Autor Thema: Hausdornfinger? => Cheiracanthium mildei  (Gelesen 476 mal)

Mirco Blume

  • Beiträge: 14
Hausdornfinger? => Cheiracanthium mildei
« am: 2020-08-01 16:10:40 »
Hallo,

Soeben habe ich diese helle, geschätzt 10 mm (ohne Beine) große Spinne an meiner Küchenwand entdeckt. Ich konnte sie via Glas und Pappe problemlos einfangen. Die Spinne ist schnell und kann sich ziemlich überzeugend totstellen. Bei meiner kurzen Recherche habe ich nichts passenderes als den Hausdornfinger finden können. Ich hoffe die Qualität der Bilder ist für eine Bestimmung ausreichend. Fundort Essen/NRW.

Danke vorab!
« Letzte Änderung: 2020-08-02 15:54:44 von Katja Duske »

Mirco Blume

  • Beiträge: 14
Re: Hausdornfinger?
« Antwort #1 am: 2020-08-02 02:16:38 »
Sofern die Fotos für eine Bestimmung nicht ausreichen, wäre eine Info super. Ich würde dann eine bessere Kamera organisieren, das ließe sich kurzfristig einrichten. Falls eine Bestimmung aus welchen Gründen auch immer gar nicht möglich sein sollte (evtl. weil die Art bei uns zu unbekannt oder zu wenig relevant ist) wäre dazu eine kurze Info ebenfalls hilfreich, denn dann würde ich das Tier schnellstmöglich zur Identifizierung verschicken. Nachdem ich bereits einige Steatoda grossa Exemplare in meiner Wohnung gefunden habe, womit ich mich mittlerweile soweit ganz gut anfreunden kann, bereitet mir der vermutete Dornfinger doch schon größere Sorgen, zumal ich vor einigen Wochen (wahrscheinlich) schon ein Baby dieser Art entdeckt habe...dazu hatte ich ebenfalls hier im Forum eine Bestimmungsanfrage gestellt. Leider gelang mir damals kein zur Bestimmung ausreichend gutes Bild, aber es wurde dort schon Dornfinger vermutet. Dass dieser Winzling der Einzige war erscheint mir nicht besonders wahrscheinlich. Nach einigem Einlesen (hauptsächlich auf englischsprachigen Seiten, in deutsch sind Informationen leider sehr überschaubar) können die Tiere wohl ebenfalls unangenehm beißen, dazu sind sie im Vergleich zu Steatoda allerdings deutlich weniger scheu und leichter reizbar. Ich vermute nach diesem Fund tatsächlich nun auch, bereits von so einem Tier gebissen worden zu sein (auf Anfrage dazu gerne Details inkl. Fotos von der betroffenen Stelle). Außerdem soll es bei dieser Art wohl auch so sein, dass man vor dem Anziehen sicherstellen sollte, dass Kleidung über Nacht keinen Bewohner erhalten hat, insbesondere Schuhe, aber auch alles andere. Ob das nun der Wahrheit entspricht oder (wie so häufig) alles völlig übertrieben dargestellt ist, kann ich als absoluter Laie nicht einschätzen. Für jegliche Information wäre ich sehr dankbar!

Jürgen Guttenberger

  • ****
  • Beiträge: 3102
Re: Hausdornfinger?
« Antwort #2 am: 2020-08-02 08:26:25 »
Servus Mirco,

also mir reichen deine Fotoqualitäten aus, du hast das Tier schon richtig angesprochen. Wenn du aber ganz sicher sein willst, kannst du das Tier gerne an mich versenden. Es ist ein erwachsenes Weibchen, da dürfte die Bestimmung unterm Bino in Sekunden feststehen.

Gruß Jürgen

Mirco Blume

  • Beiträge: 14
Re: Hausdornfinger?
« Antwort #3 am: 2020-08-02 15:37:32 »
Hallo Jürgen,

Danke für Dein Angebot! Habe Dir soeben eine PM geschickt. Kann hier noch Jemand Hinweise zu dieser Spinne geben? Sind die englischsprachigen Informationen überzogen? Wie sollte mit den Tieren in der Wohnung umgegangen werden? Ich frage mich auch, warum sich nahezu sämtliche deutschsprachige Informationen auf den wohl nur im Freien anzutreffenden Ammen-Dornfinger beziehen, inklusive Hinweisen wie man eine Begegnung am besten vermeidet. Bei nachts durch die Wohnung streifenden Tieren gestaltet sich das m.M.n. deutlich schwieriger.

lg und einen schönen Restsonntag

Jürgen Guttenberger

  • ****
  • Beiträge: 3102
Re: Hausdornfinger? => Cheiracanthium mildei
« Antwort #4 am: 2020-08-08 21:37:05 »
Eindeutig!

Grüße Jürgen

Wolfgang Schlegel

  • **
  • Beiträge: 365
Re: Hausdornfinger? => Cheiracanthium mildei
« Antwort #5 am: 2020-08-11 23:37:13 »
   Hallo Mirco,

wenn Du den oben erwähnten Biss eines Dornfingers beobachtet und die Spinne zweifelsfrei identifiziert hast, würden mich die Details hierzu sehr interessieren. Falls das nur Vermutungen sind, helfen Fotos der betroffenen Hautstelle allerdings auch nicht weiter; niemand kann daraus entnehmen, was genau die Hautläsion verursacht hat.

Deutschsprachige Informationen im Internet sind zu einem beträchtlichen Teil Unsinn; im Jahre 2006 gab's in Österreich eine von den Medien im Sommerloch ausgelöste Massenhysterie zu Dornfinger-Bissen, an der sich dann auch bald deutsche Blätter beteiligten. Viele Originalartikel sind mittlerweile aus dem Netz wieder verschwunden, vielleicht war es den Urhebern irgendwann selber peinlich. Die Nachwirkungen geistern immer noch durchs Netz, und es wäre eine lebensabendfüllende Aufgabe, alle falschen Informationen und alle Fotos von falsch bestimmten "Dornfinger-Spinnen" zu sammeln. Soweit ich es überblicken kann (in Ermangelung persönlicher Kontakte zum Ammen-Dornfinger Ch. punctorium - die Art kommt anscheinend im Stuttgarter Raum nicht vor), enthalten die Wikipedia-Artikel zu "Dornfinger (Gattung)" und "Ammen-Dornfinger" keine falschen Informationen. Englischsprachiges wird sich häufig auf "yellow sac spiders" beziehen, womit mehrere amerikanische Arten sowie auch der in Amerika eingeschleppte Hausdornfinger Ch. mildei gemeint sein können. Anlässlich der Einwanderung wurden Bisse und Gift von Ch. mildei in Amerika ziemlich gründlich wissenschaftlich bearbeitet, wobei herauskam, dass beim Menschen üblicherweise nur lokale Rötungen und geringfügige Schwellungen verursacht werden, aber niemals Nekrosen. Einige englischsprachige Arbeiten hierzu sind im Netz verfügbar; z.B. hier. Da der Ammen-Dornfinger bisher weder auf den britischen Inseln noch in Amerika gefunden wurde, googelt man zu dieser Art wenig Relevantes in englischer Sprache.

Verwirrung entsteht häufig daraus, dass Fakten zu Ammen- und Haus-Dornfingern miteinander verquirlt werden. Daher zu den Unterschieden folgendes:
  • Ammen-Dornfinger sind eine in Deutschland einheimische Art. Leider schreiben eine Menge Leute mittlerweile voneinander ab, sie wäre im Zuge des Klimawandels eingewandert. Der Hausdornfinger dagegen wurde erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts nördlich der Alpen nachgewiesen; er dürfte allerdings nicht dahin "gewandert'", sondern eher mit Obst- und Gemüseimporten vom Mittelmeer eingeschleppt worden sein. Das erklärt auch, dass er hauptsächlich aus städtischen Gebieten gemeldet wird.
  • Ammen-Dornfinger sind die deutlich größere Art, nach Literaturangaben erreichen Weibchen eine Körperlänge von 15 mm; die größten hochschwangeren Hausdornfinger-Weibchen, die mir in Stuttgart und Umgebung begegnet sind, brachten es auf 9 mm. Dazu kommt, dass die giftklauentragenden Chelizeren beim Ammen-Dornfinger auch relativ zur Gesamtlänge größer sind, insbesondere bei den Männchen - was die Chancen auf Bisswirkungen natürlich erhöht.
  • Ammen-Dornfinger legen ihre Eier in auffällige Gespinste ab, die sich in Griffhöhe neugieriger Primaten befinden. Hausdornfinger suchen für denselben Zweck möglichst enge Spalten auf. Die Hausdornfinger-Kokons bekommt man am ehesten zu sehen, wenn sie in Spalten unter Deckeln von Wasserbehältern im Garten oder zwischen Flügeln von Garagentoren oder Fenstern (siehe Bild) angelegt werden. Niemals habe ich diese Kokons im Inneren des Hauses etwa an Türen oder sonstigen Engstellen gefunden (Kokons dieses Typs können übrigens auch von anderen Spinnenarten stammen). Die Mehrzahl der Kokons dürfte sich in unzugänglichen Spalten im Garten befinden, so dass eine Konfrontation mit verteidigungsbereiten Weibchen selten ist - dazu müsste auch der recht stabile Kokon aufgerissen werden, da sich das Weibchen zusammen mit seinen Eiern darin einspinnt. Ein gut dokumentierter Bissunfall kam dadurch zustande, dass ein mildei-Weibchen sich das Innere einer über Nacht auf einer Terasse ausgelegten Strickjacke zur Eiablage ausgesucht hatte und der Kokon beim Anziehen der Jacke zerstört wurde. Auch unter im Freien abgelegten Werkzeugen können sich Kokons finden.
Die Bezeichnung "Haus-Dornfinger" legt nahe, dass dieses Tier bevorzugt in Häusern lebt. Das ist nicht der Fall. In Gefangenschaft ist diese Spinne davon abhängig, häufig mit Trinkwasser versorgt zu werden. Normale Wohnräume sind zu trocken und bieten auch wenig Beute. In den Gärten und Parks von Stuttgart und Umgebung sind die "Hausdornfinger" eine der häufigsten Arten unter denjenigen derselben Größenordnung, die bei Nacht ohne Netz jagen. Wenn man sich mit einer Lampe ausstattet, findet man die Tiere leicht in Hecken und auf Fassaden. Sie sind sehr agile Jäger und kommen weit herum, so dass sie sich auch öfters durch geöffnete Fenster in Wohnungen verlaufen. Da sitzen sie dann am folgenden Tag meistens an der Decke oder an den Wänden in Deckennähe und werden von den Bewohnern entdeckt und gemeldet. Man ist auf diesen deutschen Namen gekommen, weil andere einheimische Dornfinger-Arten so gut wie nie in Wohnungen gefunden werden.

Ich finde in meiner Wohnung seit 2009 jedes Jahr mindestens zehn versprengte Hausdornfinger. Ebensolches gilt für die Wohnung meiner Mutter in Waiblingen. Da die Spinne hier wirklich nicht selten ist, wird es sich bei sehr vielen Wohnungen der Gegend ebenso verhalten. Von Bissunfällen mit diesen Spinnen hört man aus Stuttgart und näherer Umgebung jedoch nichts. Irgendwelche Aggressivität Menschen gegenüber konnte ich niemals feststellen; keine Primatenart, auf welche reagiert werden müsste, spielt im Leben dieser Spinnenart eine Rolle, so dass die Existenz von Menschen weit über ihren Horizont geht. Wird sie bedrängt, flüchtet sie normalerweise mit hoher Geschwindigkeit. In seltenen Fällen habe ich eine Art angedeuteten "Verteidigungsbiss über die Schulter" beobachtet, wenn ich die Spinne mittels Holzstäbchen in einen Behälter lenken wollte, aber dabei kam es nie zu einer Verteidigungshaltung oder zu einem Gegenangriff - die Spinne rannte daraufhin sofort in der bisherigen Richtung weiter. Wenn man die Spinne mit bloßer Hand einfängt oder sonstwie einklemmt, wird sie vermutlich zubeißen, da es das einzige ist, was sie in solcher Situation zu ihrer Verteidigung tun kann. Ansonsten kann man mit diesen Tieren entspannt umgehen, wie beispielsweise hier zu sehen.

Ich meine, wegen der Hausdornfinger musst Du Dir noch weniger Sorgen machen als wegen Steatoda grossa.

   Gruß aus Stuttgart

Nach stundenlangem Besinnen
Ähneln sich alle Spinnen.