Autor Thema: wichtige ökologische Daten  (Gelesen 2440 mal)

Barbara Pachner

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wichtige ökologische Daten
« am: 2009-06-23 17:20:22 »
Hi,

Ich sitze gerade wie die Böse an der Datenanalyse meiner Diplomarbeit und überlege nun, welche ökologischen Daten für die Charakterisierung von Spinnenarten wichtig sind.
Nachdem mein Hirn schon etwas denkmüde ist (nach div. statistischen Berechnungen), wollte ich euch einmal fragen, was euch da alles einfällt.

Lg B.

Martin Lemke

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #1 am: 2009-06-24 00:02:52 »
Ich sitze gerade wie die Böse an der Datenanalyse meiner Diplomarbeit und überlege nun, welche ökologischen Daten für die Charakterisierung von Spinnenarten wichtig sind.

Hättest Du diese Frage nicht vor Konzeption der Diplomarbeit stellen müssen?

Vielleicht hilft Dir folgende Literatur?

HÄNGGI, A., E. STÖCKLI & W. NENTWIG (1995): Lebensräume mitteleuropäischer Spinnen. Naturhistorisches Museum Basel: 459 Seiten

Ich persönlich finde aber, dass der Titel mehr verspricht als er tatsächlich bietet. Bei Interesse kannst Du aber Ambros Hänggi mal anmailen: Ambros.Haenggi@bs.ch

Martin

Arno Grabolle

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #2 am: 2009-06-24 08:27:52 »
@Barbara: kannst du das noch etwas präzisieren? Geht es darum, ob man bestimmten Spinnen-Arten bestimmte ökologische Rahmenbedingungen zuordnen kann? also sowas wie Bodenfeuchte, Bewuchsdichte usw.?

Arno

Barbara Pachner

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #3 am: 2009-06-24 14:56:06 »
Mir geht es darum, den auf den Untersuchungsflächen nachgewiesenen Arten zuweisen zu können, ob sie z.B. xerophil oder hygrophil sind, welchen Schutzstatus sie haben und in welchen Gebieten man sie noch finden kann.
Das sind eigentlich eher Randdaten, da es bei der Arbeit eigentlich um etwas anderes geht.

Lg B.

Guido Gabriel

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #4 am: 2009-06-24 15:18:45 »
Mir geht es darum, den auf den Untersuchungsflächen nachgewiesenen Arten zuweisen zu können, ob sie z.B. xerophil oder hygrophil sind, welchen Schutzstatus sie haben und in welchen Gebieten man sie noch finden kann.
Das sind eigentlich eher Randdaten, da es bei der Arbeit eigentlich um etwas anderes geht.

Lg B.

Dafür dürfte das Buch, welches Dir Martin vorgeschlagen hat, ideal sein.
Ich weiß auch gar nicht, warum Martin es so schlecht redet, denn es bietet eigentlich sehr viele Informationen.

LG Guido

Aloys Staudt

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #5 am: 2009-06-24 18:56:55 »
Dafür dürfte das Buch, welches Dir Martin vorgeschlagen hat, ideal sein.
Ich weiß auch gar nicht, warum Martin es so schlecht redet, denn es bietet eigentlich sehr viele Informationen.
LG Guido

Da muss ich dir absolut Recht geben! Dieses Buch verfügt über eine ungeheure Informationsdichte
wenn man es mit ähnlichen Arbeiten vergleicht und außerdem erfüllt es auch grundsätzliche
wissenschaftliche Forderungen, wonach Aussagen nicht aus einem "Bauchgefühl" heraus zu treffen
sind, sondern auf Fakten beruhen sollten.

Für Barbara aber ist ein anderes Buch interessanter:
MAURER, R. & A. HÄNGGI (1990): Katalog der schweizerischen Spinnen. - Documenta Faunistica Helvetiae, Bd. 12

Darin werden für jede schweizer Spinnenart zahlreiche Angaben zur Ökologie und dem präferierten
Lebensraumtyp gemacht.

Für Atypus piceus steht da z.B:

S: O
LW: t
F: mx
LRT: T

was verschlüsselt ist für:

im Boden, unter Steinen, in Tierbauten
thermophile Art
meso-xerophile Art
an Trockenstandorten, Felsenheiden usw.


____________
Aloys
PS: ich plane übrigens meine Artenreferenzliste bei den Nachweiskarten mit solchen Daten zu erweitern.
Es gibt da noch vieles mehr was für Auswertungen oder Abfragen interessant sein könnte.

 

pfeiffer

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #6 am: 2009-06-25 02:09:26 »
Für Atypus piceus steht da z.B:

S: O
LW: t
F: mx
LRT: T

was verschlüsselt ist für:

im Boden, unter Steinen, in Tierbauten
thermophile Art
meso-xerophile Art
an Trockenstandorten, Felsenheiden usw.

Ach, ich wusste schon, dass Schweitzerdeutsch schwierig zu verstehen ist, aber das es sich auch so schwer lesen lässt... :-p

-K

Martin Lemke

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #7 am: 2009-06-25 08:25:22 »
Dafür dürfte das Buch, welches Dir Martin vorgeschlagen hat, ideal sein.

Da muss ich dir absolut Recht geben!

Wo findet man in dem Bucht Angaben darüber, ob eine Art xerophil ist? Ganz davon abgesehen, dass es da regionale Unterschiede geben kann.

Mir hat das Buch bisher nicht viel bieten können. Informationsdichte hin oder her. Wo liegt der praktische Nutzen?

Martin

Aloys Staudt

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #8 am: 2009-06-25 13:40:52 »
Wo findet man in dem Buch Angaben darüber, ob eine Art xerophil ist? Ganz davon abgesehen, dass es da regionale Unterschiede geben kann.
Mir hat das Buch bisher nicht viel bieten können. Informationsdichte hin oder her. Wo liegt der praktische Nutzen?
Martin

Wie der Titel schon vermuten läßt, geht es darin um die Bindung der Arten an spezifische
Lebensräume, nicht unmittelbar um die physiologischen bzw. ökologischen Ansprüche der
Arten. Über die Kenntnis dieser Bindung kann man natürlich auf die ökologischen (nicht so sehr
auf die physiologischen) Ansprüche der Arten schließen. So etwas kann man übrigens
über Laborversuche überhaupt nicht ermitteln.

Man könnte diese Angaben z.B. für eine naturschutzfachliche Bewertung nutzen, so nach dem
Motto, je mehr stenöke Trockenrasen-Arten auf der Fläche sind, um so wertvoller ist der
betrachtete Trockenrasen.

Martin Lemke

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #9 am: 2009-06-26 09:42:46 »
Man könnte diese Angaben z.B. für eine naturschutzfachliche Bewertung nutzen, so nach dem
Motto, je mehr stenöke Trockenrasen-Arten auf der Fläche sind, um so wertvoller ist der
betrachtete Trockenrasen.

OK.

Interessant ist, dass z. B. Agalenatea redii nur mit weniger als 25 Nennungen enthalten ist und damit hinten in den Anghang verbannt wurde.

A. redii ist in der Schleswig-Holsteinischen Roten Liste als gefährdet eingestuft und wird mit Dünen in Verbindung gebracht. Das ist eine Art, die ich sehr häufig nachgewiesen habe und meinen Erkenntnissen nach auf jeder Ruderalfläche vorkommt und typischer Besiedeler von beispielsweise Baubrachland ist.

Es gibt mir sehr zu denken, dass A. redii 1998 als gefährdet eingestuft wurde und auch hier (Hänggi 1995) so wenig erwähnt wird und dass die Art heute so gewöhnlich ist; momentaner Stand: 317 Nachweise auf 76 Viertelquadranten und 41 TK25. Gemäß den Häufigkeitsangaben nach Reinke, H.-D., U. Irmler & A. Klieber (1998) (Die Spinnen Schleswig-Holsteins – Rote Liste) kommt die Art in S.-H. also sehr häufig vor. Wahrscheinlich nimmt die Verbreitung der Art zu. Interessanterweise gibt es aber auch Gegenden, in den ich die Art bisher nicht nachweisen konnte.

Ich glaube, ich sollte ebenfalls eine Beifang-Statistik implementieren. Eine Biotopstatistik habe ich ja schon:


Martin
« Letzte Änderung: 2009-06-26 09:46:19 von Martin Lemke »

pfeiffer

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #10 am: 2009-06-26 19:41:56 »
Ich glaube, ich sollte ebenfalls eine Beifang-Statistik implementieren. Eine Biotopstatistik habe ich ja schon:


Wo steckt der Schlüssel (die Legende)?

-K

Martin Lemke

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #11 am: 2009-06-27 05:50:39 »
Wo steckt der Schlüssel (die Legende)?

Offensichtlich kennst Du meine Nachweiskarten gar nicht! Sind die nicht interessant?

Die Angabe zur Legende steht unter der Grafik als LInk auf den Nachweiskarten: http://spinnen-forum.de/artikel/biotoptypen.php

Nachweiskarte: http://spinnen-forum.de/funde.php?name=Agalenatea+redii

Martin

Barbara Pachner

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #12 am: 2009-06-27 20:32:47 »
Danke einmal für den Buchtip.
Werde ich mal anschauen gehen.

Lg B.

Martin Lemke

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #13 am: 2009-06-28 06:12:46 »
Werde ich mal anschauen gehen.

Wenn Du es nicht irgendwo per Fernleihe bekommst, solltest Du es direkt bei Ambros bestellen. Da ist es am günstigsten.

Martin

Aloys Staudt

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #14 am: 2009-06-28 14:58:41 »
Interessant ist, dass z. B. Agalenatea redii nur mit weniger als 25 Nennungen enthalten ist und damit hinten in den Anghang verbannt wurde.
Das war nicht anders zu erwarten, da ökologische Arbeiten zu 99% mit Bodenfallen arbeiten,
und wann fällt schon mal ein Netzbewohner in eine Bodenfalle? Außerdem ist es bei Netzbewohner
sehr viel schwieriger von den Habitat- bzw. Lebensraumeigenschaften auf die ökologischen Ansprüche
der Art zu schließen.

A. redii ist in der Schleswig-Holsteinischen Roten Liste als gefährdet eingestuft und wird mit Dünen in Verbindung gebracht. Das ist eine Art, die ich sehr häufig nachgewiesen habe und meinen Erkenntnissen nach auf jeder Ruderalfläche vorkommt und typischer Besiedeler von beispielsweise Baubrachland ist.
Auch das wundert mich nicht. Wenn man nämlich die spezifische Artenausstattung von unterschiedlich
alten Dünen untersucht und dafür z.B. 50 Objekte untersucht hat, Kann man zwar die Stetigkeit einer
bestimmten Art auf spezielle Dünentypen errechnen, darf aber die Daten nicht als Bindung an diese Typen
interpretieren, da es neben Dünen noch sehr viele andere Lebensraumtypen gibt, die aber nicht untersucht
wurden.
Das ist ein echtes Problem, da die nicht untersuchten Typen natürlich in der Masse die
untersuchten immer übertreffen. Das ist auch in den Nachweiskarten so. Um ein Raster als
komplett abgearbeitet zu erklären, müßten so ca. 100 Lebensraumtypen an mehreren Stellen
mit mehreren Fangmethoden abgearbeitet werden - das kann niemand leisten!

Eine Biotopstatistik habe ich ja schon:

Da Du die Schwächen von Hänggis Tabellen so hervorhebst, wollen wir doch mit dem gleichen kritischen Blick
deine eigenen Statistiken betrachten:
Wir können z.B. bei A. redii ablesen: ca. 140 mal im Grünland, und 100 mal auf Ruderalflächen gefunden. Doch
was können wir für die Lebensraumbindung der Art daraus ableiten, außer dass sie ein gewisses breites Spektrum (nämlich mindestens 8 von 17 Typen) besiedelt? Bevorzugt sie z.B. Grünland und Ruderalflächen wie man bei
vorschneller Deutung der Grafik glauben könnte? Denn wenn Du bereits 2000 Wiesen zur günstigen Jahreszeit
untersucht hast, sind 140 Funde nichts und umgekehrt, wenn Du im gleichen Zeitraum 60 Trockenrasen untersucht hast und dort war die Art auf 50 davon vertreten, könnte das durchaus signifikant sein. Wenn Du
aber erst 3 Waldstandorte untersucht hast und dort war die Art überhaupt nicht dabei, könnte sie trotzdem noch
eine typische Waldart sein.
Die Daten müßen also in eine statistische Auswertung, die neben den Funden auch die Nichtfunde und die
Zahl der Aufsammlungen insgesamt, berücksichtigt. Anschließend muss dann noch eine Prüfung auf Signifkanz
erfolgen, damit das Ergebnis auch richtig eingeschätzt werden kann.
Aber auch so eine Statistik setzt natürlich voraus, dass alle Lebensräume, in deinem System wären es ja 17,
einigermassen gleich gut (von der Anzahl her) untersucht sind.
Außerdem gibt es ja noch das Problem, dass es sowohl seltene als auch häufige Arten gibt und dass
auch häufigere Arten bereits in einem so kleinen Gebiet wie Norddeutschland Verbreitungslücken haben,
die sich auf dem Niveau der 17 Lebensraumtypen nicht so recht erklären lassen.
___________
Aloys



Martin Lemke

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Re: wichtige ökologische Daten
« Antwort #15 am: 2009-06-29 13:12:02 »
a) Ich habe keine Statistik darüber, welche Lebensraumarten ich untersuchte und welche nicht.
b) Es ist auch nicht immer ganz einfach zu entscheiden, welchem Lebensraumtyp man einen Fundort zuzuordnen hat:

Gestern war ich in einem Gebiet, das von lockerer Bewaldung ohne Naht in Trockenrasen über geht. Da war es schwierig zu sagen, ab wann ich im Wald und ab wann ich auf dem Trockenrasen bin. Eine gewisse Ungenauigkeit ist also nicht zu  vereiden.

c) Nichtnachweise sind praktisch nicht möglich.

A. redii finde ich selten auf feuchten Wiesen, aber es kommt definitiv vor. Es gibt Gegenden, wo ich sie trotz intensiver Suche nicht fand.

Einen wichtigen Faktor, weshalb ich über diese Art viele Nachweise habe, ist natürlich der, dass ich diese Art auch im juvenilen Stadium bestimmen kann. Wäre ich auf adulte Exemplare angewiesen, hätte ich erheblich weniger Nachweise. Für die Erfassung der Verbreitung spielt es keine Rolle, ob ich juv. oder adulte Tiere bestimme. Da ist jeder Nachweis recht.

Wollte ich aber die Erfassungsrate in Relation zum Erfassungstand anderer Arten setzen, bekomme ich ein Problem.

Meine Biotopauswertung zeigt lediglich, in welchen Biotopen ich die Art bisher fand. Mehr nicht.

Meine Kritik an Hänggis Arbeit war nicht grundsätzlicher Natur, sondern ich merkte nur an, dass ich mir von dem Werk für mich mehr Nutzen erhofft hatte, als es mir letztendlich bot.

Martin