Autor Thema: Fotografie von Spinnen mit Spiegelreflexkamera  (Gelesen 1521 mal)

Horst Helwig

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Fotografie von Spinnen mit Spiegelreflexkamera
« am: 2009-06-07 09:29:10 »
Hallo,
nach meinen Bildern in der Forumsrubrik “Spinnen bestimmen” wurde ich von verschiedenen Forumsmitgliedern gebeten, etwas zu meiner Fototechnik zu schreiben. Ich melde mich zu dem Thema in dieser Rubrik, da es hier besser diskutiert werden kann.  Im Folgenden stelle ich nur meine erprobte Technik vor und versuche sie mit Bildbeispielen zu belegen. Es gibt auch andere Lösungen, die sicher gleiche oder auch bessere Ergebnissen liefern. Nahezu alle Spiegelreflexsysteme bieten vergleichbare Möglichkeiten. Mit Kompaktkameras habe ich leider keine Erfahrung.

1. Geräte
Kamera: Nikon: D200 (die preiswerteren Modelle mit zweistelliger Nummer von Nikon sind mit einem Balgengerät nur eingeschränkt nutzbar!)
Objektive: Bis Maßstab 1:1 das Micro Nikkor 2,8/105mm (Bild 1). Bei vergrößernden Maßstäben bis etwa 3:1 meist dieses Objektiv an einem Automatikbalgengerät von Novoflex (Bild 2). Bei statischen Motiven nehme ich das Micro Nikkor 2,8/60mm oder ein 50mm Rodagon in Umkehrstellung, mit zusätzlichen Zwischenringen bis 5:1 (Bild 3). Seltener, wenn ein großer Arbeitsabstand erforderlich ist, das Micro Nikkor 4/200mm am Balgengerät (Bild 4).
Beleuchtung: Sehr oft verwende ich ein Nikon SB600 Blitzgerät (seltener bis zu drei Geräte)  mit Diffusor Ultrasoft von Lumiquest. Wenn ich nur mit vorhandenem Tageslicht fotografiere, dann bei zarter Stimmung oder mit Reflex- oder Durchlichtaufheller (Bild 5).
Zur Technik: Bild 6 und 7.
2. Aufnahme
Wenn möglich, fotografiere ich die Tiere im Lebensraum, dort wo ich sie finde. Ein Winkelsucher ermöglicht hier die richtige Perspektive bei bodennahen Aufnahmen (Bild 8). Unruhige Tiere wie Springspinnen bearbeite ich zum Teil unter kontrollierten Bedingungen, teils auf einem Campingtisch im Freien, teils auch zuhause im Studio am Schreibtisch. Fast nichts geht ohne ein stabiles Stativ und soweit möglich mit Spiegelvorauslösung. Da ich (noch?) keine Spinnen sammle und auch nicht wissenschaftlich tätig bin, kommt jedes gefangene Tier in seinen Lebensraum zurück.
3. Nachbearbeitung
Alle Bilder werden im RAW-Format aufgenommen. Nach der Konvertierung mit dem Programm Capture NX erfolgt die grundlegende Bearbeitung meist in Photoshop Elements (Entrauschen, Tonwertkorrektur, Tiefen/Lichter, Farbkorrektur, Abspeichern in TIFF). Für das endgültige Bild dann an einer Kopie, leichter Beschnitt (maximal bis auf 70%, Bild 9), Skalierung, Unscharfmaskierung - fertig.
 
Durchgehend ist ein sehr sorgfältiges Arbeiten erforderlich. Schwächen in meinen Bilder haben ihren Grund meist nicht in der Technik, sondern liegen an mir.
Über eine Diskussion des Themas würde ich mich freuen.

Guido Gabriel

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Re: Fotografie von Spinnen mit Spiegelreflexkamera
« Antwort #1 am: 2009-06-07 10:24:09 »
Hallo Horst,

sehr beeindruckend.
Die technischen Voraussetzungen kann man sicher nicht immer 1:1 umsetzen, drum interessiert mich vielmehr die Bearbeitung der Bilder.

Da habe ich erst einmal festgestellt, daß ich mit völlig anderen Mitteln arbeite, die bei weitem nicht den gewünschten Erfolg erzielt haben. Jetzt habe ich nur 50 % der Dinge angewendet, welche du hier kurz erwähnt hast und habe damit schon eine wesentliche Verbesserung erzielt.

Aber es gibt Dinge die mir unklar sind, weil ich nicht weiß, wie man das macht, bzw. ich die Filter etc. nicht finde.

Aber vielleicht kannst du kurz auch auf die Bearbeitung eingehen. Ich arbeite mit Photoshop, die Unscharfmaskierung und Tiefen / Lichter habe ich ja gefunden; aber wie kann man Bilder in Photoshop entrauschen und mit Skalierung ist sicher die Größenanpassung gemeint, oder?

LG Guido

Arno Grabolle

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Re: Fotografie von Spinnen mit Spiegelreflexkamera
« Antwort #2 am: 2009-06-07 10:41:45 »
Hallo Horst

Sehr professionell, aber alles durchaus nachvollziehbar. Auch wenn ich bei Technik und Aufnahme nicht so viel Aufwand betreibe, wie du, so gehe ich in der Nachbearbeitung fast 100-prozentig konform. Ich bearbeite zwar alles in Photoshop, aber es kommt auf das gleiche heraus.

Was mir in letzter Zeit erst einmal richtig bewusst geworden ist: Man sollte alle Bilder lieber weniger beschneiden, als zu viel. Das jpg fürs Internet sollte nur den relevanten Bildausschnitt zeigen, das abgespeicherte „Rohfoto“ (TIF) aber noch möglichst viel „Fleisch“ um das Motiv haben. Das zahlt sich aus, wenn man so ein Foto mal in irgendwelche Drucksachen einsetzen will (Kalender, Buch) Spätestens dann mus man im Format variabel sein und/oder einen Anschnitt mitdrucken (3 mm Überstand über den Rand der Seite hinaus).
Auch wenn jetzt der/die ein oder andere den Kopf schüttelt und sich sagt: das kommt für mich sowiso nicht infrage, meine Bilder sind nicht gut genug, um gedruckt zu werden. Das kann ganz schnell gehen. Von der Auflösung her bieten unsere digitalen SLR-Kameras locker die Voraussetzungen auch für hochwertigen Print in 300 dpi und warum sollte man nicht zufällig mal genau die Art oder den Blickwinkel/Situatuon abgelichtet haben, die noch benötigt wird für den nächsten Spinnenkalender oder sonst eine Veröffentlichung. Ganz schade ist es denn, senn man just dieses Bild heruntergerechnet, beschnitten und als jpg gespeichert hat. Die Datenmenge darf keine Ausrede mehr sein.

Ein anderes Thema: Ich arbeite in der Nachbearbeitung viel mit mehreren herausgerechneten Bildern pro Motiv. Das RAW-Format enthält ja sehr umfangreiche Daten und bietet die Möglichkeit von einem Motiv helle, kontrastreiche und dunkle, weichere Varianten herauszurechnen, oder verschiedene Lichtstimmungen usw. Manchmal hat man Motive, auf denen der Hintergrund super belichtet ist, die Spinne aber etwas zu hell, oder die rechte Seite des Motivs (weil Blitz von rechts) zu viel Licht abbekommen hat, die linke Seite aber etwas absäuft. In solchen Fällen ist es mit ein paar Handgriffen möglich zwei (oder mehr) renderings eines RAW-Fotos in PS (ich weiß nicht, was PS-Elements da für Möglichkeiten bietet) zu kombinieren (per Verlaufs-Masken oder ganz gezielt mit dem Pinsel).

Noch etwas: Ich arbeite, seit ich es besitze relativ viel mit Helicon-Focus, nicht nur für Mikroskop-Aufnahmen. Gerade bei großen Bildmaßstäben und statischen Motiven (Spinnen, die in Tarnsituationen sind, Beute fressen, oder aus irgendwelchen anderen Gründen minutenlang still halten) bietet sich das geradezu an. Man macht einfach eine ganze Reihe von Bildern und versucht in kleinen Schritten mit der Schärfeebene immer tiefer ins Bild hineinzugehen. Das rausrechnen der RAWs macht nicht mehr Arbeit, als bei nur einem Foto, denn die RAW-Converter sollten alle die Möglichkeit bieten, mehrere Fotos gleichzeitig mit den gleichen Werten zu behandeln. Diesen Bildstapel setzt Helicon dann zu einem Bild mit mehr Tiefenschärfe zusammen. Das klappt in den meisten Fällen sher gut. Und wenn man sowiso mit Stativ fotografiert, liegt solch eine Vorgehensweise ja auf der Hand.
Deinem Foto von T. onustus Kopf hätte mindestens eine Schärfeebene zusätzlich (vor den Augen) sehr gut getan, dann wären z.B. auch die Cheliceren noch scharf gewesen.
Es bietet sich nicht in allen Situationen an, unendlich viel Tiefenschärfe zu haben. Aber mit dieser Technik ist das sehr gezielt steuerbar. Man kann z.B. sechs Ebenen aufnehmen und nach berechnung duch Helicon ein-zwei-drei Ebenen wieder ausklicken.
Das Bild unten besteht aus drei Schärfeebenen.

Leider komme ich draußen auf Exkursionen kaum noch zum Fotografieren. Deshalb entstehen meine Fotos fast ausschließlich „im Studio“ und ich muss dann auch ziemliche Mengen abarbeiten. Leider geht dabei der natürliche Eindruck meist verloren. Deshalb finde ich es gut, dass sich andere so aufs in-situ-fotografieren konzentrieren und dabei so gute Ergebnisse erziehlen.

@Guido: Soweit ich das verstanden habe, arbeitet Horst mit PS-Elements. Das bedient sich zwar grundsätzlich ähnlicher Tools, ist aber doch ein ganz anderes Programm (andere Oberfläche usw.)
Es gibt unter „Filter“ einen Unterpunkt „Rauschfilter“ (heißt in älteren Versionen „Stöhrungsfileter“). Dort dann „Rauschen reduzieren ...“.
Für Rauschreduktion gibt es professionelle Tools, die das noch besser können, als der Standard-Filter von PS (z.B. NeatImage).
Fotografierst du immer mit ISO 800? Ich habe nie rauschen in meinen Bildern (außer in grenzwertig vergrößerten Mikroskopaufnahmen).

Arno
« Letzte Änderung: 2009-06-07 10:53:25 von Arno Grabolle »

Horst Helwig

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Re: Fotografie von Spinnen mit Spiegelreflexkamera
« Antwort #3 am: 2009-06-07 11:14:02 »
Hallo Guido,
ich arbeite in der Regel mit Photoshop elements. Das ist ein einfaches und preiswertes Programm, das (fast) alles bietet, was man benötigt, wenn man als Amateur arbeitet. Gelegentlich verwende ich noch das ältere Phtoshop 7 oder Paint Shop Pro X2.
In Photoshops elements findest Du für das Entrauschen unter Filter - Störungsfilter - Störungen reduzieren ein brauchbares Werkzeug. Diesen Filter wende ich mit Auswahlen nur auf die Bereiche an, die keine Schärfe benötigen.
Einen sehr guten Filter hierfür hat auch das Programm Paint Shop Pro X2: "Rauschen digitaler kameras entfernen".
Photoshop CS hat sicher swhr gute Möglichkeiten, ist mir aber zu teuer.
Wichtig ist auch, das man das Entrauschen gleich am Anfang macht!

Mit Skalierung meine ich die Größenanpassung für den jeweiligen Verwendungszweck.

Horst Helwig

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Re: Fotografie von Spinnen mit Spiegelreflexkamera
« Antwort #4 am: 2009-06-07 11:42:19 »
Hallo Arno,
ich mache das mit dem Beantworten mal getrennt, sonst komme ich durcheinander.
Zunächst zu Thema RAW-Format:
Ich wende auch dieses Format immer an. Dann konvertiere ich nach TIF u.U. auch in verschiedenen Versionen. RAW und diese TIF-Versionen bleiben immer im Archiv. Die TIF-Versionen dienen dann als Grundlage für weitere Ausarbeitungen für den jeweiligen Verwendungszweck. Die weitere Bearbeitung erfolgt aber nur an Kopien dieser Dateien.
Das Zusammensetzen meherer Bildversionen mit Masken mache meist mit Photoshop 7 oder Paint Shop Pro. Insbesondere verwende ich diese Technik an, um Kontraste zu mindern. Photshop elements ist das oft überfordert.
Schärfendehnung wende ich nur gelegentlich an. Helicon-Focus habe ich nicht. Ich verwende dafür das kostenlose Programm CombineZM, das auch sehr gute Ergebnisse liefert. Bei Spinnenfotos habe ich diese Technik aber noch nicht angewendet.
Zur Tiefenschärfe noch ein Hinweis, ich arbeite immer mit förderlicher Blende. Viele Makrofotos sind nach meiner Ansicht durch Beugungsunschärfe verdorben. Insbesondere bei Kompaktkameras mit kleinem Sensor (kleiner Pixelabstand) tritt Beugungsunschärfe sehr schnell auf.
Grüße
Horst

Arno Grabolle

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Re: Fotografie von Spinnen mit Spiegelreflexkamera
« Antwort #5 am: 2009-06-07 19:40:58 »
Ja, das mit der Beugungsunschärfe habe ich auch schon durch. Wenn ich ideal arbeiten wollte, dürfte ich mit meinem Makro nur auf 4 abblenden. Dann sind die Bilder herrlich scharf, aber haben leider viel zu wenig Tiefenschärfe. Ich habe Blende 10 als Kompromiss gewählt. Nur wenn ich ohne Blitz arbeiten muss, gehe ich auf einen Wert um 6–7 runter.

Nein, die RAWs hebe ich nicht auf. Die Masterdatei ist dann das TIF mit den grundlegendsten Bearbeitungen. Da dieses oft schon aus mehreren Ebenen zusammengesetz wurde und Schmutz weggestempelt oder Bildteile eliminiert/ergänzt, erscheint es mir nicht sinnvoll irgendwann noch einmal auf die Rohdaten zurückgreifen zu wollen.

Arno