Autor Thema: Keine Mahd: Mehr/andere Arten  (Gelesen 441 mal)

Jonathan Neumann

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Keine Mahd: Mehr/andere Arten
« am: 2021-03-03 22:19:00 »
Guten Abend Forum,

das Thema Mahd wurde hier schon mehrfach angesprochen und folgende Anekdote passt prima dazu:

Letztes Jahr habe ich auf diesem Hügel die Körbchenspinne (Agalenatea redii) im Kescher gehabt (wollte gucken ob sich die dort lebenden Weinhähnchen keschern lassen - NEIN!). Bis zu dem Punkt wusste ich gar nicht, dass es die Art in meiner direkten Umgebung gibt. Ich hatte letzten Frühjahr mal auf einer größeren ungemähten Brache etwas weiter weg gesucht - jedoch erfolglos. Sonst bin ich immer davon ausgegangen, dass es die nicht gibt, da sonst alles gemäht wird. Auch Weinhähnchen "vertragen" keine Mahd, da die Eier in den Stengeln überwintern.

Heute war ich das erste mal dieses Jahr auf dem Hügel, in der Hoffnung diese Art zu finden. Sie wurde prompt erfüllt (aber nur das eine Individuum!).

Was mich am Meisten Überrascht: diese Fläche ist überhaupt nicht groß, aber es scheint wohl zu reichen.

Es gibt noch eine Brache auf der Weinhähnchen leben, ob es die Körbchenspinne dort gibt, glaube ich nicht. Hatte mal dort letztes Jahr gekeschert, aber ohne Agalenatea redii. Ich prüfe das mal, auch einen anderen Hügel teste ich noch auf Agalenatea redii.

Eine andere Wiese direkt bei mir wird seit 2 Jahren teilweise nicht mehr gemäht und siehe da: Cheiracanthium und Argiope sind da!

Lange Rede kurzer Sinn: Es zeigt sich immer wieder, dass ein wenig Unordnung/Müßiggang für die Natur äußerst wertvoll ist.

LG,
Jonathan
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Tobias Bauer

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Re: Keine Mahd: Mehr/andere Arten
« Antwort #1 am: 2021-03-04 09:26:47 »
https://link.springer.com/article/10.1007/s11252-018-0786-2

Mehr Arten gibt es durch Nicht-Mähen auf jeden Fall. Und oft auch die wertvolleren. Man muss halt schauen, wie man diesen Zustand erhält, z.B. durch abwechselnd halbe Fläche Mähen alle zwei Jahre. Meist (es gibt Ausnahmen) sind die Ämter mit so etwas aber intellektuell überfordert.

Jonathan Neumann

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Re: Keine Mahd: Mehr/andere Arten
« Antwort #2 am: 2021-03-04 10:05:15 »
Das Thema Mosaik-Mahd/Streifenmahd höre ich seit Jahren. gesehen habe ich es aber FAST NIE.
Ausser eben jetzt ganz lokal seit 2 Jahren...

Wenn die "Entscheidungsträger" mit sowas (für uns Feld-Ökologen banalem) überfordert sind, wer wird denn da eingestellt?

Lg,
jonathan
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Tobias Bauer

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Re: Keine Mahd: Mehr/andere Arten
« Antwort #3 am: 2021-03-04 10:37:46 »
Naja, halt keine Ökologen. Frag mich aber nicht. Meine Promotion dreht sich ja exakt darum, und ich bin bezüglich der Umsetzung dieser Maßnahmen am Verzweifeln. Ich kann nur sagen, die direkte Vermittlung ("hier sind die eindeutigen Ergebnisse, bitte genau so machen") ist kaum möglich. Auf der anderen Seite ist ein morscher Baum aber schneller weg, als du gucken kannst, wenn er die Straßensicherheit "gefährdet".

Tobias

Jutta Asamoah

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Re: Keine Mahd: Mehr/andere Arten
« Antwort #4 am: 2021-03-04 13:01:31 »
Hallo zusammen,

zunächst eine Frage. Die Studie bezieht sich ja auf urbane Grünflächen, da kommen doch andere Faktoren zusammen, als bei anderen Halbkulturformationen wie z. B. Feuchtwiese oder Magerrasen. Die Ergebnisse lassen sich daher vermutlich nicht direkt übertragen, oder?

Mich interessiert das Thema sehr, da der Naturschutzverein, in dem ich arbeite, diverse kleinräumige Biotope betreut, die je nach Lage sehr unterschiedlichen Kategorien angehören und auch einen unterschiedlichen Schutzstatus haben. Von der Streuobstwiese am Südhang bis zu Feuchtbiotopen im Tal. Eine der Hauptaufgaben ist es diese Flächen vor der sukzessiven Verwandlung in Hochstaudenfluren bzw. Verbuschung zu schützen und lange unbearbeitete Flächen wieder extensiv zu bewirtschaften. Das geschieht um den Artenreichtum in Fauna und Flora zu erhalten bzw. zu vergrößern.

Mit extensiver Beweidung (zweimal jährlich) durch eine Schaf- und Ziegenherde bzw. das späte Mähen mit der Sense oder Balkenmäher werden z.B. Schlehen- und Wildzwetschgenaustriebe in Schach und Weiher und Tümpel offengehalten. Vom Kammmolch über zahlreiche Fledermaus-, Reptilien- und Vogelarten bis zu diversen Knabenkräutern finden sich hier Arten, die auf den roten Listen auftauchen. Die Insekten- und Spinnenvielfalt ist ebenfalls hoch, leider kann ich (noch) nichts dazu sagen, ob sich auch seltene Arten darunter befinden.
Auch der NABU hier arbeitet vor allem mit Freischneidern und extensiver Beweidung durch Hochlandrinder um den Lebensraum für Bekassine, Kiebitz, Rebhuhn oder Laubfrosch zu erhalten bzw. zu schaffen.

Kann man also die Berliner Studienergebnisse nicht direkt auf solche Flächen übertragen oder muss man hier tatsächlich umdenken? Würde mich sehr über Hinweise zu ähnlichen Studien freuen.

LG
Jutta


Tobias Bauer

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Re: Keine Mahd: Mehr/andere Arten
« Antwort #5 am: 2021-03-04 13:59:54 »
Ich möchte mich da eigentlich nicht weiter zu äußern, weil das nach außen sichtbar ist und die meisten Verbände/Ämter hier sowieso keine Lust haben, umzudenken und mal das Kategoriendenken zu lassen. Ich kann nur sagen, das mehrjährige Brachebereiche arthropodentechnisch meist deutlich artenreicher sind als jährlich komplett gemähtes Grünland. Beweidung ist etwas anderes und fördert oft auch andere Arten. Solche Bracheflächen können ja auch in normales Grünland eingebettet sein (Altgrasstreifen). Siehe auch diese Arbeit zu der ganzen Problematik um die Mäherei:

https://link.springer.com/article/10.1007/s10841-007-9092-7

Tobias

Jutta Asamoah

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Re: Keine Mahd: Mehr/andere Arten
« Antwort #6 am: 2021-03-04 15:09:26 »
Danke für die Antwort und den Link.

Sicher sind Behörden oder Verbände weniger flexibel als ein kleiner Dorfverein, der offen für Neuorientierung ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie frustrierend es sein kann, gegen althergebrachte Vorstelllungen anzukämpfen. Ich würde aber nicht fragen, wenn ich nicht dazulernen wollte. Ziel bei uns ist sowieso, die kurzzeitige Beweidung aller Flächen, aber da gibt es viele Besitzer und Erbengemeinschaften, die das nicht zulassen, weil sie denken, dass die Hochstämme durch die Ziegen zerstört werden oder dass die Hinterlassenschaften der Tiere den Spaziergängern nicht zuzumuten sind.

Ein Mischkonzept zwischen Beweidung und mehrjährigen Kleinbrachen wäre vielleicht eine gute Alternative, aber das Landratsamt verlangt (soviel ich weiß) generell einen Nachweis über eine Bewirtschaftung der Flächen. Gefördert wird nur, was beweidet oder gemäht wird. Da muss ich mich aber informieren, welche Möglichkeiten noch infrage kommen. Gerade an den steilen Hängen wäre es natürlich auch eine große Arbeitserleichterung, sich nicht jährlich mit Sense und Freischneider abzuplagen...

Gibt es eigentlich eine Auflistung von Spinnen, die Arten benennt, die als Zeiger für besondere Artenvielfalt in dem entsprechenden Lebensraum genommen werden können? Also nach Lebensräumen geordnet.
Wenn man dann z.B. auf beweideten oder brachliegenden Hängen Atypidae nachweisen könnte, die aber auf den gemähten fehlen, das wäre doch vielleicht ein Argument, mit dem man das Amt überzeugen könnte auch brachgelegte Wiesen zu fördern.

Mittelfristig ist sowieso eine schrittweise Kartierung von Flora und Fauna geplant, bis jetzt ist das noch auf Reptilien und Amphibien beschränkt. Vielleicht braucht man aber zuerst eine umfassende Artendokumentation der unterschiedlichen Habitate, um eine veränderte oder fehlende Bewirtschaftung/ Pflege förderungswürdig zu machen? Muss mich informieren mit welchen Konzepten man hier konkret die Diversität fördern kann, bis jetzt war ich der Überzeugung, dass die Verhinderung von Verbuschung das wichtigste Mittel ist um das zu erreichen. Die Diskussion ist für mich jedenfalls ein guter gedanklicher Anstoß.

LG
Jutta









Martin Lemke

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Re: Keine Mahd: Mehr/andere Arten
« Antwort #7 am: 2021-03-09 05:49:31 »
Ich kann nur sagen, das mehrjährige Brachebereiche arthropodentechnisch meist deutlich artenreicher sind als jährlich komplett gemähtes Grünland.

Gemäht wird meines Wissens aus Vogelschutzgründen oder an Feuchstandorten, um Orchideen zu fördern; in der R. 2x jährlich. Von den restlichen Tieren ist kaum eine Gruppe im Artenschutzfokus. Vielleicht noch Zauneidechsen. Spinnen sind jedenfalls gar nicht im behördlichen Artenschutzfokus. Das ist meine Erfahrung. Bei Juttas Verein mag das anders sein. Bei den hiesigen Projekten des BUND geht es immer um Orchideen.

[...] aber da gibt es viele Besitzer und Erbengemeinschaften, die das nicht zulassen, weil sie denken, dass die Hochstämme durch die Ziegen zerstört werden [...]

Das ist ja auch zu erwarten. Ziegenkot habe ich allerdings noch nie wahrgenommen. Selbst dort, wo Ziegenbeweidungs stattfindet.

Zitat
Gibt es eigentlich eine Auflistung von Spinnen, die Arten benennt, die als Zeiger für besondere Artenvielfalt in dem entsprechenden Lebensraum genommen werden können?


Die Vielfalt an Spinnen kann man durch Aufsammlungen feststellen (wir haben ewig keine Forumsexkursionen gemach). Die Artenvielfalt insgesamt, durch Veranstaltungen wie den Geo-Tag der Artenvielfalt, wo unterschieliche Disziplinen an einem Wochenende los ziehen. Das sind die Möglichkeiten jenseits von bezahlten Studien.

Zurück zum eigentlichen Thema ...

@Jonathan: Ich wollte dir etwas zur Suche von A. redii sagen. Du brauchst dafür keinen Kescher. Gehe einfach über Flächen, auf denen vorjährige Dolden stehen und schaue direkt von oben drauf (Bereiche ohne vorjährige Dolden kannst Du igorieren). Das können Ruderalstreifen direkt am Straßenrand sein, Baubrachen usw. Hauptsache nicht wirklich nass. Ich gehe davon aus, dass diese Art nicht nur auf Deinem Hügel vorkommt. Jetzt, im sehr zeitigen Frühjahr, ist genau der richtige Zeitpunkt für die Nachsuche. Du wirst ruckzuck den richtigen Riecher dafür entwickeln.

HTH
Martin
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DAS waren noch Zeiten: Norwegen 2011.

Jonathan Neumann

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Re: Keine Mahd: Mehr/andere Arten
« Antwort #8 am: 2021-03-09 09:32:06 »
Ob ich sie vorher einfach übersehen habe? ich glaube kaum.

Als ich letztes Jahr im April 2x in der Natur war, also weiter weg von Berlin, da gab es die Art überall sehr häufig, auch im Wald.

LG,
jon
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