Autor Thema: Frage: Synanthrope Riesenkrabbenspinnen in Südamerika / Karibik  (Gelesen 671 mal)

Rainer Breitling

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Hallo zusammen,

Ich habe eine Frage für die Weltreisenden unter den Forumsmitgliedern, und zwar: welche Riesenkrabbenspinnen (Sparassidae) werden in Südamerika und der Karibik regelmässig synantrop gefunden? Berichte aus Jamaica, Antigua oder Surinam wären besonders interessant, aber auch Angaben aus den Nachbarländern könnten mir weiterhelfen.

Hintergrund ist die Erstbeschreibung von Heteropoda venatoria durch Linnaeus, die auf südamerikanischen Meldungen einer häufigen Hausspinne beruht, die durch ihren unter dem Bauch getragenen Eisack ganz offensichtlich als Sparasside gekennzeichnet ist. Mich überrascht, dass die Art schon zu diesem frühen Zeitpunkt, im 18. Jahrhundert, weitverbreitet und zahlreich in Südamerika auftaucht, denn ihr Ursprung ist sicher in Südostasien. Ist sie auch heute die dominante Art unter den Haus-Riesenkrabbenspinnen? Oder gibt es andere Kandidaten? Der Name ist durch die Verwendung geschützt, aber die Geschichte der Ausbreitung interessiert mich, auch im direkten Vergleich mit Steatoda nobilis, einer anderen globalen "Bananenspinne".

Beste Grüsse,
Rainer

Tobias Bauer

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Wir haben mehrere H. venatoria aus Manaus, Manicoré, Santos und zumindest einen Nachweis aus Peru und Kolumbien in der Sammlung (alles 80er-2000er), aber, zumindest der Datenbank nach, auch (2) synanthrope Nachweise von Polybetes pythagoricus, z.B. aus Itapetininga. Ich muss einen Nachweis von H. venatoria mal nachkontrollieren, aber  dieser ist auf der Ilha da Marchantaria bei Manaus verortet. Das ist, soweit ich weiß, Schwemmwald, und alles andere als synanthrop. Auch andere Nachweise dieser Art sind teilweise von Straßenrändern im Wald. Die Art ist also nicht unbedingt auf Siedlungsgebiet beschränkt, allerdings könnten nicht-synanthrope Habitate ökologische Senken sein.

Noch ein aktueller Lit-Hinweis: In Crews et al. (2019) Caribbean Journal of Science 49, 125-140 ist die Art scheinbar nicht gelistet.

Tobias
« Letzte Änderung: 2019-10-23 12:44:42 von Tobias Bauer »

Roman Pargätzi

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Salü Rainer,

Die Spanier betrieben ab der Mitte der 1560er-Jahre Handel zwischen China und Mexico (über die Philippinen), da dürfte auch die eine oder andere Hausspinne den Weg in die Schiffe und über die Meere gefunden haben.
Auch sonst herrschte einiger Verkehr auf den Ozeanen und transportiert wurde alles Mögliche. Wenn ich mich recht erinnere, schrieb Fernão Mendes Pinto, den es in den 1530er bis 1550er Jahren als ausgemachten Antihelden (so stellt er sich in seinem Reisetagebuch jedenfalls dar) von Portugal über Indien, Südostasien und Japan bis nach China verschlug, gar von Elefanten auf einem der Schiffe, mit denen er unterwegs war.

Herzlich, Roman

Rainer Breitling

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Wir haben mehrere H. venatoria aus Manaus, Manicoré, Santos und zumindest einen Nachweis aus Peru und Kolumbien in der Sammlung (alles 80er-2000er), aber, zumindest der Datenbank nach, auch (2) synanthrope Nachweise von Polybetes pythagoricus, z.B. aus Itapetininga.

Polybetes war auch mein erster Gedanke, als mögliche Verwechslungsart. Aber wenn ich Dich richtig verstehe, ist H. venatoria heute die dominante Sparasside, so dass es zumindest nicht unplausibel ist, dass sie das auch zu Zeiten von Maria Sibylla Merian war. Können das andere Reisende bestätigen?

Zitat
Noch ein aktueller Lit-Hinweis: In Crews et al. (2019) Caribbean Journal of Science 49, 125-140 ist die Art scheinbar nicht gelistet.
Interessant. Da gibt es ja gar keine Riesenkrabbenspinnen.

Die Spanier betrieben ab der Mitte der 1560er-Jahre Handel zwischen China und Mexico (über die Philippinen), da dürfte auch die eine oder andere Hausspinne den Weg in die Schiffe und über die Meere gefunden haben.
Auch sonst herrschte einiger Verkehr auf den Ozeanen und transportiert wurde alles Mögliche. Wenn ich mich recht erinnere, schrieb Fernão Mendes Pinto, den es in den 1530er bis 1550er Jahren als ausgemachten Antihelden (so stellt er sich in seinem Reisetagebuch jedenfalls dar) von Portugal über Indien, Südostasien und Japan bis nach China verschlug, gar von Elefanten auf einem der Schiffe, mit denen er unterwegs war.
Was man beim arachnologischen Zeitvertreib alles lernen kann. Ich bin mal wieder begeistert. Diese Ostroute nach Mexico kannte ich noch nicht. Aber es bleibt natürlich immer noch eine Frage der Wahrscheinlichkeiten. Das Handelsvolumen war ja, nach heutigen Massstäben, doch sehr überschaubar; selbst auf dem Höhepunkt des Karibikhandels, am Ende des 16. Jahrhunderts, fuhr zum Beispiel gerade mal jeden zweiten Tag ein einzelnes Schiff von Spanien nach Westen, und das hatte dann eine Ladekapazität von gerade mal 10 Zwanzig-Fuß-Standardcontainern. Andererseits waren die klassischen Segelschiffe sicher spinnenfreundlicher gestaltet als ein modernes Containerschiff. Ich wundere mich trotzdem, dass die Art sich damals so schnell und weiträumig etabliert hat; müsste es beim heutigen Transportaufkommen dann nicht zu einer vollständigen Faunenvermischung kommen?
Beste Grüsse,
Rainer

Tobias Bauer

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Zumindest bei uns ist sie dominante Einzelart (im Vergleich auf Artniveau) in der Sammlung aus Südamerika, ja.

Man darf nicht vergessen dass die Art sehr wahrscheinlich ein gewaltiges Kolonisierungspotential hat. Einmal freigelassen, reichen ja wenige Individuen (eventuell auch nur 1 Weibchen) aus, um Gewächshäuser in den gemäßigten Breiten über Jahre hinweg zu besiedeln. Meist kann die Population nur durch Abriss des Gebäudes entfernt werden. Auch die gute Haltbarkeit im Terrarium (die Art nimmt einem fast nichts übel und kann sehr lange fasten) spricht für diese Hypothese. Aber klar, für andere Sparassiden fehlen da Daten.

Tobias

Roman Pargätzi

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Das Handelsvolumen war ja, nach heutigen Massstäben, doch sehr überschaubar; selbst auf dem Höhepunkt des Karibikhandels, am Ende des 16. Jahrhunderts, fuhr zum Beispiel gerade mal jeden zweiten Tag ein einzelnes Schiff von Spanien nach Westen, und das hatte dann eine Ladekapazität von gerade mal 10 Zwanzig-Fuß-Standardcontainern. Andererseits waren die klassischen Segelschiffe sicher spinnenfreundlicher gestaltet als ein modernes Containerschiff.

Salü Rainer,

Die Manila-Galeonen fuhren sogar viel seltener (1 Reise pro Jahr), die auf den Philippinen gebauten Schiffe waren für die damaligen Zeiten aber sehr gross. Dazu waren die Schiffe, die langen Liegezeiten, die Art der Beladung, die transportierten Waren und deren Verpackung für den zufälligen Spinnentransfer sicher geeignet. Falls es jemanden interessiert: Fotos und Videos zu einem Nachbau einer solchen Galeone findet man bei Tante google unter "galeón Andalucía"; Berichte zu archäologischen Funden z. B. unter; http://ns.gov.gu/galleon/; http://www.deguwa.org/documents/Skyllis_2001_2_Porten.pdf; https://journals.lib.washington.edu/index.php/BIPPA/article/view/11603/10234.

Herzlich, Roman

Sylvia Voss

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Lieber Rainer
Das ist jetzt mal ganz ohne Zitate... ich glaube die Bewegungsradien auch schon "früher" Menschengruppen um den ganzen Globus einschließlich per schwimmender Technik waren größer als oft noch vor Jahren /Jahrzehnten angenommen, es wird da immer wieder Faszinierendes entdeckt und beschrieben, Hypothesen aufgestellt etc... siehe auch (nur als Beispiel) die Kultur der Chachapoya... auch Maori hatten Austausch mit Südamerika und zugleich bis in den Südostasiatischen Raum... und wo frühe Menschen reisten, konnten immer schon irgendwelche Tiere mit... könnte man feststellen wie lange die Sparassidae schon in Süd/Mittelamerika ansässig sind?
LG
Sylvia

ps: Danke Roman, das war sehr interessant!

Rainer Breitling

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Falls es jemanden interessiert: ...
Und ob es interessiert! Einfach faszinierend, wieviel es zu wissen gibt, über Themen, von denen ich noch nie etwas gehört habe.

könnte man feststellen wie lange die Sparassidae schon in Süd/Mittelamerika ansässig sind?
Genau das ist die Frage. Dass es im Prinzip möglich ist, dass Heteropoda venatoria schon frühzeitig vom Menschen nach Südamerika verschleppt wurde, ist nicht zu bezweifeln. Aber es ist halt nicht ganz klar, ob sie zu Linnaei Zeiten wirklich schon dort als häufige Hausspinne vorkam. Meine Frage zielt dann auch darauf ab, ob es dort eventuell andere Sparassiden gibt, auf die sich die frühen Meldungen beziehen könnten.

Linnaeus hatte selber kein Material vorliegen, sondern übernahm die Beschreibung aus dem Zoophylacium Gronovianum (Bd. 2, 1764:217, "Aranea subhirsuta"). Dabei bezieht er sich auf drei illustrierte Beschreibungen früherer Autoren.

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1. Maria Sybilla Merians Metamorphosis Insectorum Surinamensium von 1705, die gleiche Abbildung 18, auf der auch die berühmte Vogelspinne abgebildet ist. Zu der Art schreibt sie nur, dass sie kleiner sei, als diese Avicularia, dass ihre 8 Augen weiter verstreut stehen, und dass sie "dragen hare eyers in een koek onder het lyf, daar sy die uitbroejen", dass sie also "ihre Eier in einem flachen Klumpen unter dem Körper tragen, da sie sie ausbrüten".

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*HeteropodaVenatoriaMerianSuriname.jpg (115.49 KB . 551x492 - angeschaut 73 Mal)

2. Hans Sloanes A Voyage to the islands of Madera, Barbados, Nieves, S. Christophers and Jamaica, with a natural history of the herbs and trees, four-footed beasts, fishes, birds, insects, reptiles &c. at the last of those islands... von 1725 (Bd. 2, S. 195 [nicht 181, wie bei Linnaeus und Gronovius]). Er beschreibt die Spinne als gelbbraun, mit schwarzen Flecken auf den Beinen, etwa einen Zoll lang und häufig in Gebäuden, wo sie als harmlose Kakerlakenjäger von den Bewohnern sorgsam beschützt werden. Auch das Tragen der baumwollweissen Kokons unter dem Körper wird wieder erwähnt. Er hat die Art auch beim Verzehr einer kleinen Echse und einer grossen Kakerlake beobachtet.

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3. Patrick Brownes The civil and natural history of Jamaica in three parts. Linnaeus und Gronovius zitieren S. 420, 3, "The large brown Tarantula". Die dazu gehörende Abbildung 44:2 zeigt aber ganz klar ein Theraphosidae-Männchen. Browne beschreibt aber eine Seite vorher als "Aranea domestica major saccifera, subcinerea & subhirsuta" The large grey house-spider, bei der es sich ganz sicher um Merians und Sloanes Hausspinne handelt. Sie sei gross, aber sehr harmlos und trage immer ihren Kokon als runde Tasche dicht am Bauch zwischen den Beinen mit sich herum. Er beschreibt auch im Detail die Häutung der Spinne.

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Die Frage ist also, kann sich diese Beschreibung auf eine andere in Südamerika oder der Karibik vorkommende Sparasside beziehen, oder war H. venatoria bereits im 18. Jahrhundert die dominante grosse Hausspinne der Region?

Der erste Nachweis der Art wird übrigens von Linnaeus nicht erwähnt, aber bei Sloane und Gronovius angeführt: Georg Markgrafs monumentale Historiae rerum naturalium Brasiliae, libri octo melden die Art schon 1648 aus Brasilien (7. Buch, S. 249), wo sie in Gebäuden äusserst häufig sei. Auch er erwähnt bereits die Eisäcke, die unter dem Bauch getragen werden. Und seine Abbildung, die ich zuerst übersehen hatte, lässt mich wenig zweifeln, dass es sich hier tatsächlich um ein H. venatoria-Männchen handelt, was mich auch die anderen Nachweise mit neuen Augen betrachten lässt. Oder gibt es auch diese auffallend kontrastreiche Zeichnung bei anderen südamerikanischen Sparassiden?

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Beste Grüsse,
Rainer
« Letzte Änderung: 2019-10-25 08:31:05 von Rainer Breitling »

Roman Pargätzi

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Salü Rainer,

Das beantwortet zwar nicht Deine Frage, aber Sloanes Araneus venatorius major pilosus wanderte ungeheuer schnell: von Buch zu Buch. Schon 1735 taucht sie in Johann Jacob Scheuchzers Kupfer-Bibel, In welcher Die PHYSICA SACRA, Oder Geheiligte Natur-Wissenschaft Derer In Heil. Schrifft vorkommenden Natürlichen Sachen, Deutlich erklärt und bewährt auf, im Vierten Teil, Fig. 8 auf der Tafel DLXXXVII zwischen S. 786 und 787 mit dem Quellenverweis auf S. 792. (PDF unter: https://doi.org/10.3931/e-rara-11654)

 :) Roman