Autor Thema: Frage zu Cheiracanthium  (Gelesen 944 mal)

Carsten Wieczorrek

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Frage zu Cheiracanthium
« am: 2011-09-21 23:25:12 »
Hallo,
wie sehen eigentlich die Behausungen von Cheiracanthium Arten aus, wenn Sie keine Blätter oder Stengel zum zusammenweben haben? Ich frage, weil ich gerade am Fensterrahmen (also innen) folgendes Gespinst gefunden habe, siehe Bild. Das Objekt ist etwa 4 cm groß und hat oben ein etwa 6 mm großes Loch.
Schönen Abend
Carsten

Michael Hohner

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Re: Frage zu Cheiracanthium
« Antwort #1 am: 2011-09-22 08:44:36 »
Das könnte durchaus der Schlupfwinkel von Ch. sein, evtl. Ch. mildei. So etwas ähnliches habe ich auch am Haus, allerdings noch etwas feiner gewebt.

Carsten Wieczorrek

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Re: Frage zu Cheiracanthium
« Antwort #2 am: 2011-09-23 22:22:44 »
Hallo und guten Abend,
ich glaube, ich habe den Verursacher(in) des Gespinstes gefunden. Sowohl im Wohnzimmer auf einer Blattpflanze als auch im Vorgarten in einer Forsythie habe ich folgende Tierchen gefunden, siehe Bilder. Das Haustier war nur etwa 8 mm groß, das aus dem Garten etwa 10-11 mm. Aber nicht so fett wie meine erste Meldung hier http://forum.spinnen-forum.de/index.php?topic=8726.0. Die wurde als virescens bestimmt.
Die Tiere heute sind meiner Meinung nach deutlich grüner als die blasse mildei aus dem Wiki.
Schönen Abend
Carsten

Wolfgang Schlegel

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Re: Frage zu Cheiracanthium
« Antwort #3 am: 2011-09-24 04:01:59 »
Hallo Carsten,

eine hundertprozentige Bestimmung traue ich mir nach den Photos nicht zu (man sieht weder reife Genitalien noch die Cheliceren in Frontalansicht), ich sehe aber nichts, was gegen Cheiracanthium mildei spricht. Das ist die einzige Cheiracanthium-Art, die ich aus persönlichem Kontakt kenne; wenn hier im Raum Stuttgart ein Cheiracanthium im Haus gefunden wird, scheint es immer Ch. mildei zu sein - ich würde gerne mal eine andere Art sehen. In den Gärten sind sie sehr häufig.

Auf Farbmerkmale kann man nicht viel geben; abhängig vom letzten Häutungszeitpunkt, Ernährungszustand und Luftfeuchtigkeit kann ein und dasselbe Tier ziemlich verschieden wirken - verschieden Anteile von Grau und Gelb, Hinterkörper-Zeichnung sichtbar oder auch nicht; wenn das einfallende Licht einen erheblichen Grünanteil hat, kann das Tier auch ziemlich grün aussehen. Was bei Ch. mildei diesbezüglich fehlt, sind rotbraune Akzente am Vorderkörper wie bei Ch. punctorium.

Eine Ähnlichkeit Deiner Tiere mit den Ch. mildei auf meinen Bildern 1 und 2 meine ich feststellen zu können. Wenn Du's ganz genau wissen willst, musst Du bis zur Reifehäutung abwarten. Was die Maße angeht, brachten es meine allerdicksten mildei-Weibchen auf 9 mm Körperlänge; am Mittelmeer werden sie wohl größer.

Das Gespinst auf Deinem ersten Bild ist der typische Schlafsack, der so oder so ähnlich von Cheiracanthium, aber auch von Clubiona oder Cetonana gewebt wird (vor dreißig Jahren hatte man sie alle in der Familie Sackspinnen versammelt). Bild 3 und 4 ein ungewöhnlich exponierter Rastplatz außen an meinem Zimmerfenster, der auf Bild 3 anwesende Bewohner ist ein reifer mildei-Mann. Auf Bild 5 schließlich ein junges Männchen, das den Kabelanschluß einer Stehlampe in der Wohnung besetzte.

Im Garten sind die Schlafplätze nicht leicht zu finden. Vermutlich werden enge Spalten bevorzugt, ich finde öfters welche im Raum zwischen Garagentor-Blatt und Türstock. Gelegentlich auch auf größeren strukturreichen Blättern (z.B. Geranien).

Die eindrucksvoll zusammengewebten Stengel und Blätter, die ich leider nur von Bildern kenne, werden nicht von allen Cheiracanthium-Arten angelegt. Wie man liest, bauen z.B. Ch. punctorium und Ch. erraticum sowas als Kinderstuben. Ch. mildei tut das offensichtlich nicht; 2010 gab es hier ein echtes Massenaufkommen, aber zusammengewebte Grashalme waren nirgends zu sehen. Dafür fand ich beim Öffnen der Garagentür hinter dem Türblatt einen Kokon aus dichtem und reißfestem Spezialgewebe - allerdings nicht so reißfest, dass er das Öffnen überstanden hätte. Größeren Bruterfolg hat Ch. mildei anscheinend in den Fugen einer nahegelegenen Trockenmauer; dort finden sich immer die stärksten Konzentrationen von Jungspinnen. In Gefangenschaft legen mildei-Weibchen einen +- achtelkugelförmigen Brutkokon in einer Behälterecke an (Radius ca. 25 mm).

Gruß aus Stuttgart
Nach stundenlangem Besinnen
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Carsten Wieczorrek

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Re: Frage zu Cheiracanthium
« Antwort #4 am: 2011-09-24 09:04:36 »
Schönen Guten Morgen!

@Wolfgang
Danke für die ausführliche Antwort. Meinen Frangipani-Baum scheinen sie aber zu mögen, siehe Bild. Ich habe auch im Vorgarten in der Forsythie zwei Gespinste gesehen, die sehen aus wie das im Bellmann bei mildei abgebildete Gespinnst.
Was ich nicht ganz verstehe: so große Gespinste an Fenstern und Zimmerpflanzen hätte ich doch auch in den letzten Jahren bemerken müssen? Haben die in Ihrer Verbreitung gerade erst den Raum Köln erreicht oder fangen die jetzt an, in die Häuser zu gehen?  :-)
Carsten
P.S. Giftwirkung: Das Tier, das mich gebissen hat, hat keinerlei Wirkung erreicht, weder Rötung noch Jucken.

Wolfgang Schlegel

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Re: Frage zu Cheiracanthium
« Antwort #5 am: 2011-09-25 00:23:39 »
   Hallo Carsten,

Köln passt nicht schlecht; Fundmeldungen gibt es gehäuft aus dem Rheintal bis runter zur Ruhr, in Rheinhessen schon in den 1990er Jahren. Man vermutet eine Ausbreitung in nordöstlicher Richtung aus dem Rhonetal. Ich könnte mir denken, dass diese Spinne auch durch menschliche Tätigkeit verbreitet wird - auffällig viele Meldungen aus besiedelten Bereichen. In kalifornischen Weinbergen hat Ch. mildei sich exlosionsartig vermehrt, und die Spinnen werden da kaum hingeschwommen sein. Eine "weiße" Traube wäre ein ideales Vehikel für die Art; perfekte Tarnung bei dieser Färbung. Obst/Gemüse-Transporte? Ist aber reine Hypothese und bedürfte einer Stützung durch Fakten.

Dass sie jetzt (also speziell im Herbst) in Häuser gehen, konnte ich nicht beobachten. Aktiv sind sie im Garten im Frühjahr unmittelbar nach Frostbeendigung und bleiben es bis zum späten Herbst. In dieser ganzen Zeit kommen immer wieder welche rein; reife Männchen, die auf Brautschau sehr agil herumwandern, schwangere Weibchen meinetwegen auf der Suche nach einem Platz für den Kokon und jüngere Spinnen einfach so, weil sie sich verlaufen haben. Ich habe nicht den Eindruck, dass zur Überwinterung das Haus aufgesucht wird. Die Jagdgründe liegen im Garten, wo man viel mehr von ihnen findet als im Haus. Hast Du einen Garten oder Park in der Nähe?

Nach dem Boomjahr 2010 (für Stuttgart) scheint die Population im letzten Winter etwas zurückgefroren zu sein (Weihnachten 2010 hatten wir hier unter -12°C), aber selten sind sie auch 2011 nicht gerade. Vielleicht sind sie jetzt in Köln auf einem Höhepunkt - war's da eventuell wärmer?

Von Cheiracanthium-Bissen habe ich in Stuttgart noch nichts gehört. An einem Mangel an Spinnen kann es nicht liegen. Die Weibchen sind aber nur dann reproduzierbar bissig, wenn sie im Kokon ihre Eier bewachen, und der Kokon wird normalerweise versteckt. Ich habe es tunlichst vermieden, gebissen zu werden. Wenn die Spinnen in Stuttgarter Zeitungen gewürdigt worden wären, hätten Bissmeldungen sicher nicht auf sich warten lassen.

Das wär doch mal was für Köln als Medien-Zentrum - jetzt ist die falsche Jahreszeit, weil sich im Winter kaum mehr jemand von Spinnen schrecken lassen wird; aber wenn man ab Frühjahr entsprechende Informationen an die örtliche Presse oder gleich an RTL gäbe, könnte man mal ein psychologisch-medienwissenschaftliches Experiment unter kontrollierten Bedingungen starten. Da müsste doch mindestens eine Promotionsarbeit in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation drin sein.

   Gruß,

   Wolfgang
Nach stundenlangem Besinnen
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Carsten Wieczorrek

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Re: Frage zu Cheiracanthium
« Antwort #6 am: 2011-09-25 22:11:20 »
Guten Abend,
um das hier mal abzuschließen: ich habe heute Morgen außen im Eingangsbereich so ein Gespinnst an der Decke gefunden. Darin ein dunkler Fleck, also bewohnt. Heute Abend habe ich das Tierchen mal vorsichtig herausgepult und die Cheliceren fotographiert. War gar nicht so einfach.
Carsten