbestimmungen). In beiden Fällen fehlt jede Ähnlichkeit der Zeichnung mit dem, was man bei typischen barbipes erwarten würde. Ich bin noch nicht einmal sicher, dass Latreilles Tier zu Alopecosa gehört. Warum nicht Trochosa? Vielleicht terricola? Oder sogar ruricola. Der Größe nach könnte Latreilles Lycosa ruricola sich auf T. robusta beziehen (15-16mm bei den Weibchen), accentuata soll “ein bisschen” kleiner sein.

Die Frage ist nun: wie sollte man mit der Umbenennung umgehen? Einfach akzeptieren und hoffen, dass dann ein Konsens entsteht, der die Verwirrung minimiert? Oder versuchen, eine “Gegendarstellung” zu veröffentlichen, mit dem Risiko, dass Parallelnomenklaturen entstehen?

Beste Grüße,
Rainer
« Letzte Änderung: 2019-09-01 12:45:30 von Rainer Breitling »

Tobias Bauer

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Re: Alopecosa accentuata/barbipes/farinosa
« Antwort #5 am: 2019-09-01 22:01:47 »
Ich bin für eine (saftige) Antwort.

1. Unsere Umstellung wurde allgemein von der Fachwelt angenommen inbesondere von Kronestedt. Wenn es um Europäische Wolfspinnen geht, interessiert mich eigentlich nur seine Meinung, sonst keine. Ich frage mich, warum er z.B. diesen Artikel nicht zur Durchsicht hatte. Notfalls hätte man ihn für ihn übersetzen müssen. Wer waren eig. die Gutachter?
2. Der Artikel der Franzosen ist auf französisch geschrieben und sehr unübersichtlich. Das wird zu massiven Verwirrungen in der Zukunft führen, unabhängig vom WSC.
3. Es ist schlicht verrückt und verwirrend (man denke z.B. an Leute in der Landschaftsplanung, die nur ab und zu mal eine Spinnenliste in der Hand halten), nun A. barbipes A. accentuata zu nennen, nachdem erster Name immer konstant für diese Art verwendet wurde, während letzterer mal (möglicherweise) für die eine, dann für die andere Art genutzt wurde und oftmals das Konglomerat aus beiden Arten angesprochen hat. Selbst unabhängig von unserer Arbeit gesehen ist das Wahnsinn.

Tobias

Rainer Breitling

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Re: Alopecosa accentuata/barbipes/farinosa
« Antwort #6 am: 2019-09-02 08:50:09 »
Vielleicht ist es das Beste, wenn Ihr eine mögliche Antwort am Wochenende in Basel besprecht. So etwas müsste ja, um die Verwirrung nicht weiter zu erhöhen, ein Gemeinschaftsprojekt werden, mit möglichst internationaler Beteiligung.

Ich habe mir die Geschichte noch genauer angeschaut, und da gibt es genug Ungereimtheiten, die es erlauben würden, accentuata weiter als nomen dubium zu betrachten. Die Verwendung des Namens geht auf Simon zurück, der Walckenaers accentuata mit dessen andrenivora synonymisiert. Latreille und Walckenaer hatten aber beide keine Ähnlichkeit gesehen und die beiden Arten nie in Zusammenhang gebracht, obwohl sie beide im gleichen Jahr (1817) beschrieben wurden (Latreille bespricht in seiner Arbeit zu accentuata einen “Preview” von Walckenaers Beschreibung von andrenivora; die beiden hatten also zu dieser Zeit engen Kontakt). Während andrenivora regelmäßig von verschiedenen Autoren für die Art verwendet wurde, die jetzt barbipes oder farinosa heißt, war das für accentuata nie der Fall, bis Simon eingriff – 60 Jahre nach der Erstbeschreibung und ohne Untersuchung von Typusmaterial.

Der Wert von Simons Aktions ist ganz davon abhängig, dass Walckenaers accentuata mit Latreilles accentuata identisch ist. Die Beschreibungen der beiden Autoren zeigen aber, wie schon Dahl schrieb, kaum Übereinstimmungen. Walckenaer impliziert, das läge daran, dass Latreille ein nicht ganz ausgewachsenes Jungtier beschreibt. Aber ist das wahrscheinlich? Das Tier war ja nur wenig kleiner als 15-16mm; das ist selbst für eine adulte A. barbipes riesig. Und reift die Art nicht im Spätherbst? Ist ein Jungtier im Frühjahr nicht eher unwahrscheinlich? Zumal Latreille nicht nur ein Einzelexemplar vorliegen hatte (seine Beschreibung nennt mehrfach Farbvarianten, "brun jaunâtre ou olivâtre obscur", "plus claire ou un peu grisâtre", "plus claires ou olivâtres"; ich nehme nicht an, dass er sich über die passende Wortwahl unsicher war. Das spricht übrigens auch gegen ein aberrantes Exemplar.). Und ließe sich ein Jungtier wirklich bis zur Art bestimmen? Und dann bleiben da noch die Details der Beschreibung: das fehlende Opisthosomamuster, die prominenten Seitenstreifen auf dem Prosoma, die schwarzen Tarsen, die ungeringelten Beine. Also wenn das nicht dubios ist...

Auch wenn im Interesse der Stabilität vielleicht besser keine Kontroverse vom Zaun gebrochen wird, sollte der Fall zumindest klar präsentiert werden; und auch einen Neotyp zu bestimmen könnte helfen.

Beste Grüße,
Rainer

Rainer Breitling

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Re: Alopecosa accentuata/barbipes/farinosa
« Antwort #7 am: 2019-09-02 10:24:41 »
Latreille schreibt in seiner Beschreibung von Lycosa accentuata, dass die Art sehr ähnlich aussehe, wie Araneus trabalis Clerck. Also so:

ClerckAraneusTrabalisLatreilleCfAccentuata_Pl4Tab5.jpg
*ClerckAraneusTrabalisLatreilleCfAccentuata_Pl4Tab5.jpg (69.52 KB . 693x311 - angeschaut 47 Mal)

Und das soll dann ein Synonym von barbipes sein?

Zumal es in der gleichen Clerckschen Arbeit einen viel besseren Kandidaten gibt, das Weibchen von Araneus pulverulentus, das Walckenaer als Typus für seine Lycosa andrenivora diente, und Latreille für seine L. intersecta:

ClerckAraneusPulverulentusWalckenaerAndrenivora_Pl4Tab6Fig1.jpg
*ClerckAraneusPulverulentusWalckenaerAndrenivora_Pl4Tab6Fig1.jpg (32.11 KB . 283x290 - angeschaut 48 Mal)

Übrigens, wenn andrenivora wirklich ein Synonym von accentuata und/oder barbipes ist, wie so ziemlich alle Experten seit Thorell angenommen haben, dann hat dieser Name Priorität über die beiden. Bonnet (und Canard & Cruveillier) irrt sich nämlich, wenn er die erste Verwendung des Namens von 1805 für ein nomen nudum hält; die formalen Kriterien für die Verfügbarkeit des Namens sind alle erfüllt (*). Eine Beschreibung ist nach ICZN Art. 12.1 und 12.2.1 nicht nötig; es reicht der Verweis auf die Abbildung von Clerck und zwei Zeichnungen von Eleazar Albin, sowie deren Texte, so krude die auch sein mögen:

EleazarAlbinAlopecosaSpecies.jpg
*EleazarAlbinAlopecosaSpecies.jpg (33.45 KB . 409x165 - angeschaut 44 Mal)

Beste Grüsse,
Rainer

(*) Nachtrag 16. September 2019: nach weiterem Studium der Regeln sieht es so aus, dass Dahl wohl Recht hatte, als er andrenivora als Synonym für barbipes für nicht verfügbar hielt, weil die Verwendung 1805 den Namen bereits zum Synonym von pulverulenta gemacht hatte. Ganz sicher ist das natürlich nicht, weil es ja durchaus möglich wäre, dass Clerck tatsächlich ein barbipes-Weibchen unter dem Namen pulverulentus abgebildet hatte (Thorell schreibt 1858, dass Clercks Sammlung zwar barbipes-Material enthielt, aber keine pulverulentus-Exemplare [mehr]!). Aber vielleicht ist es doch im Sinne der Stabilität und Redlichkeit, andrenivora als nomen dubium zu behandeln.
« Letzte Änderung: Gestern um 10:20:46 von Rainer Breitling »

Rainer Breitling

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Re: Alopecosa accentuata/barbipes/farinosa
« Antwort #8 am: 2019-09-02 11:08:31 »
Und zur Erleichterung der Diskussion, hier noch eine Interlinear-Übersetzung der Originalbeschreibung von Lycosa accentuata:

J’ai trouvé, à la même époque,
Ich habe zur selben Zeit [d.h., zu Beginn des Frühlings oder Anfang Mai]

aux environs de Paris,
in der Umgebung von Paris

une lycose qui a une grande affinité avec la précédente,
eine Wolfspinne gefunden, die mit der vorherigen [Lycosa ruricola] grosse Ähnlichkeit hat,

mais un peu plus petite
aber ein bisschen kleiner ist [als 15-16mm],

et que je caractérise ainsi:
und die ich wie folgt beschreibe:

Palpes d’un brun jaunâtre obscur, plus foncés vers l'extrémité;
Palpen dunkel gelbbraun, gegen das Ende zu dunkler;

mandibules noirâtres;
Chelizeren schwärzlich;

yeux noirs;
Augen schwarz;

tronc ayant ses bords et une bande longitudinale le long de la carène, d’un brun jaunâtre ou olivâtre obscur,
das Prosoma hat seine Ränder und ein Längsband entlang seiner Mittellinie gelbbraun oder dunkelolivbraun,

et une bande noirâtre de chaque côté, entre celle du dos et les bords;
und ein schwärzliches Band auf jeder Seite, zwischen dem Rückenband und den Seitenbändern;

abdomen d’un brun jaunâtre foncé,
das Opisthosoma ist dunkel gelbbraun,

avec la base supérieure plus claire ou un peu grisâtre;
die Oberseite der Basis ist heller oder ein wenig gräulich;

près du milieu de cette base sont deux petites taches noires réunies en devant et en accent circonflexe;
nahe der Mitte dieser Basis befinden sich zwei kleine, vorne verbundene schwarze Flecke in der Form eines Zirkumflex;

entre elles est un faisceau de poils jaunâtres;
zwischen ihnen befindet sich ein Bündel von gelblichen Haaren;

les pattes sont d'un brun jaunâtre,
die Beine sind gelbbraun,

avec les cuisses plus claires ou olivâtres,
mit helleren oder olivlichen Femora,

et marquées de quelques nuances brunes;
und mit einigen bräunlichen Schattierungen versehen;

les tarses sont noirâtres.
die Tarsen sind schwärzlich.

Je nomme cette espèce lycose accentuée (lycosa accentuata).
Ich nenne diese Art die akzentuierte Wolfspinne (Lycosa accentuata).

Elle se rapproche de l’aranea trabalis de Clerck , pl. 4 tab 5.
Sie steht Clercks Aranea trabalis nahe.


Und das ist alles. Typen gibt es nicht mehr. Gibt es gute Argumente, diese Art ohne Zweifel für ein älteres Synonym von Alopecosa barbipes zu halten? Oder starke Gründe, diese Identifizierung auszuschliessen?

Beste Grüsse,
Rainer