Autor Thema: Parachtes sp. aus Sardinien  (Gelesen 927 mal)

Alexander Bach

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Parachtes sp. aus Sardinien
« am: 2020-02-19 22:01:53 »
Hallo zusammen,

ich mach den Thread mal direkt hier auf... Also, ich habe hier zwei weibliche Parachtes sp. von Sardinien. Das erste Problem ist natürlich generell, dass die Dysderidae in Süd- und Osteuropa meist ehr schlecht als recht bearbeitet sind und auf Sardinien gibt es auf jeden Fall noch mehrere unbeschrieben Arten aus dieser Familie. Von Sardinien sind nun bisher zwei Arten oben genannter Gattung beschrieben, nämlich Parachtes inaequipes und P. limbarae.
Hier kommt Problem Nummer zwei ins Spiel und zwar dass von letzterer bis dato nur das Männchen beschrieben ist. Da ich leider keine Männchen dabei habe, fehlt mir natürlich die Möglichkeit der Abgrenzung der beiden Arten zueinander. Die Vulven Zeichnung von Brignoli (1975) stimmt zwar ziemlich gut mit meinem Tier überein, aber ohne die Vulva von P. limbarae zu kennen, ist das natürlich schwierig einzuschätzen.
Pierre hat nun Bilder von P. inaequipes auf seiner Seite und auch in diesem Vergleich kann ich keine großen Unterschiede zu meinem Exemplar feststellen.
Auf der Suche nach "soften" Abgrenzungsmerkmalen, um wenigstens etwas mehr Sicherheit zu bekommen, habe ich nun aufmerksam die Beschreibungen beider Arten gelesen und siehe da, Le Peru (2011) schreibt zur Bestachelung von P. inaequipes:
Zitat
femur I with 2 strong prolateral spines, femora II and III spineless, femur IV with 3 ventral spines
und zu P. limbarae:
Zitat
femur I with 2 prolateral spines, femur II with one spine, femur III spineless, femur IV with 4 spines

An dieser Stelle habe ich mich kurz gefreut, weil meine Bestachelung gut zu P. limbarae passte. Bei beiden stimmt die Bestachelung relativ genau überein, nur dass am Femur IV links 2+2 dorsale Stacheln und Femur IV rechts 2+1 Stacheln sitzen. Ventrale Stacheln sind nicht vorhanden. Das andere Tier hat leider links sein letztes Bein verloren, hat aber auch FeIV rechts 2+1 dorsale Stacheln, die restliche Bestachelung entspricht der Beschreibung. Das die Stacheln natürlich variieren können und kein sicheres Bestimmungsmerkmal sind ist mir klar. Die Tatsache das ventral die Stacheln fehlen, aber dorsal vorhanden sind am FemurIV hielt ich erstmal für ein starkes Indiz. Zumindest wäre es mir neu gewesen wenn die Stacheln in solcher Anzahl zwischen dorsal und ventral innerartlich variieren. Dann habe ich mir allerdings die Tiere von Pierre nochmal genauer angesehen....

(Also nochmal die Femora Bestachelung zusammengefasst: FeI: 2 Stachel, FeII: 1 Stachel, FeIII: 0 Stachel, FeIV links: 2+2 Stachel, FeIV rechts: 2+1 Stachel, wobei wie gesagt bei einem Tier Bein IV links fehlt.)

Dort habe ich dann festgestellt dass auch seine Tiere diese dorsalen Stacheln haben und ebenfalls ventral keine. Mit DeepL und einem französisch Wörterbuch habe ich mich dann an die Übersetzung der Erstbeschreibung von Simon (1882) gemacht und siehe da: Simon schreibt gar nichts von ventralen Stacheln auf dem Femur IV, sondern von 3 Stacheln die in zwei Reihen oben, also dorsal, angeordnet sind.
Zitat
fémur I pourvu de 2 fortes épines supéro-internes; fémurs II et III inermes; fémur IV pourvu en dessus, dans la première moitié, de 3 épines  disposées en 2 lignes
(Ich hoffe ich habe es nicht falsch übersetzt)

Da ich außer bei Le Peru (2011) und Simon (1882) in keiner anderen Publikation weitere Angaben dazu finden konnte, nehme ich an dass Le Peru sich ganz einfach vertan hat beim "abschreiben". (Brignoli (1975) hat sich in seiner Beschreibung der Art nicht zu Bestachelung geäußert.) Was aber komisch ist, da er ja auch Franzose ist und es somit schonmal nicht an der Übersetzung hapern konnte. So wie ich das aus seinen Angaben entnehme hatte er von keiner der beiden Arten Exemplare vorliegen. Also jedenfalls keine Ahnung wo diese Diskrepanz herkommt. Auch araneae hat diese (vermutlich fehlerhafte) Beschreibung übernommen.

Ich gehe zwar mittlerweile davon aus dass es P. inaequipes ist, die Vulva passt einfach zu gut in meinen Augen, aber ohne das Weibchen der anderen Art zu kennen, ist die Bestimmung natürlich nicht ganz befriedigend. Auch der Fundort bietet leider keine weiteren Eingrenzungen. Die Tiere habe ich beide im Limbaragebirge auf etwa 600m in einem Waldstück mit Quercus ilex und Pinus sp. gesammelt. Von dort gibt es auch Nachweise für beide Arten, wobei P. limbarae anscheinend nur auf einem der Gipfelplateaus gefunden wurde bis jetzt.

Vielleicht hat ja noch jemand eine Idee zu den Tieren oder einen Literaturtipp der mir bisher verborgenen geblieben ist.

Alex

Simeon Indzhov

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Re: Parachtes sp. aus Sardinien
« Antwort #1 am: 2020-02-19 23:56:58 »
Soweit ich weiß, ist bei Harpactea saeva (gleiche Unterfamilie) die dorsale Femurbestachelung variabel. Ich kann mir vorstellen, dass das auch hier der Fall sein kann. Die beiden von Dir Parachtes-Arten scheinen übrigens nicht so nahe miteinander verwandt zu sein, also ich würde gewisse Unterschiede in den Vulven erwarten - ähnlich wie bei Harpactea, gegeben, dass die Parachtes-Vulven relativ komplex, sklerotisiert und gar nicht so einheitlich sind
Simeon

Rainer Breitling

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Re: Parachtes sp. aus Sardinien
« Antwort #2 am: 2020-02-20 09:29:30 »
Die beiden von Dir Parachtes-Arten scheinen übrigens nicht so nahe miteinander verwandt zu sein,...
Hallo Simeon,
Was lässt Dich zu diesem Schluss kommen? Ich hätte die beiden Arten für deutliche Schwesterformen gehalten -- so sehr, dass mir ernste Zweifel kommen, ob P. limbarae nicht einfach ein jüngeres Synonym ist. Es ist schon ziemlich überraschend, dass Brignoli am Monte Limbara (locus typicus) mehrere P. inaequipes fand, aber keine P. limbarae. Es wäre interessant, das als P. limbarae identifizierte Material in den Gefrierschränken der Universität von Barcelona zu untersuchen (https://bmcevolbiol.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2148-11-317). Dort finden sich Männchen und Weibchen, mit deren Hilfe man vielleicht entscheiden könnte, ob die von Kraus verwendeten Merkmale wirklich eine Arttrennung zulassen.
Beste Grüsse,
Rainer
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Alexander Bach

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Re: Parachtes sp. aus Sardinien
« Antwort #3 am: 2020-02-20 10:00:24 »
Soweit ich weiß, ist bei Harpactea saeva (gleiche Unterfamilie) die dorsale Femurbestachelung variabel. Ich kann mir vorstellen, dass das auch hier der Fall sein kann.

Parachtes steht aber doch bei den Dysderinae oder nicht? Und wie gesagt, dass die Anzahl der Stacheln variabel ist war mir bewusst. Mir ging es darum, dass sie bei einem Autor dorsal und bei dem anderen ventral angeordnet sind.

Es wäre interessant, die als P. limbarae identifizierte Material in den Gefrierschränken der Universität von Barcelona zu untersuchen (https://bmcevolbiol.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2148-11-317). Dort finden sich Männchen und Weibchen, mit deren Hilfe man vielleicht entscheiden könnte, ob die von Kraus verwendeten Merkmale wirklich eine Arttrennung zulassen.

Ja, dass Paper hatte ich gestern Abend auch noch gefunden. Spannend ist ja auch, dass sie schreiben:
Zitat
P. inaequipes is known from a single locality in southern Corsica (Bonifacio).
Das klingt ja so als wenn die Autoren der Meinung wären das auf Korsika nur inaequipes vorkommt und auf Sardinien limbarae. Ich werde mal eine Mail an Arnedo schreiben, vielleicht kann er ja den Sachverhalt etwas aufklären.

Alex

Simeon Indzhov

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Re: Parachtes sp. aus Sardinien
« Antwort #4 am: 2020-02-20 16:03:11 »
Na gut. Ich hatte mich lediglich nach Zeichnungen bei Araneae orientiert, und dort sehen sowohl der Embolus als auch der Bulbus ganz unterschiedlich geformt aus, aber Pierres Fotos nach (aus verschiedenen Ansichten) ist die Situation ganz anders. Ich muss mich dann einlesen, und auch verstehen, welche Literatur (und evtl. Vergleichsmaterial) Kraus vorhanden war. Ich habe das Problem hier ganz oberflächlich angeschaut (da muss ich gestehen, Dysderidae mag ich nicht so richtig). Eine Synonymie zwischen den beiden Arten halte ich jetzt auch für möglich

Alexander Bach

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Re: Parachtes sp. aus Sardinien
« Antwort #5 am: 2020-02-21 11:52:36 »
Arnedo hat schon geantwortet und zwar schreibt er, dass alle Individuen die Ihnen von Sardinien vorlagen zur selben Art gehörten. Von denen haben sie, und jetzt wirds interessant, die Männchen basierend auf deren Palpen, und die Weibchen wegen ihrer "genetic closeness", limbarae zugeordnet. Er schreibt weiterhin, dass das gleiche für inaequipes gilt und er überzeugt ist, dass inaequipes nur auf Korsika vorkommt und limbarae eben auf Sardinien. (Warum sie inaequipes in der Arbeit dann nicht mit einbezogen haben schreibt er jedoch nicht.)

Anscheinend liegen bzw. lagen ihm also sowohl von inaequipes als auch limbarae Material vor. Es wird leider aus der Arbeit von Kraus nicht ersichtlich ob ihm damals inaequipes als Vergleichsmaterial vorlag. Ich habe gerade mal in der Sammlungsverwaltung vom Senckenberg nach inaequipes gesucht und interessanterweise sind dort von 1958, als kurz nach der Kraus'schen Erstbeschreibung, zwei Exemplare hinterlegt, die anscheined vom italienischen Festland, aus Südkalabrien stammen. Aber die werden wohl falsch bestimmt (oder falsch etikettiert) worden sein nehm ich an.

Rainer Breitling

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Re: Parachtes sp. aus Sardinien
« Antwort #6 am: 2020-02-21 12:07:19 »
Für den Artikel hatten sie damals kein Material von P. inaequipes vorliegen, nur ein Jungtier, das aber genauso gut zu irgendeiner anderen Art gehören kann, Es kann natürlich immer sein, dass die Formen auf Korsika und Sardinien subtil verschieden sind, aber Brignolis Abbildungen sprechen schon dafür, dass es auf Sardinien auch eine Art gibt, die sich kaum von der korsischen Art unterscheiden lässt. Ob das dieselbe Art ist, die Kraus beschreibt, ist natürlich noch zu klären, scheint mir aber nicht unwahrscheinlich. Vielleicht kannst Du Dir ja das Material aus Frankfurt und Barcelona zur Ansicht zuschicken lassen...
Beste Grüße,
Rainer

Alexander Bach

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Re: Parachtes sp. aus Sardinien
« Antwort #7 am: 2020-02-21 18:47:28 »
Ja, ich werde im Juni nochmal vor Ort sein und gucken das ich noch zusätzlich passende Männchen am Limbara gesammelt und Arnedo dann mal anschreiben ob er mir Vergleichsmaterial zukommen lassen kann, der klang sehr umgänglich.
Alex