Autor Thema: Linyphia sikkimensis  (Gelesen 180 mal)

Rainer Breitling

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Linyphia sikkimensis
« am: 2019-10-07 09:48:25 »
Vor einiger Zeit habe ich eine kleine Arbeit über indische Linyphia-Arten veröffentlicht, in der ich zeige, dass die meisten indischen Arten in andere Gattungen und oft sogar in andere Familien gehören. Eine rätselhafte Art blieb Linyphia sikkimensis. Da die Erstbeschreibung die Ähnlichkeit mit der in der gleichen Arbeit beschriebenen Linyphia urbasae betonte, bei der es sich ganz sicher um eine Theridiide handelt, schlug ich vor, sikkimensis vorläufig und mit Vorbehalt ebenfalls in die Theridiidae zu transferieren, und zwar gemeinsam mit urbasae in die Gattung Chrysso s. lat.

In einer Barcode-Analyse indischer Spinnen zeigen Tyagi et al. jetzt, dass ich damit wohl falsch lag. Sie bilden die Epigyne und den Habitus des Weibchens von Linyphia sikkimensis ab, und schlagen vor, die Art wieder zu Linyphia zu stellen.
LinyphiaSikkimensisHabitus.jpg
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LinyphiaSikkimensisEpigyneVentral.jpg
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LinyphiaSikkimensisEpigyneDorsal.jpg
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Fotos aus Tyagi et al. 2019, Creative Commons Attribution 4.0 International License.

Die Art scheint in Indien häufig zu sein. Die Typus-Serie der Originalbeschreibung enthielt 16 Exemplare, 3 Männchen und 13 Weibchen, und in der Barcode-Studie sind die 5 sikkimensis-Weibchen die einzigen Linyphiidae die analysiert wurden. Meine Frage ist nun: erkennt jemand die Art? Oder lässt sich wenigstens eine mögliche Verwandtschaft zu bekannten Arten feststellen? Die Epigyne scheint sehr charakteristisch. Passt sie zu Linyphia s. lat.? Oder gibt es bessere Vorschläge?

Beste Grüsse,
Rainer

Jonathan Neumann

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Re: Linyphia sikkimensis
« Antwort #1 am: 2019-10-07 10:11:35 »
Nur nach Form, Farbe U Proportionen finde ich Linyphia ganz passend.

Lg jonathan
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Simeon Indzhov

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Re: Linyphia sikkimensis
« Antwort #2 am: 2019-10-07 10:50:12 »
Hm. Die ganze Konstruktion der Vulva ist keinesfalls Theridiidae-artig. Die Position der Receptacula (von innen; mit langen Gängen verbunden und klein) hat eine gewisse Ähnlichkeit zu einigen Linyphia-artigen, wobei die Windungen ganz fehlen (ähnlich, aber anscheinend nicht verwandt mit, Linyphia mimonti), die fehlende Parmula ist auch etwas suspekt, siehe aber die obige Art auch. Von der Somatik her lässt sich zwar nicht viel erkennen, die bestachelten Palpen gibt es aber in einigen Linyphiidae
Simeon

Tobias Bauer

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Re: Linyphia sikkimensis
« Antwort #3 am: 2019-10-07 10:50:52 »
Van Helsdingen nennt ja die spiraligen Befruchtungsgänge als Gattungsmerkmal, die fehlen hier ja vollständig.

Intepretiere ich das richtig, dass hier diese Platte ein Scapus sein soll, und dahinter liegen die Befruchtungsgänge?

Tobias

Rainer Breitling

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Re: Linyphia sikkimensis
« Antwort #4 am: 2019-10-07 11:46:29 »
Nur nach Form, Farbe U Proportionen finde ich Linyphia ganz passend.
Ja, das sehe ich auch so. Vor allem Neriene sieht sehr ähnlich aus.

Hm. Die ganze Konstruktion der Vulva ist keinesfalls Theridiidae-artig.
Ich denke auch, dass man Theridiidae wohl sicher ausschliessen kann. Und nach dem Habitus ist Linyphiidae sehr naheliegend (die Barcodes sind noch nicht öffentlich, aber nach den Angaben im Artikel bestätigen sie die Einordung wohl auch).

Zitat
Die Position der Receptacula (von innen; mit langen Gängen verbunden und klein) hat eine gewisse Ähnlichkeit zu einigen Linyphia-artigen, wobei die Windungen ganz fehlen (ähnlich, aber anscheinend nicht verwandt mit, Linyphia mimonti), die fehlende Parmula ist auch etwas suspekt, siehe aber die obige Art auch. Von der Somatik her lässt sich zwar nicht viel erkennen, die bestachelten Palpen gibt es aber in einigen Linyphiidae.
Die "Somatik" passt in der Tat, einschliesslich der stacheligen Palpen, aber die Topologie der Gänge kriege ich einfach nicht mit der Linyphia-Morphologie zur Deckung. Bei L. mimonti ist die Parmula halt sehr reduziert, aber im vorliegenden Fall wüsste ich gar nicht, wo sie ansetzen sollte. Die Gänge sehen ja aus, als liefen sie am Hinterrand entlang, dort wo bei Linyphia die Parmula sitzen würde, aber das dürften sie dann doch nicht, oder?

Van Helsdingen nennt ja die spiraligen Befruchtungsgänge als Gattungsmerkmal, die fehlen hier ja vollständig.
Intepretiere ich das richtig, dass hier diese Platte ein Scapus sein soll, und dahinter liegen die Befruchtungsgänge?
Das ist mir auch nicht ganz klar. Im Artikel schreiben sie, die Art sei nach Helsdingens Schlüssel bei Neriene einzuordnen, "with the distinguishing characters; large and conspicuous opening of epigyne, spirally coiled groove in the atria, absence of spiral tubes, and simple scape" und das entscheidende Bestimmungsmerkmal sei "epigyne with large opening; atria with spirally coiled groove in the rigid wall". Aber das sehe ich halt auch nicht so recht. Liegt es an der Perspektive?

Beste Grüsse,
Rainer

Tobias Bauer

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Re: Linyphia sikkimensis
« Antwort #5 am: 2019-10-07 12:00:03 »
Also ich sehe schlicht keine große Öffnung (mir scheint die Epigynenöffnung hinter dem Scapus fast auf gleicher Höhe wie die Spermatheken anzusetzen) und keine spiraligen Befruchtungsgänge, egal wie man das dreht und wendet. Ich kann mir da aktuell keinen Reim drauf machen. Die oberflächlich ähnlichen Vulven von Frontinella und Saaristoa sind funktionell verschieden.

Tobias

Simeon Indzhov

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Re: Linyphia sikkimensis
« Antwort #6 am: 2019-10-07 12:24:45 »
Ich hatte übrigens den Gedanken, ob die Epigyne nicht "auf dem Kopf" stehen könnte - ich meine, oben eine oberflächlich Parmula-ähnliche Struktur zu sehen. Das bringt natürlich andere Probleme mit sich - die nach hinten gerichteten Receptacula, den viel zu glatten "vorderen" Epigynenrand sowie das Gewebe am "hinteren" statt der normalen Epigastralfurche.

Rainer Breitling

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Re: Linyphia sikkimensis
« Antwort #7 am: 2019-10-07 12:38:28 »
Ich hatte übrigens den Gedanken, ob die Epigyne nicht "auf dem Kopf" stehen könnte - ich meine, oben eine oberflächlich Parmula-ähnliche Struktur zu sehen.
Interessanter Vorschlag. Das könnte einiges erklären. Aber es bringt neue Probleme mit sich, wie Du schon sagst, und die Ähnlichkeit mit dem Linyphia-Bauplan würde noch weniger deutlich.

Also ich sehe schlicht keine große Öffnung (mir scheint die Epigynenöffnung hinter dem Scapus fast auf gleicher Höhe wie die Spermatheken anzusetzen) und keine spiraligen Befruchtungsgänge, egal wie man das dreht und wendet. Ich kann mir da aktuell keinen Reim drauf machen. Die oberflächlich ähnlichen Vulven von Frontinella und Saaristoa sind funktionell verschieden.
Ich hatte überlegt, ob man vielleicht nur einen Teil der Epigyne sieht, und dann aus einer ungewöhnlichen Perspektive (von hinten?). In der Originalbeschreibung von Tikader wird die Epigyne als stark vorgewölbt gezeichnet. Aber auch ich sehe hier das Gangsystem im Foto als nahezu zweidimensional, alles in einer Ebene. Seltsam. Ob sich wohl irgendwo in der Literatur doch noch ein ähnlich gebautes System entdecken lässt?
Beste Grüsse,
Rainer

Martin Lemke

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Re: Linyphia sikkimensis
« Antwort #8 am: 2019-10-08 07:13:51 »
Ich kann leider nichts zu Eurer Diskussion hinzufügen, weil ich nahezu nur die in DE heimischen Arten kenne.

Nur ein paar Gedanken:

1) eine rein habituelle Zuordnung zu Linyphia halte ich für heikel
2) mit der genitalen Betrachtung seid Ihr bestimmt auf dem richtigen Weg
3) gegen Theridiidae müsste schon die Agenstellung sprechen, oder?

Fotos von ventral und lateral eines unpräparierten Tieres wäre eventuell hilfreich. Dann könnte man sich das besser vorstellen.

Noch besser wäre ein Tier direkt zu untersuchen. Bei Senckenberg haben sie anscheinend keine: https://search.senckenberg.de/aquila-public-search/search. Ich könnte mal in HH fragen, wenn gewünscht; auch wenn es wenig wahrscheinlich ist, dass sie eine haben.

Martin
DAS waren noch Zeiten: Nowegen 2011.

Rainer Breitling

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Re: Linyphia sikkimensis
« Antwort #9 am: 2019-10-08 08:33:33 »
Hallo Martin,
Ich habe jetzt erstmal bei den Autoren nach den Barcode-Sequenzen gefragt; vielleicht ergibt sich daraus ein klareres Bild der Beziehungen. Wenn der Fall interessant genug ist, und sich nicht doch noch aus der Literatur eine überzeugende Lösung anbietet, dann lässt sich vielleicht einer der aktiven indischen Arachnologen überzeugen, die Art gründlich nachzubeschreiben, mitsamt Epigynenphotos in situ und Details zum Männchen (das wahrscheinlich sofort Klarheit schaffen könnte, aber in der Originalbeschreibung leider nicht ausreichend deutlich abgebildet ist; zumindest erkenne ich nicht genug). Ich wäre überrascht, wenn sich in europäischen Museen Exemplare der Art fänden.
Beste Grüße,
Rainer

Tobias Bauer

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Re: Linyphia sikkimensis
« Antwort #10 am: 2019-10-08 11:02:18 »
Ich denke die Barcodesequenzen sind der richtige Weg. Wir haben genau drei Datensätze aus Indien in der Sammlung (und unsere Sammlung kann nicht mehr als klein bezeichnet werden), und aus Indien bekommt man sowieso kein Material ausgeliehen.

Der Palpus in der OB gibt ja garnichts her, man erkennt kaum etwas. Tikader's Konzept der Gattung ist faszinierend und erschreckend zugleich. Es muss zu dieser Zeit extrem schwierig gewesen sein seine meist unbeschriebenen Funde/vorliegenden Exemplare einzuordnen und jeder hätte da sicherlich Fehler gemacht, aber über drei Familien verstreuen? V.a. wenn man bedenkt, dass die Revision von van Helsdingen damals schon publiziert war.

Tobias